Mit dem Verlag Die Werkstatt am Ball

Roman Beljutin

von Roman Beljutin – Mein Name ist Roman Beljutin, ich bin Sprachwissenschaftler aus Smolensk (Russland) und unterrichte auch Deutsch als Fremdsprache an der Staatlichen Universität Smolensk. Ich spiele selbst Fußball und forsche seit zwölf Jahren zur Spezifik der deutschen Sport(-Fußball)-Sprache. Mein Herz schlägt für Spartak Moskau, aber weil ich viele Freunde aus Deutschland habe, die leidenschaftliche Fußballfans sind, bin ich inzwischen zum polyamourösen Fan geworden – ich jubele mit, wenn Bochum, der FCN, Braunschweig oder die Borussia gewinnen; es macht mich aber traurig, wenn mir meine Freunde mitteilen, dass ihre Lieblingsvereine verloren haben.

Die Sportbücher des Verlags Die Werkstatt begleiten mich und meine wissenschaftliche Laufbahn seit vielen Jahren. Angefangen hat alles mit der Besichtigung des Verlags in Göttingen, die Herr Bausenwein und Herr Schünemann 2012 für mich organisiert haben. Ich habe ihnen von meinen wissenschaftlichen Interessen erzählt, und ihre Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Verlassen habe ich den Verlag damals mit 15 Büchern, die ich dann als empirisches Material für meine Habilitation benutzt habe.

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Hier spricht man deutsch

Dietrich Schulze-Marmeling, Foto: Johannes Hölker

von Dietrich Schulze-Marmeling – „Wir wollen den Kern unserer Kabine und der Mannschaft deutsch haben. Wir wollen die Tugenden des deutschen Fußballs hier haben und den deutschen Fußball auch in der Welt repräsentieren.“ So Hasan Salihamidzic, Hoeneß-Ziehkind und Sportdirektor des FC Bayern, zur künftigen Kaderpolitik des Rekordmeisters.

Was Salihamidzic unter „deutschen Tugenden“ versteht, bleibt unklar. Möglicherweise das, was schon immer darunter verstanden wurde: Leistungs- und Kampfbereitschaft, worauf „sich jeder Fußballprofi einigen kann“, wie Johannes Dudziak in der „Zeit“ schreibt. Eigentlich auch jeder Amateurfußballer. Auch ist mir nicht bekannt, dass es anderen Völkern an Leistungs- und Kampfbereitschaft mangelt. Leider ist das Gerede von „deutschen Tugenden“ häufig ein Hinweis auf eine etwas schlichte Vorstellung vom Spiel. Und dass man eine ansehnliche Spielkultur für nebensächlich hält.

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WM-Fußball und Ballbesitz

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling Während und nach der WM wurde das Ende des Ballbesitzfußballs diagnostiziert. Dass dieses Turnier wegweisend für die weitere Entwicklung des Fußballs war, bezweifle ich. Russland 2018 war eine zweitklassige Veranstaltung, auf der Turnierfußball gespielt wurde. Folglich kann so manche Lehre auch nur auf den Turnierfußball Anwendung finden.

Die WM 2018 war einfach keine für Mannschaften, die ihre Tore erspielen wollten. Gegen defensiv gut stehende Teams fielen die Tore zu häufig nach Standards. Erspielt wurden Ecken, Freistöße und Einwürfe. Hoch aufgeschossene Innenverteidiger wurden so zur wichtigsten Angriffswaffe. Mancher erblickte darin einen neuen Trend. Aber es war eher ein Indiz für einen Mangel an spielerischer Qualität. Bei der WM fielen 45 Prozent der Tore nach Standardsituationen. In der Bundesliga waren es in der Saison 2017/18 lediglich 30,6 Prozent, in der Premier League sogar nur 26 Prozent. Je besser der Fußball, desto geringer die Zahl der Tore, die aus Standardsituationen resultieren.

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Manuel, Mesut und Uli

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Manuel Neuer beklagt einen Mangel an Nationalstolz in der Nationalmannschaft: „Wir müssen wieder die Spieler da haben, die wirklich stolz sind, für die Nationalmannschaft zu spielen und alles dafür geben, für das eigene Land zu spielen.“ Neuer erwähnt Mesut Özil nicht namentlich, aber aus dem Kontext geht hervor, dass er ihn zumindest auch meint. Dass Neuer möglicherweise nachvollziehbare Gründe hat, auf Özil sauer zu sein, dazu später. Dass er nicht ein Wort über die rassistische Hetze gegen Özil verliert, zeugt von einem Mangel an Souveränität und ist ein Armutszeugnis. Und während sich die Kollegen Jérôme Boateng, Antonio Rüdiger, die selber schon Opfer rassistischer Attacken waren, Julian Draxler und Julian Brandt bei Özil nach dessen Rücktritt bedankten oder ihn gegen überzogene Kritik in Schutz nahmen, ist Neuers Statement auffallend empathielos und eines Kapitäns unwürdig. Neuer ist kein Rechter, aber wenn er Özil unterstellt, er sei nicht stolz darauf gewesen, für Deutschland zu spielen, übernimmt er deren Erzählung. Vor der WM schrieb das rechtsextreme Magazin „Compact“ über Özil und Ilkay Gündogan, dass die beiden „‚Deutsch-Türken‘ – eigentlich sind es Türken mit nachgeschmissenem deutschen Pass – uns allen die Freude an der WM vermiesen“. Jeder wüsste, dass „solche Typen nichts mit den Traditionen eines Fritz Walter, Franz Beckenbauer oder Olli Kahn zu tun haben und auch nicht zu unseren aktuellen Hoffnungen wie Timo Werner und Manuel Neuer passen“. Für diese Vereinnahmung konnte Neuer nichts. Aber für die nächste aus dieser Ecke sehr wohl.

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Hooliganprozess in Leipzig

Robert Claus

von Robert Claus – Am 11. Januar 2016, am Rande des einjährigen Bestehens von Legida, randalierten über 200 Neonazis und rechte Hooligans durch den alternativen Leipziger Stadtteil Connewitz. Dort ist auch die Fanszene der BSG Chemie Leipzig beheimatet. Es sollte ein Fanal gegen die als links geltende Fanszene sowie die staatliche Migrationspolitik werden. Im August 2018 beginnen die ersten Prozesse.

Die Gruppe organisierte ihre Aktion geheim und bestens vorbereitet. Zahlreiche Fensterscheiben lokaler Geschäfte wurden eingeworfen, Autos angezündet. Ein Schaden von 112.000 Euro entstand. Der Polizei gelang es an jenem Abend, über 200 Tatverdächtige festzunehmen: neben einer Reihe an rechter Politprominenz aus Sachsen vor allem Hooligans aus fast allen Fanszenen der Region. Szenekundige Beamte ordneten sie wie folgt zu: Lok Leipzig (41), Hallescher FC (1), Dynamo Dresden (16), Rot-Weiß Erfurt (4), Carl-Zeiss Jena (2), Chemnitzer FC (1), RB Leipzig (1). 39 von ihnen waren auch in der umstrittenen Datei „Gewalttäter Sport“ verzeichnet. Somit befindet sich die Gruppe dieses Übergriffs in einer langen Tradition der Vernetzung zwischen Neonazis und rechten Hooligans in Sachsen. Sie reicht zurück bis zu den „Skinheads Sächsische Schweiz“ (SSS) und den „Hooligans Nazis Rassisten“ (HooNaRa).

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Der DFB, sein Präsident und ihre Erklärungen

Dietrich Schulze-Marmeling, Foto: Johannes Hölker

von Dietrich Schulze-Marmeling – Am Wochenende des WM-Finales forderte Reinhard Grindel in einem Interview, Özil müsse sich zu Erdogan äußern – zwei Monate nach dem Fotoshooting mit dem Autokraten. Grindel begründete dies mit einem „veränderten Resonanzboden für das Thema Integration“, benutzte somit die rassistische Stimmung im Land als Druckmittel.*

Zur rassistischen Hetze gegen Özil verlor der DFB-Boss kein Wort. (Schon bei den rassistischen Attacken gegen Özil im September 2017 während des WM-Qualifikationsspiels in Prag – aus der deutschen Kurve wurde „Özil abschieben, Ausländer raus!“ skandiert – war die Reaktion des DFB lauwarm ausgefallen. Die Verantwortlichen waren darum bemüht, das Thema herunterzuspielen.)

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Kampagnen sind nicht genug

Christian Thibault

von Christian Thibault – Niemand möchte als Rassist bezeichnet werden, und doch steht jetzt in der Causa Özil der Rassismusvorwurf im Raum. Rassismus ist eine Ideologie, die wissenschaftlich widerlegt ist, es gibt keine verschiedenen Menschenrassen. Daher kann auch nicht eine Rasse mehr wert sein als die andere. Das wissen wir. Wie sollen wir da also Rassisten sein? Wir reden ja auch nur über die Kultur mancher Herkunftsländer und die mangelnde Integration der türkischen Mitbürger. Ach ja, und der Islam, wie soll der denn, bitte schön, nach Deutschland passen? Und doch steht der DFB jetzt vor dem Scherbenhaufen seiner Integrationsarbeit, und alle die schönen Fernsehkampagnen gegen Rassismus klingen nur noch hohl.

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UFC in Hamburg

von Robert ClausDie Ultimate Fighting Championship (UFC), der weltweit größte Mixed-Martial-Arts-Veranstalter, gastiert einmal jährlich in Deutschland. Wie schon 2017 machte die Promotion am vergangenen Sonntag in Hamburg Halt und bot ein anspruchsvolles Kampfsportevent. Die Kommerzialisierung des MMA hat jedoch ihr Für und Wider.

Die Halle ist dunkel, auf den vier großen Videoleinwänden in der Hamburger Barclaycard Arena wird ein Trailer für kommende Events eingespielt: Zu dicken Bässen trainieren TJ Dillashaw und Cody Garbrandt in verrucht ausgeleuchteten Gyms, ihre besten Fightmoves werden wiederholt, in schnellen Schnitten inszeniert. Es ist die Ankündigung für die UFC 227, die Rivalität der beiden Kämpfer hat Geschichte. Bei der UFC 217 im November 2017 gewann Dillashaw den Titelkampf der beiden. Die UFC weiß das Rematch in Szene zu setzen, solche Kämpfe medial aufzubauen. Denn für sie ist MMA Sport und Unterhaltung im ganz großen Stil.

Und unter der Leinwand in der Hamburger Arena? Die Leute beginnen, sich zu langweilen. Der Trailer wird nicht zum ersten Mal abgespielt, er dient als Pausenfüller. Und davon gibt es genügend. Die ersten Kämpfe des Abends gingen nicht alle über die volle Distanz von drei Runden, man liegt gehörig vor dem Zeitplan. Vorziehen kann man die restlichen Kämpfe kaum. Denn alle Kämpfer haben ihr Warm-Up-Programm. Doch vor allem geht es ums Pay-per-View. Damit alle zahlenden Kunden auf ihre Kosten kommen, dürfen die Hauptkämpfe nicht vor 20 Uhr beginnen. Zum Teil sehr zähe und lange Kampfpausen sind die Folge.

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„Die Arbeit auf dem Platz muss wieder im Vordergrund stehen“

Dietrich Schulze-Marmeling

Dietrich Schulze-Marmeling im Gespräch mit Lars Mrosko, ehemals u.a. Scout beim FC Bayern und VfL Wolfsburg – Das Wochenende, an dem Deutschland die Schweden in letzter Sekunde schlug, verbrachte ich in Berlin. Eigentlich stand ein Besuch der Waldbühne auf dem Programm, wo Simon Rattle sein Abschiedskonzert gab. Aber ein Infekt, den ich mir in Russland zugezogen hatte, haute mich nieder. So verbrachte ich die meiste Zeit im Bett unseres Hotels in Kreuzberg, von wo aus ich ein Geräusch vernahm, das ich kaum noch kannte: das Geräusch von auf der Straße kickenden Kindern.

In einer einigermaßen fitten Stunde schwang ich mich aufs Fahrrad und fuhr zum etwa zwei Kilometer entfernt gelegenen Platz von Türkiyemspor Berlin. Nach dieser elenden Debatte um die Deutschtürken im deutschen Nationaltrikot war mir irgendwie danach. Bei Türkiyemspor fand gerade ein Kinderturnier statt, und zwar auf einem Kunstrasenplatz, bei dem die besorgten Väter und Mütter münsterländischer Mittelstandskids ihre Kleinen in Watte eingepackt und einen Fahrradhelm mitgegeben hätten. Betonhart, schon der pure Anblick verursachte Schmerzen in den Gelenken. Umso netter und herzlicher war die Atmosphäre bei diesem Turnier, entsprechend den Botschaften, die auf einer Tafel im Vereinsheim mitgeteilt wurden:

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Deutsch dank Özil

Robert Claus

von Robert Claus – Seit dem blamablen Ausscheiden der DFB-Auswahl in Russland werden die Gründe für den sportlichen Misserfolg intensiv diskutiert. Besonders Mesut Özil steht dabei – wieder einmal – im Fokus der Debatte. Kritiker werfen ihm ein lustloses Spiel sowie fehlende Identifikation mit Deutschland vor, was nicht zuletzt daran festgemacht wird, dass er die Nationalhymne vor Spielbeginn nicht mitsingt. Unterstützer Özils hingegen halten fest, wie viele Zweikämpfe er gewonnen und Chancen er kreiert habe. Das kann man machen, es verfehlt aber einen zentralen Punkt in der Debatte: die Funktionsweise von Rassismus.

Der britische Soziologe Stuart Hall schrieb einmal, die weißen Engländer*innen seien nicht rassistisch, weil sie die Schwarzen hassten, sondern weil sie ohne die Schwarzen gar nicht wüssten, wer sie selber sind. Hall, im Februar 2014 verstorben, hätte mit seinem Ausspruch auch die Debatte um „Integration“ in Deutschland meinen können. Beispiele gefällig?

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