„Genug ist nicht genug“

von Hardy Grüne – Sandro Wagner möchte bedauert werden. Seine „komplette Jugend“ habe er vernichtet, um für Geld Fußball spielen zu können. „Du hast kaum Freunde in der Jugend, kannst nicht einfach in die Disco abends. Da musst du fit sein, da hast du Spiele“, klagt er über die Folgen der regelmäßigen Trainings- und Übungseinheiten, die der Versuch, im Leistungssport eine Karriere hinzulegen, so mitbringen.

Klingt ein bisschen nach dem 13-jährigen Mädel aus meiner Nachbarschaft, die beim örtlichen Handballklub spielt und fast jeden Sonntagmorgen um 9 Uhr auf der Platte zu stehen hat. Mit 13 ist sie noch nicht im Disco-Alter, doch ihr künftiges Problem ist absehbar, denn sie ist ehrgeizig und will eines Tages in der Verbandsligamannschaft ihres Klubs spielen. Dazu braucht es nicht nur Ehrgeiz und Talent, sondern vor allem Bereitschaft zum Verzicht.

Ihre Sportsachen zahlt sie übrigens selbst. Wie auch den Mitgliedsbeitrag beim Verein, damit sie überhaupt spielen kann. Und wie die Mannschaft am frühen Sonntagmorgen zu den Auswärtsspielen in bis zu 50 Kilometer vom Wohnort entfernte Sporthallen kommt, ist allwöchentlich hitzig diskutierter Streitpunkt unter den Eltern der jungen Damen. Denn die leisten den entsprechenden Fahrdienst. Ehrenamtlich, auf eigene Kosten und mit persönlichem Risiko. Willkommen in der Welt des Leistungssports.

Verdienen Profifußballer genug? Sandro Wagner hat seine Meinung zu diesem Thema kundgetan. Foto: "Icetea 99" (Autor), "Sandro Wagner nach Tor", Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sandro_Wagner_im_Trikot_von_Darmstadt.jpg
Verdienen Profifußballer genug? Sandro Wagner hat seine Meinung zu diesem Thema kundgetan. Foto: „Icetea 99“ (Autor), „Sandro Wagner nach Tor“, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sandro_Wagner_im_Trikot_von_Darmstadt.jpg

Sandro Wagner meint, wenn man sich so vehement für eine Sache einsetze, wie er es getan habe, müsse man entsprechend entlohnt werden. Und dann seien selbst 12 Mio. Euro, wie sie so mancher Kollege beim FC Bayern einsackt, längst nicht genug. Mir fällt es schwer, bei diesen Aussagen nicht zynisch zu werden. Zumal in Zeiten, in denen breite Bevölkerungsschichten Sorgen um ihre Renten haben und vor allem die Jugend häufig vor der Aussicht auf eine schleppende Karriere im Prekariat steht.

Bloß weg von der Neid-Kultur

Sandro Wagner meint zudem: „Wir sollten auch mal von dieser Neid-Kultur wegkommen in ganz Deutschland.“ Und erinnert im selben Atemzug daran, dass „die Profis in den amerikanischen Ligen auch deutlich mehr bekommen“. Klingt da etwa Neid durch? Kann ja eigentlich nicht sein, denn Herr Wagner will ja „mal von dieser Neid-Kultur wegkommen“. Das gilt auch beim Thema Fahrzeug. Während sich die 13-Jährige aus der Nachbarschaft bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zur Sporthalle quält, wünscht sich Herr Wagner Respekt für sich und sein Fahrzeug der Wahl (das ich nicht kenne, aber es wird vermutlich kein Fahrrad sein). Und schaut neidvoll zu den Briten: „In England zum Beispiel feiern die Fans, wenn du mit einem geilen Auto kommst. Wenn du bei uns ein gutes Auto hast, musst du es fünf Ecken weiter parken, damit keiner neidisch ist.“ Das sei, so Sandro Wagner, „lächerlich“.

Doch wenden wir uns einen Moment ab von den Problemen des Herrn Wagner und widmen uns einem weiteren Fußballprofi, dessen Bezüge ebenfalls deutlich über denen des Mindestlohns liegen. Juan Mata von Manchester United. Der sagte dem spanischen TV-Sender „Salvados“ am vergangenen Wochenende: „Mit allem Respekt vor dem Rest der Gesellschaft muss man eingestehen, dass wir im Vergleich lächerlich viel Geld verdienen.“ Mata leistet damit etwas, was Wagner völlig abgeht, nämlich den Versuch, eines über die Binnensicht der eigenen Lebensrealität hinausgehenden Blickwinkels. „Die Welt des Profifußballs als Maßstab genommen, verdiene ich ein normales Gehalt. Aber verglichen mit 99,9 Prozent der spanischen Gesellschaft und dem Rest der Welt ist es ein unanständiger Lohn“, verdeutlicht Mata – chapeau.

Ich sehe zwei Dinge als Problem. Zum einen die seit längerem intensiv diskutierte Flutung des Profifußballs mit Geldmassen vor allem in England, aber auch in anderen Ländern wie u.a. Deutschland. Sie hat das Potenzial zu einer mächtigen Blase, die, wenn sie denn eines Tages platzen wird, eine „interessante Landschaft“ hinterlassen könnte. Zum anderen erkenne ich aber in der Wagner’schen Aussage eine vielsagende Fehleinschätzung der eigenen Lebensrealität. Man spricht ja in diesem Zusammenhang ganz gerne von „Parallelwelt“.

„Verlust der Jugend“

Wagner erhebt aus seinem persönlichen Einsatz, mit dem er seit frühesten Jugendjahren versucht hat, „ganz nach oben“ zu kommen einen Anspruch auf angemessene (üppige) geldwertliche Entlohnung, nachdem er nun „oben“ angekommen ist. Zunächst: Natürlich hat er Recht, wenn er den immensen Zeitaufwand und den „Verlust der Jugend“ beklagt, der nötig ist, um Profifußballer zu werden. Aber: Das wagen jedes Jahr zehntausende von Jungs und Mädchen, von denen am Ende jedoch nur ein Promilleanteil in der Lage sein wird, seinen Lebensunterhalt mit dem Sport zu finanzieren. Und da liegt mein Fokus auf „finanzieren“ und nicht „reich werden“, denn ich zähle auch diejenigen Akteure dazu, bei denen sich im Laufe der Ausbildung herauskristallisierte, dass es eben doch nicht für die Bundesliga oder gar Champions League reicht, sondern eben nur für die Regionalliga oder gar Oberliga. Und die nun für ein solides Facharbeitergehalt die Stiefel für Klubs wie FSV Wacker Nordhausen oder SVN Zweibrücken schnüren, wo von der Geldschwemme nur dann etwas ankommt, wenn irgendein Sponsor der Meinung ist, sein Geld genau bei diesen Klubs investieren zu wollen. (Dass die Vereine damit in einseitige Abhängigkeit geraten und gerne mal scheitern, wenn der Geldgeber die Lust verliert – Stichwort SVN Zweibrücken –, ist ein anderes Thema.)

Für den durchschnittlichen Zweit- oder Drittligaspieler ist es sicherlich nicht möglich, während seiner vielleicht 15-jährigen Profikarriere so viel Geld zu verdienen, dass er seinen Lebensstandard über das Karrierende hinaus durch Miet- oder Zinseinnahmen halten kann. Aber er hat die Möglichkeit, sich Standbeine aufzubauen, und durch seinen Bekanntheitsgrad hat er dabei zudem einen immensen Vorteil gegenüber nicht so prominenten Mitbewerbern. Wer also als Zweit- oder Drittligaspieler mit Einkünften zwischen 200.000 und 800.000 Euro im Jahr nach seinem Karriereende in die Arbeitslosigkeit schlittert hat, sorry, etwas falsch gemacht. Da ist in meinen Augen jegliches Bedauern fehl am Platz.

Für Sandro Wagner hat sich der „Verlust der Jugend“ finanziell sicherlich gelohnt. Wäre er den normalen Karriereweg gegangen, könnte er von von einem Ferrari tatsächlich nur träumen. Vor allem aber ist er „oben“ angekommen, wohingegen sich bei tausenden anderer Sportler der mit der Hoffnung auf einen Durchbruch verbundene „Verlust der Jugend“ eben nicht auszahlt. Sie haben Zeit und Lebensqualität geopfert, ohne das Ziel zu erreichen. Und sie stehen tatsächlich vor einem Problem, wenn die vergleichsweise kurze Fußballerkarriere vorbei ist. Und genau das macht Wagners Aussagen für mich zu Gejammer auf unerträglich hohem Niveau.

 

Hardy Grüne ist Buchautor und Mitherausgeber von „Zeitspiel – Magazin für Fußball-Zeitgeschichte“.

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