Geschichte als dritte Halbzeit – eine Replik auf Markwart Herzog

Der Religionsphilosoph Markwart Herzog hat rechtzeitig zum Pokalfinale den FC Bayern zur Aufarbeitung seiner Geschichte im Nationalsozialismus gemahnt.

Zu den entsprechenden Artikeln „Münchner Protokolle“, Spiegel Nr. 21/2016, sowie „FC Bayern sollte NS-Geschichte aufarbeiten“, SZ vom 21.5.2016, hier nun eine Entgegnung von Dirk Kämper, Autor des Buches „Kurt Landauer. Der Mann, der den FC Bayern erfand“, erschienen im Orell Füssli Verlag, Zürich 2014.

von Dirk Kämper – Mit großem Erstaunen habe ich die Erkenntnisse von Markwart Herzog in Spiegel und Süddeutscher Zeitung zur Kenntnis genommen. Mit Erstaunen deshalb, weil ich dort Dinge lese, die meinen eigenen Recherchen zu Kurt Landauer, dem mehrmaligen FC-Bayern-Präsidenten, in ganz wesentlichen Punkten widersprechen.

„Schattenpräsident“ Kurt Landauer

Nun ist Kurt Landauer nicht genau das, womit sich Herr Herzog zu beschäftigen scheint. Denn der Jude Kurt Landauer gab ja schon 1933 sein Amt auf, und kam damit knapp dem ersten Ariererlass der Nazis zuvor, dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom April 1933. Was zeigt, dass schon lange vor 1935 Ariergesetze eine wesentliche Rolle spielten, und nicht erst ab 1935, wie man vermuten könnte, wenn man Herrn Herzogs Ausführungen folgt. Kurt Landauer wäre jedenfalls ab diesem Moment „aus dem Spiel“ beim FC Bayern gewesen, folgte man Herrn Herzog.

War er aber nicht. Faktisch war er im Vereinsleben weiterhin präsent, übte weiterhin – vor allem über seinen engen Freund Siegfried Herrmann – seinen Einfluss aus. Heimlich. Natürlich. Weil es gar nicht anders ging. Allein diese durch mehrere Quellen im Archiv des FC Bayern belegte Tatsache dürfte es gar nicht geben, hätte Herr Herzog mit seiner These recht. Die da lautet, der FC Bayern hätte sich dem Druck der Nazis, gegen Juden im Verein konsequent vorzugehen, nicht nur genauso schnell gebeugt wie alle anderen Vereine auch, sondern die damaligen Bayern hätten sich letztendlich sogar noch weitaus vorauseilender gezeigt in ihrem Gehorsam gegenüber den Nazis als andere Vereine jener Zeit.

Problematische Quellenkritik

Wie aber verträgt sich das mit der Geschichte Kurt Landauers? Im Grunde gar nicht. Es sei denn, man ignoriert sowohl die spezifischen Gegebenheiten des FC Bayern – und da speziell seine Geschichte vor 1933 – als auch ganz grundsätzlich die besonderen Kontexte im Nationalsozialismus. Und genau darin liegt das Problem der Aussagen des Herrn Herzog.

Herr Herzog kennt und interpretiert die öffentlichen Quellen. Also im Wesentlichen Vereinssatzung und Klubnachrichten. Darin wird der Öffentlichkeit – aber ganz eigentlich den Machthabern – der durchschlagende Erfolg der neuen Bayern-Präsidenten im Sinne des Nationalsozialismus dokumentiert. Diese Quellen sind gezielte Vereinspropaganda, nach dem Motto: „Wir Bayern sind ganz vorne mit dabei im Sinne der Ziele des nationalsozialistischen Gedankens.“ Das ist in einem totalitären Staat überlebenswichtig. Für die Präsidenten. Und den Verein. Aber für kaum einen anderen Verein war es wichtiger als für den FC Bayern München.

Die Bayern waren vor 1933 als „Judenklub“ verschrien. Natürlich lag das unter anderem in der Tatsache begründet, dass der FC Bayern immer auch jüdische Mitglieder in seinen Reihen hatte. Noch nicht einmal überdurchschnittlich viele, aber eben oft in führender Position, siehe Kurt Landauer. Landauer legte sich schon früh mit den deutschnationalen Kräften des DFB an. Dort saßen Nationalsozialisten im Geiste schon lange vor 1933.

Siegfried Herrmann und die Satzung

Andere führende Vereinsmitglieder, wie Siegfried Herrmann, quasi Landauers Alter Ego, schufen sich in der Weimarer Zeit auf fatale Weise sogar weitaus schlimmere Feinde: Er war es, der in seiner Eigenschaft als führender Sicherheitsbeamter der Stadt München in der Weimarer Zeit Adolf Hitler Redeverbot in der Stadt erteilte. Mit einer Formulierung, die von anderen Städten in der Folge reichsweit übernommen wurde. Was er sofort nach Machtübernahme durch die Nazis mit Degradierung und späteren Strafversetzung bezahlte. Denn so etwas haben die Nazis nie vergessen. Auch nicht, dass Siegfried Herrmann immer der zweite Mann beim FC Bayern war. Und der erste Nachfolger Kurt Landauers unter den Nazis.

Die Konsequenzen waren absehbar: Der FC Bayern stand, ganz im Gegensatz zum TSV 1860, im Jahr 1933 auf der komplett falschen Seite. Er stand unter besonderer, äußerst kritischer Beobachtung durch die Nazis. Seine Vergangenheit war existenzgefährdend. Auch dafür gibt es zahlreiche Belege. In dieser Situation ging es beim FC Bayern niemandem darum, in irgendeiner Form Widerstand zu leisten. Allen war mit der Machtergreifung völlig klar: Wenn wir nicht nach den neuen Regeln spielen, gehen wir unter. Als Allererste. Folgerichtig stand das Überleben des Klubs im Vordergrund. Das war allen Beteiligten klar; zuvorderst Kurt Landauer, der von sich aus ging, bevor der Klub wegen ihm Ärger bekommen konnte.

Siegfried Herrmann setzte diese Politik fort: Immer da, wo nötig, brachte er den FC Bayern sofort aus der Schusslinie. Das betraf sowohl die Unterzeichnung der sogenannten „Stuttgarter Erklärung“ schon im April 1933, mit der die Vereine ihre Bereitschaft signalisierten, jüdische Mitglieder auszuschließen, als auch die Aufnahme des Arierparagrafen in die Vereinssatzung. Die im Übrigen nicht früher als andere bei anderen Vereinen geschah, wie Herzog behauptet, sondern später.

Und dass den Vereinen dessen schriftliche Fixierung durch kein Gesetz oder Verordnung vorgeschrieben wurde, wie Herzog betont, ist auch keine Neuigkeit. Es war schlicht ein „sine qua non“ und wurde durchweg entweder in vorauseilendem Gehorsam oder aus Opportunismus vollzogen. Es ist in diesem Sinne aber gerade bei den Bayern mehr als andernorts als klares Zeichen zu verstehen: „Seht her. Wir sind nicht mehr das Problem!“ Kein anderer Verein, wollte er überleben, hatte diese Außendarstellung so bitter nötig wie der FC Bayern.

Der Umgang mit dem Arierparagraf: extern vs. intern, Satzung vs. Satzungswirklichkeit

Der „Knüller“, wie Herr Herzog seine „Entdeckung“ der Arierparagrafen beim FC Bayern postuliert, stellt also eine seit Jahren publizierte, allseits bekannte historische Plattitüde dar. Plattitüde auch deswegen, weil dieser Punkt nur eine nach außen gespiegelte Oberfläche repräsentiert, in der sich der FC Bayern bei nicht allzu genauer Betrachtung in der Tat kaum von andern Vereinen unterscheiden würde.

Und nur auf diese Oberflächenreflektion blickt Markwart Herzog. Aber die ist in diesem Zusammenhang in keiner Weise entscheidend. Angesichts der Situation in einem totalitären Staat ist allein entscheidend, wie vereinsintern damit umgegangen wurde. Wie die Umsetzung tatsächlich vollzogen wurde.

Im Archiv des FC Bayern existiert genau zu dieser Frage, also dem vereinsinternen Umgang mit dem Arierparagrafen, ein durch vielfältige, im Archiv einsehbare Quellen belegtes Dossier. Es zeigt – zusammengefasst –, wie eine bestimmte, weiterhin einflussreiche Gruppe (auch „Ältestenrat“ genannt) rund um Siegfried Herrmann mit allen Kräften und bis zu einem bestimmten Punkt sogar mit Erfolg bemüht war, den Arierparagrafen innerhalb des Vereins so weit als irgend möglich auszuhebeln. Bis er schließlich wegen „Erfolglosigkeit“ ganz gestrichen wurde.

Das ist eine Tatsache, die sich Herr Herzog im Spiegel im Übrigen – bei seiner Herangehensweise allerdings nachvollziehbar – nicht wirklich erklären kann. Im Archiv des FC Bayern kann man es jedoch nachlesen: Die praktische Umsetzung endete in einem Verwaltungsdesaster und wurde schließlich klammheimlich aufgegeben. Dennoch wurde den offiziellen Stellen „Vollzug“ gemeldet. Das ist das, was Herr Herzog sieht. Aber faktisch hatte der Verein keine Ahnung, ob nun wirklich alle Mitglieder „Arier“ waren. Man war daran „gescheitert“, es herauszufinden.

Kein Hort des Widerstands, aber auch keine Totalkonformität

Um an dieser Stelle nun keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Niemand hat je behauptet, der FC Bayern sei zu irgendeiner Zeit ein Hort des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus gewesen. Schon zu Landauers Zeiten, lange vor 1933, gab es Nationalsozialisten im Verein. Und spätestens ab Ende 1938, als Kurt Landauer mit vielen anderen Vereinsmitgliedern ins KZ nach Dachau verschleppt wurde, war die Gleichschaltung vollzogen.

Aber bis dahin lässt sich eben belegen, dass der FC Bayern bis weit über 1935 hinaus bemüht war, seine verdienten Vereinsmitglieder genau davor zu schützen – also das genaue Gegenteil dessen tat, was Herr Herzog nun behauptet. Und gerade Siegfried Herrmann, auf den sich Herr Herzog dabei als „Vollstrecker“ eingeschossen hat, half tatkräftig, diesen Schutz herzustellen. Sein Vorgehen mag paradox erscheinen, nur wusste Siegfried Herrmann eben, wie man es machen musste: Nach außen, wenn nötig mehr als gehorsam. Aber intern wurde versucht, von seiner und Landauers Tradition so viel wie möglich zu retten.

Richard Amesmeier und das Gesundheitszeugnis

Ein zweiter Punkt auf meiner Liste, die sich problemlos erweitern ließe, ist der Arzt Richard Amesmeier, der 1935 Präsident des FC Bayern wurde. Weil der Arzt Amesmeier Mitglied von NSDAP und SA war, wird er von Herzog auch sogleich als Beispiel eines „Wunschkandidaten der Machthaber“ angeführt. Auch hier sieht Herzog leider wieder nur Oberfläche – wenn Geschichte so einfach wäre, hätten wir sicher alle weniger Mühen.

Aber gerade dieser Richard Amesmeier zeigt, wie der FC Bayern mit seinen verfolgten Mitgliedern hinter der offiziellen Fassade umging. Im Staatsarchiv des Kanton Genf findet sich eine Quelle, in der Kurt Landauer berichtet, dass ihm der SA-Mann Amesmeier noch im April 1939 (!) das zur Flucht in die Schweiz benötigte und damit überlebensnotwenige Gesundheitszeugnis ausgestellt hatte. Und das, obwohl deutschen Ärzten, die sich mit jüdischen Patienten „abgaben“, drastische Sanktionen drohten. Ist es also Zufall, dass es ganz kurz danach zu einem Bruch zwischen Amesmeier und der SA kam? Der Grund dafür lässt sich nicht mehr genau belegen, aber manchmal ist es eben sinnvoll, Geschichten bis zu ihrem Ende zu erzählen.

Was bleibt von der geschichtlichen „Sensation“?

Es gibt eine Geschichte über Conny Heidkamp, dem Bayern-Kapitän der Meistermannschaft von 1932. Als aufgrund des Krieges die Lebensmittel knapp wurden, drohten die Bayern-Spieler schon mal auf dem Platz umzufallen. Also hat Conny Heidkamp, so berichtet seine Frau, unter der Hand Lebensmittel besorgt. Das war natürlich streng verboten, und wäre es aufgeflogen, hätte Heidkamp mit schwersten Strafen rechnen müssen. Daher packte er die Sache in einen Korb. Darüber ein paar Wollknäuel. Und ganz oben drauf die Hakenkreuzfahne. Wäre er erwischt worden, hätte er erklärt, unter der Hakenkreuzfahne sei Wolle. Um Socken für die Front zu stricken. Auch Markwart Herzog hat in den Bayernkorb geschaut. Aber viel weiter als bis zur Hakenkreuzfahne ist er leider nicht gekommen.

Was bleibt also von Herrn Herzogs Geschichte? Vor allem die Frage, warum sich große deutsche Meinungsmedien ausgerechnet am Tag des DFB-Pokalfinales mit Beteiligung des FC Bayern auf eine im Kern mehr als fragwürdige Story stürzen. Die sie offensichtlich weder überprüft noch ausreichend hinterfragt haben. Es geht gegen die Bayern? Das scheint als inhaltliches Kriterium in mancher Redaktion völlig ausreichend zu sein.

Dass man den FC Bayern von heute nicht mag, ist legitim. Das gehört dazu. Es geht schließlich immer noch um Fußball. Aber wenn man als Ausdruck dieser Ablehnung historische Fakten auf den Kopf stellt, ist das mehr als nur ärgerlich. Den Bayern mangelnde Aufarbeitung ihrer Geschichte vorzuwerfen, ist zudem geradezu absurd. Sie waren nicht die Ersten beim Thema Aufarbeitung, das steht außer Frage, das waren ganz sicher vor allem in München die Löwen-Fans mit ihrem Verein. Aber seit einigen Jahren schon ist gerade der FC Bayern diesbezüglich ganz vorne mit dabei. Doch um solche Feinheiten geht es dem Herrn Herzog gar nicht. Ihm passt offenbar schlicht und einfach das Ergebnis dieser Aufarbeitung nicht.

Und um mit Kurt Landauer zu schließen: Geradezu irrwitzig wird es bei der Vorstellung, dass ausgerechnet er – von den Nazis seiner Familie, seines Vermögens und seiner Freiheit beraubt – 1947 als Präsident an die Spitze eines Vereines zurückkehrt, um gemeinsam mit Siegfried Herrmann den Neuanfang zu packen. Denn sowohl einem Siegfried Herrmann als auch einem FC Bayern, wie Herzog sie gerne darstellen möchte, hätte der bayerische Jude Landauer sofort den Rücken gekehrt.

 

Hinweis: Dietrich Schulze-Marmeling hat zum gleichen Thema ebenfalls einen Beitrag veröffentlicht, nachzulesen bei den Kollegen von „Zeitspiel. Magazin für Fußball-Zeitgeschichte“ unter http://www.zeitspiel-magazin.de/stellungnahme-dietrich-schulze-marmeling-zum-fc-bayern-in-der-ns-zeit.html .

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