Alles nur Neid?

Hardy Grüne

von Hardy Grüne – Nichts anderes als eine Neiddebatte sei es, wenn über die Honorare von Fußball-TV-Experten wie Memet Scholl oder Oliver Kahn gesprochen werde. Der Mediendienst „Kress“ hatte berichtet, es flössen bis zu 50.000 Euro Tagesgage.

Vorab: nichts ist bewiesen, es stehen lediglich Behauptungen im Raum. Sowohl ARD als auch Scholl und Kahn dementierten umgehend. „Die Zahl ist unwahr und meilenweit von der Wirklichkeit entfernt“, erklärte ARD-Programmdirektor Volker Herres. Ähnliches war schon vor einigen Wochen nach der Neuvergabe der TV-Rechte zu hören gewesen. Damals hieß es, die ARD müsse jedes Jahr 34 Millionen Euro mehr zahlen. „Die Zahlen sind falsch“, erklärte Herres seinerzeit.

In beiden Fällen blieben diese Aussagen beleglos im Raum stehen, lehnte Herres Forderungen nach Offenlegung kategorisch ab. „Wir haben im Sport einen gedeckelten Etat von 250 Millionen Euro pro Jahr für alles. (…) Jeder Mitbewerber könnte sofort ausrechnen: Wie viel haben die noch?“ Das ist zweifelsohne berechtigt, ebenso wie niemand erwarten darf, dass Scholl und Kahn ihre Verdienste von sich aus offen legen. Das würde niemand von uns tun, und das sollte man auch „Stars“ zugestehen.

Die Spekulationen heizte dieses Informationsvakuum dennoch weiter an. Und wie tief der Fußball in der Geldmaschine drin steckt, beweist in meinen Augen allein die Tatsache, dass wir uns tatsächlich vorstellen können, dass „Experten“ für einen Studiotag so viel bekommen wie gewöhnliche TV-Redakteure in einem Jahr. Denn im Fußball scheint das Absurde Normalität zu sein.

Wobei: Wir reden hier von den Öffentlich-Rechtlichen. Also von Gebührengeldern. Von unseren Gebührengeldern. Und es ist ein fundamentaler Unterschied, ob sky seinen Experten nun Honorare aus Werbe- bzw. Aboeinnahmen zahlt oder ARD bzw. ZDF sie aus Einnahmen bestreiten, die den Sendern für die Erfüllung ihrer Informationspflicht von allen Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung gestellt werden.

Was mich vor allem irritiert, ist der Reflex, sofort eine „Neiddebatte“ zu unterstellen, wenn über die Zahlungsmodalitäten und Summen im großen Fußball reflektiert wird. Landauf wie landab wird der Verfall der Fußballkultur beklagt. „Es geht nur noch um Geld“, jammern wir. Und wenn es dann einen konkreten Verdachtsfall gibt, wo genau diese Modalitäten angeprangert werden, wird sofort Neid dahinter vermutet. Und gerne hinzugefügt, man würde doch den Fußballübertragungen folgen, also das System akzeptieren und habe folglich die Klappe zu halten. Na prima, dann ist ja alles in schönster Ordnung!

Nein, ist es nicht! Habe ich als Fußballkonsument nur die Möglichkeiten, entweder teilzunehmen und alles so hinzunehmen, wie es mir dargeboten wird, oder mich abzuwenden und es damit ebenso hinzunehmen, wie es mir dargeboten wird? Das eine ist Fatalismus, das andere Resignation. Beides ist nicht hilfreich für die Diskussion und für die Entwicklung des Profifußballs. Mir persönlich ist ziemlich egal, wie viel Geld Oliver Kahn einsackt. Ich möchte weder mit ihm tauschen noch bin ich allzu neidisch auf seine finanzielle Ausstattung und den damit verbundenen Lebensstil. Mir gefällt mein Leben eigentlich recht gut.

Doch wie wollen wir den Fußball verändern, wenn wir die Rahmenbedingungen nicht anprangern können, ohne sofort eine Neiddebatte am Hals zu haben? Ich will die Europameisterschaft gucken können, weil ich den Fußball liebe, weil ich die Fankulturen vieler Länder faszinierend finde, weil mich Geschichten wie die Islands bewegen und weil es sich immer noch toll anfühlt, vier Wochen lang beinahe jeden Tag Fußball gucken zu können. Aber ich will auch sagen dürfen, was mir Sorgen bereitet, was mir missfällt. Oder sind wir Konsumenten nichts anderes als genügsam blökende Schafe?

Ein ganzer anderer Aspekt geht bei der „Neiddebatte“ übrigens ziemlich unter. „Wir haben im Sport einen gedeckelten Etat von 250 Millionen Euro pro Jahr für alles“, hatte ARD-Programmdirektor Volker Herres wie erwähnt mitgeteilt – und hinzugefügt: „Wenn man da an einer Stelle mehr bezahlt, muss man an anderer Stelle einsparen. Am Ende ist es ein Nullsummenspiel im Rahmen einer genehmigten Gesamtplanung.“ Mit anderen Worten: Jeder Euro, der in den Fußball geht, steht für andere Sportarten nicht mehr zur Verfügung.

You may also like

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.