Mein lieber Scholli – Mehmet Scholl und die Fußballtaktik

Dietrich Schulze-Marmeling
Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – TV-Experte Mehmet Scholl hat Bundestrainer Jogi Löw und seinen Stab heftig kritisiert. Die Entscheidung, gegen die Italiener mit einer Dreierkette zu spielen, sei falsch gewesen. Löw höre zu viel auf seinen Scouting-Experten Siegenthaler, der lieber morgens im Bett bleiben solle (um sich dort wund zu liegen).

Scholl ist bereits seit einiger Zeit die Generation der „Laptop-Trainer“ ein Dorn im Auge. Nur Laptop reicht auch heute ganz sicherlich nicht, um eine Mannschaft zum Erfolg zu führen. Und man kann auch nicht leugnen, dass das Pendel hier zuweilen etwas zu stark in Richtung Laptop schlägt. Manchmal wirken die Spieler etwas zu stark erzogen – auf Kosten individueller Kreativität. Aber dies ist ein anderes Thema, das mit Jogi Löw nichts zu tun hat. Ein reiner „Laptop-Trainer“ findet keinen Zugang zu seiner Mannschaft. Der Job des Trainers ist äußerst komplex. Ein guter Trainer beherrscht eine Fülle von Fähigkeiten – so wie Jogi Löw oder Pep Guardiola.

Auch ist Taktik nicht alles. Aber wenn Scholl uns glauben machen will, dass Taktik überhaupt nicht zählt, und diesen Eindruck gewinnt man bei ihm, liegt er ziemlich daneben. Dass er seinen Feldzug gegen taktische Finessen und taktische Flexibilität ausgerechnet anlässlich eines Spiels der deutschen Mannschaft gegen Italien intensiviert, ist einigermaßen absurd. Denn Italiens beeindruckende Erfolgsbilanz beruht nicht zuletzt darauf, dass in dieser Fußballnation die Taktik schon immer groß geschrieben wurde. Das EM-Viertelfinale hat uns allerdings auch gezeigt, dass Deutschland hier an Boden gewonnen hat.

Beim FC Bayern war Scholl Trainer der U23. Das hat nicht wirklich funktioniert. Eine U23 ist eine Entwicklungsmannschaft, deren Spieler u.a. in taktischer Flexibilität geschult werden sollten. Insofern war Scholls Entscheidung, den deutlich leichteren (und möglicherweise deutlich besser dotierten) Job eines TV-Experten zu wählen. Als TV-Experte hat Scholl bislang vornehmlich mit flotten Sprüchen auf sich aufmerksam gemacht. Manchmal wirkt er auch schlecht vorbereitet. Kennt er einen Spieler nicht wirklich, beispielsweise Belgiens Lukaku, belässt er es bei rätselhaften Andeutungen. Sein Partner Opdenhövel wagt es dann in der Regel nicht, mal etwas nachzubohren.

Dem Gegner das eigene Spiel aufzwingen

Jogi Löw hat gesehen, wie die Spanier den Italienern unterlagen. Sie hatten ihr Spiel dem der Italiener taktisch nicht angepasst. Sie hatten die Stärken des Gegners ignoriert und allein auf ihre eigenen vertraut. Die nach den ersten beiden Spielen hochgelobte Selección, die zum Kreis der Titelanwärter zählte, konnte ihr Spiel nicht einfach durchziehen.

Dem Gegner das eigene Spiel aufzwingen, hört sich immer super an. Gegen einen Underdog funktioniert dies auch häufig. Gegen ein Team, das mit dem eigenen auf Augenhöhe operiert, ist dies schon etwas schwieriger. Wir hatten in unserem Dorfverein mal einen Trainer, der erzählte mir vor jedem Spiel: „Der Gegner muss sich nach uns richten!“ Bis ich nach einigen Wochen kapierte, dass er auch nicht mehr zu sagen hatte, weil er in taktischer Hinsicht ziemlich nackt war. Es hat auch nicht funktioniert, weil der Gegner überhaupt keinen Bock hatte, sich nach unserem Team zu richten. Das Gegenteil wäre ein Pep Guardiola. Gegen Ingolstadt und Darmstadt ließ er sein Team ruhig das Spiel spielen, das wir gemeinhin unter einem Bayern-Guardiola-Spiel verstanden. Gegen den BVB agierte er wiederholt anders – das erste Mal (zur Überraschung vieler „Experten“) im Pokalfinale 2014, als er mit einer Dreier- bzw. Fünfer-Kette operierte. Bei Ballbesitz spielten die Bayern mit der Dreier-Kette Boateng, Martinez, Dante. (Dante war gelernter Innenverteidiger, Martinez’ Zuhause war bis dahin die „Sechs“ gewesen, Boateng war vom Außenverteidiger zu einem der weltbesten Innenverteidiger mutiert. Wenn man so will, war dies der Anfang des „Drei-Innenverteidiger-Modells.“) Lahm und Kroos bildeten eine Doppelsechs, davor spielen Müller und Götze als „Halbstürmer“. Die Außen wurden von Rafinha (links) und Pierre-Emile Höjbjerg (rechts) besetzt, die bei Ballverlust die Dreier-Kette zu einer Fünfer-Kette ausbauten und die Offensivaktionen der BVB- Außenverteidiger eindämmten. Guardiola zog so Jürgen Klopps „Umschalt-Monster“ erfolgreich die Zähne.

Scholl sagt, als Weltmeister habe Deutschland geradezu die Verpflichtung, den anderen Teams sein Spiel aufzuzwingen und deren Stärken zu ignorieren. Deutschland hat 2014 ein Turnier (keine Meisterschaft) gewonnen – verdient. Mehr aber auch nicht. Der Rest der Welt ist deshalb nicht zur Laufkundschaft verkommen. Und die Mannschaft, mit der Löw nach Frankreich gereist ist, ist eine etwas andere als 2014. Was immer im Halbfinale passieren wird: Die deutsche Mannschaft hat mich bisher eher positiv überrascht. Angesichts der Ausfälle, einiger angeschlagener und überstrapazierter Spieler, war sie für mich nicht zwingend ein Anwärter auf den Titel. Und nun? Nach fünf Spielen hat die Elf erst ein Gegentor kassiert – gegen Italien vom Elfmeterpunkt.

Dreier- und Fünferkette gegen Italien

Löws Entscheidung, gegen Italiens Doppelspitze und hoch stehende Außen eine Dreierkette aufzubieten, hat sich als goldrichtig erwiesen. Die Dreierkette aus drei Innenverteidigern verdichtete das Zentrum. Bei gegnerischem Ballbesitz verstärkten Hector und Kimmich diese zu einer Fünferkette. So hatten die Deutschen sowohl die Doppelspitze wie die Außen im Griff, die Hector und Kimmich immer wieder in die Tiefe der italienischen Hälfte drängten. Beim Angriff fehlte dann allerdings ein antrittsschneller Dribbler wie Draxler (oder ein weniger antrittsschneller wie Götze). Da die Zahl der Spieler auf elf begrenzt bleibt, kann man halt nicht alles zur gleichen Zeit haben. Aber alle bisherigen Erfahrungen mit der italienischen Nationalmannschaft sprachen für Löws Taktik. Aus dem Spiel heraus ließ man kaum etwas zu. Jan-Christian Müller schreibt in der „Frankfurter Rundschau“: „Es war gut ersichtlich, dass die defensive Stabilität von Höwedes dringend benötigt wurde. Es gab also Gründe, sich so zu entscheiden, wie sich Löw am Samstagabend entschieden hat. (…) Die Abwehr stand stabil gegen umtriebige italienische Angreifer, die Abstände stimmten, jeder im DFB-Team wusste, anders als vor vier Jahren, was gegen den Ball zu tun ist. Ohne den auch vom Spieler selbst schwer zu erklärenden Blackout von Jerome Boateng, ohne den die Italiener wohl nicht mehr ins Spiel zurückgekommen wären, hätte es keine einzige ernst zu nehmende Gegentorchance gegeben.“

Völlig daneben ist Scholls Behauptung, Deutschland sei 2014 nur Weltmeister geworden, weil Löw nach dem Achtelfinale seinem Beraterstab nicht mehr vertraut und das unsinnige Spiel mit vier Innenverteidigern aufgegeben habe. Nein, die Geschichte war eine komplett andere. Deutschland wurde u.a. Weltmeister, weil sich Löw als exzellenter Manager seines Personals erwies. Was Löw bis einschließlich des Achtelfinals spielen ließ, war nicht zuletzt den personellen Umständen geschuldet. Löw besaß keinen Außenverteidiger von internationaler Klasse. Bis auf Lahm, den er aber zunächst im defensiven Mittelfeld benötigte, da weder Khedira noch Schweinsteiger zu Beginn des Turniers vollkommen fit waren. Bot Löw sie gemeinsam auf, drohte ihm im Verlaufe des Spiels gleich eine Doppel-Auswechselung. Löw spielte auf Zeit. Beim Auftakt gegen Portugal begann die DFB-Elf mit nur einem „Sechser“ – oder einem echten und zwei „halben“. Die „echte Sechs“ war Lahm, Khedira und Toni Kroos spielten rechts bzw. links davor. So sollte vermieden werden, dass Khedira zu viel und in zu entscheidende Zweikämpfe geriet. Die Konsequenz war, dass die Abwehrkette nun aus vier Innenverteidigern bestand: In der Mitte verteidigten Mats Hummels und Per Mertesacker, auf den Außenpositionen Jerome Boateng (rechts) und Benedikt Höwedes (links). Als gelernter Innenverteidiger und Linksfuß konnte Höwedes kaum für Angriffsschwung sorgen. Worunter insbesondere Mesut Özils Spiel litt, der gerne zentral gespielt hätte, wo Löw aber ausreichend Alternativen hatte. So musste Özil auf der linken Seite stürmen, wo ihm – aufgrund der fehlenden Unterstützung von Höwedes – häufig nur die Aufgabe blieb, den Ball zu halten. Erst im Viertelfinale gegen Frankreich konnte Löw Khedira und Schweinsteiger von Beginn an aufbieten. Lahm rückte nun auf die Position des rechten Außenverteidigers, Boateng von dort nach innen.

Taktik besteht nicht nur darin, die Stärken des Gegners zu eliminieren und seine eigenen Stärken zum Tragen zu bringen. Taktik besteht auch darin, die eigenen Schwächen zu kaschieren. Dies war Löw in den ersten vier Spielen der WM 2014 gelungen.

Taktikexperte gesucht

Mit einer Nationalmannschaft taktische Flexibilität einzuüben und zu praktizieren, ist sehr schwierig. Ohne Löws Leistung schmälern zu wollen: Vermutlich ist dies nur möglich, wenn zumindest ein Teil der Spieler bereits im Verein diesbezüglich gut geschult wurde. Dies trifft zumindest Spieler wie Neuer, Boateng, Kimmich (Guardiola) und Hummels (Klopp und Tuchel) zu. Aber im Gegensatz zu Scholl ist Löw lernfähig. In der Vergangenheit hielt er häufiger etwas zu stur an seinen Ideen fest. Das hat sich geändert. Ähnlich lernfähig zeigte sich Löw bei der Bewertung von Standards, deren Bedeutung er noch vor der WM 2014 mehr oder weniger ignorierte. Auf „Spiegel Online“ bringt Lukas Rilke Scholls Problem auf den Punkt: „Scholl, so scheint es, scheut eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Fortschritt im Fußball, seitdem er nicht mehr als Profi aktiv ist: ‚Fußball ist ein einfaches Spiel, und damit die Menschen des verstehen, muss es einfach bleiben‘, sagte er dem „Spiegel“ im vergangenen Jahr. Die Regeln sind einfach. Den Fußball zu meistern und große Titel zu gewinnen, ist es nicht.“ Vielleicht bestimmt Scholls Denken über den Fußball zu stark das eigene „Sein“ als Spieler. Scholl war technisch einer der Besten und spielerisch einer der Kreativsten seiner Generation. Einer dieser Spieler, die man als Trainer auch heute noch aus dem taktischen Korsett entlässt. Die man mit der Anweisung aufs Feld schickt: „Spiel frei nach DEINER Schnauze – damit ist allen am meisten gedient.“

Was ich nicht verstehe: Warum ergänzt die ARD das Duo Opdenhövel/Scholl nicht um einen Taktikexperten, z.B. aus dem Arsenal von spielverlagerung.de? Die schießen vielleicht manchmal leicht übers Ziel hinaus, sehen taktische Finessen, die der Trainer gar nicht geplant hat, wären aber ein gutes Korrektiv zu Scholl, könnten ihn hinterfragen und ihm Paroli bieten. Opdenhövel kann das nicht. Öffentlich-rechtliches TV sollte aber auch mal Konturen zeigen. Oder aber, um mit Scholl zu sprechen: sich auf seine eigenen Stärken besinnen, anstatt sich dem Privat-TV anzupassen. Auch im Fußball sollte öffentlich-rechtliches TV zumindest auch ein wenig „Bildungs-TV“ sein. Das ZDF hat es seinerzeit mit Klopp erfolgreich vorgemacht. Scholls Unwillen, sich eingehender mit taktischen Dingen zu beschäftigen, ist offensichtlich. Als Sprücheklopfer ist Scholl manchmal durchaus unterhaltsam. Aber die Mischung „Opdi & Scholli“ liefert inhaltlich nichts.

 

Dietrich Schulze-Marmeling Hardy Gruene Das grosse Buch des deutschen FussballsDietrich Schulze-Marmeling gilt seit Jahren als einer der besten deutschen Buchautoren in Sachen Fußballgeschichte. Im Verlag Die Werkstatt veröffentlichte er u.a. Bücher zur Fußballweltmeisterschaft sowie zu den Vereinen Bayern München und Borussia Dortmund. Sein Buch „Barça“ hat im Jahr 2010 bei der Wahl zum Fußballbuch des Jahres den dritten Platz belegt. „Der FC Bayern und seine Juden“ wurde ein Jahr später zum Fußballbuch des Jahres gewählt. Seine letzte Veröffentlichung: zusammen mit Hardy Grüne gab er 2015 „Das große Buch des deutschen Fußballs“ heraus.

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