Nach 1945: der FC Bayern, seine Juden und die Nazis

Gerade erschienen: „Der FC Bayern, seine Juden und die Nazis“ von Dietrich Schulze-Marmeling

Von Dietrich Schulze-Marmeling – In diesen Tagen erscheint die dritte Auflage des Buches „Der FC Bayern und seine Juden“. Stark erweitert (um gut 120 Seiten) und mit vielen neuen Erkenntnissen. Eigentlich ein neues Buch, weshalb auch ein neuer Titel gewählt wurde: „Der FC Bayern, seine Juden und die Nazis.“ Besonders folgende Bereiche konnten auf Grund weiterer Recherchen ausgebaut und konkretisiert werden: der Prozess der Nazifizierung des FC Bayern, die Biografie des letzten „Vereinsführers“ Josef Sauter, der keineswegs, wie bislang angenommen wurde, ein überzeugter Nazi war, sondern vielmehr nach dem Krieg einer Spruchkammer in den Entnazifizierungsverfahren vorsaß (vom Autor des Buches und dieses Blog-Beitrags erstmals im Mai 2016 in der „Süddeutschen Zeitung“ angesprochen), die Biografien der jüdischen Opfer (der FC Bayern hatte mehr jüdische Mitglieder als bislang angenommen), die Rückkehr jüdischer Mitglieder nach 1945, aber auch der zunächst ausgeschlossenen ehemaligen NSDAP-Mitglieder.

Die Rückkehr der „Bayern-Juden“

Nach dem Ende des Krieges war es vornehmlich Siegfried Herrmann, in den Weimarer Jahren ein langjähriger Mitstreiter des ehemaligen jüdischen Klub-Präsidenten Kurt Landauer, der die erforderlichen Arbeiten für die Lizenzierung des FC Bayern bei der Militärregierung durchführte. Es „mußten (aus den Vereinsleitungen, Anm. d. Autors) sämtliche Parteigenossen ausscheiden. Mitglieder, die als Aktivisten angesprochen werden konnten, mußten sogar ausgeschlossen werden. Dazu war es notwendig, Berge von Fragebögen auszufüllen, Bürgen beizubringen usw., ehe man damit rechnen konnte, die Lizenz der Militärregierung in den Händen zu halten“ („50 Jahre FC Bayern“). Am 5. Juli 1946 beschloss eine Vorstandsitzung des FC Bayern den Ausschluss der ehemaligen NSDAP-Mitglieder.

Siegfried Herrmann, langjähriger Mitstreiter von Kurt Landauer – vor und nach den NS-Jahren.

Die „jüdische Geschichte“ des FC Bayern endete nicht mit der Shoa und dem Zweiten Weltkrieg. Der Klub wurde erneut zur ersten Anlaufadresse für fußballbegeisterte Juden in der Stadt. Von den emigrierten jüdischen Mitgliedern des FC Bayern kamen einige zurück und schlossen sich wieder ihrem Klub an. Darunter der in die Schweiz ausgewanderte Kurt Landauer.

Einige Jahre nach Landauer war auch der Schauspieler, Theaterregisseur und -Intendant Kurt Horwitz wieder in der Stadt. 1952 wurde er zum Intendanten des Bayerischen Staatsschauspiels berufen, kehrte nach München zurück und schloss sich 1953 erneut dem FC Bayern an. Auch Karl B. Friediger, Sohn des in Ausschwitz ermordeten Markus Friediger, u.a. Inhaber des „Konzert-Cafe Stadt Wien“, dessen Betriebsmannschaft unter dem Dach des FC Bayern kickte, zog es zurück nach München. 1953 tauchte er wieder in der Geburtstagsliste der Bayern-Mitglieder auf. Im April 1983 wurde er auf der Jahreshauptversammlung des Klubs anlässlich seiner 60-jährigen Mitgliedschaft zum Ehrenmitglied ernannt.

Andere erneuerten ihre Bayern-Mitgliedschaft aus dem Exil heraus. So Hans Danziger, in den 1920ern bis zu seinem Austritt 1933 Funktionär in der Jugendabteilung. Aus Chicago forderte er seine Ehrennadel für geleistete Funktionärstätigkeit an, die er 1933 nicht mehr bekommen hatte. Kurt Lauchheimer wurde von der „Club-Zeitung“ im Februar 1955 unter den wiederaufgenommen Mitgliedern aufgeführt. Seine Adresse: Johannesburg, Südafrika. Bereits 1947 war Robert Lembke dem Klub beigetreten, der spätere Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, Showmaster („Was bin ich“) und stellvertretende Programmdirektor der ARD. Sein jüdischer Vater war 1936 emigriert. Robert Lembke durfte in den NS-Jahren nicht als Journalist arbeiten, da er sich weigerte, eine „Loyalitätserklärung“ zu unterschreiben.

Nur wenige Wochen nach seiner Rückkehr, am 19. August 1947, wurde Kurt Landauer zum vierten Mal zum Präsidenten des FC Bayern gewählt. Siegfried Herrmann wurde sein Vizepräsident. Landauer musste feststellen, dass so mancher nichts mehr von seinem Mitmachen bei den Nazis wissen wollte. So zeigte er sich hocherfreut, als sich Sepp Mauder, Bayern-Mitglied seit 1903 und Deutschlands erster „Sportkarikaturist“, bei ihm meldete und schrieb ihm am 10. Juni 1948:

„Mein lieber Mauder Sepp, Ich danke dir bestens für deine Zeilen. (…) Es ist schade, daß ich dich immer noch nicht gesehen habe, um dir einmal die Hand zu drücken. Gerade die alten Weggenossen, die gesinnungsmäßig die Alten geblieben waren, möchte man gerne wieder sehen. Weil einem so viele über den Weg laufen, von denen man genau weiß, wer sie gewesen sind und die sich an nichts mehr erinnern können.“

Der FC Bayern begab sich nun mit Hilfe der „Club-Zeitung“ auf die Suche nach Mitgliedern, deren Spuren sich in den Wirren von Verfolgung und Krieg verloren hatten. Dabei handelte es sich nicht nur um jüdische Mitglieder, sondern z.B. auch um im Krieg gefallene. War von Juden die Rede, wurden die Worte „Jude“ und „jüdisch“ tunlichst vermieden – wohl mit Rücksicht auf den immer noch antisemitischen Kurs im Lande (und wohl auch in Teilen des Klubs). Stattdessen war von „Nicht-Ariern“ zu lesen. Für die Suche gab es in der „Club-Zeitung“ eine eigene Rubrik mit dem Titel „Wo sind sie geblieben?“

… und der Bayern-Nazis

Herrmann und Landauer bemühten sich um die Mobilisierung „der Alten“, also der „Bayern“ ihrer Generation. Beide machten dabei vor ehemaligen NSDAP-Mitgliedern nicht halt. Landauer hatte die Parole ausgegeben: „Wir wollen die letzten Jahre vergessen und Gnade walten lassen.“ Nur für Josef Sauter galt dies nicht, obwohl dieser kein Nazi gewesen war, was eine ganz eigene Geschichte ist. Im Juni 1946 schrieb der gerade wieder dem Verein beigetretene Fred Jutzi an Siggi Herrmann und bat um Wiederaufnahme seines Vaters Anton:

„Vielleicht ist es Ihnen möglich, auch meinen Vater wieder für den Verein zu gewinnen, nachdem ja jetzt durch Auflösung des NSRL (Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen, Anm. d. Autors) seine Austrittsgründe hinfällig sind.“

Anton Jutzi war dem FC Bayern 1907 beigetreten und saß in den Weimarer Jahren als Kassierer und Schriftführer im Landauer-Vorstand. Jutzi war ein enger Mitstreiter Landauers gewesen. Von 1937 bis 1945 gehörte er der NSDAP an. Die Spruchkammer II München stufte ihn als „Mitläufer“ ein.

Am 7. August 1946 antwortete Herrmann ausweichend:

Er begrüße dieses Ansinnen, doch gäbe es zunächst „allerlei Schwierigkeiten zu beseitigen. Zuerst müssen wir noch um unsere Lizenzierung kämpfen. Es dürfen keine Aktivisten bei uns Mitglieder sein. Die wenigen, die wir hatten, mussten wir stillschweigend entfernen. Auch sonst sind uns, wie allen anderen Vereinen, gewisse Auflagen noch gemacht. Jedenfalls muss der in München so verschriene ‚Judenverein‘ um sein Dasein in der neuen Demokratie kämpfen.“

Am 3. Oktober 1947 meldete sich nun Landauer bei seinem ehemaligen Vorstandskollegen:

„Lieber Toni, bei dem Bestreben unsere alten Mitglieder, die nach dem Krieg nicht den Weg zu uns gefunden haben, neuerdings für den Club zu gewinnen, komme ich natürlicherweise auch zu Dir. Ich brauche nicht viel zu sagen: Du kennst mich, kennst unseren Club und darum bitten wir dich: Komm’ wieder zu uns. Beitrittserklärung, Mitgliederbogen und Fragebogen, welch letzterer wir für die Militärregierung benötigen, bitte ich ausgefüllt und unterschrieben einzuschicken.“

Noch im selben Monat wurde Jutzi wieder Mitglied. Ähnlich verhielt sich der Fall von Karl Ambach, ehemals Mitglied der NSDAP und der SA sowie Blockleiter der Partei. Wenige Monate nach Kriegsende bot Ambach dem Verein seine Dienste an. Am 13. Dezember 1945 antwortete ihm Herrmann:

„Nach dem Ausscheiden aller früheren Parteigenossen aus der Vereinsleitung des F.C. Bayern hat sich unter meiner Führung eine neue, kommissarische Vorstandschaft gebildet. Wegen Ihrer früheren Parteizugehörigkeit müssen wir leider auf Ihre weitere Mitarbeit verzichten.“

Am 30. August 1947 erhielt Ambach dann vom Klub folgendes Schreiben:

„Auf Anordnung von Herrn Kurt Landauer werden Sie um Ihre Mitarbeit ersucht, da ganz dringende schriftliche Arbeiten zu erledigen sind.“

Am 14. Oktober 1948 wurde Ambach vom Verein als Geschäftsführer angestellt, zu einem Monatsgehalt von 300 DM brutto.

Das Schweigen über die Verbrechen und das persönlich erlittene Leid, das Augenzudrücken, sofern es sich nur um sogenannte „Mitläufer“ handelte, war vielleicht der Preis, den man als jüdischer Bürger und Verfolgter zahlen musste, um in einem immer noch antisemitischen Umfeld akzeptiert zu werden. Nur wer schwieg und seine „arischen“ Mitbürger nicht mit ihrer Schuld konfrontierte, war ein „guter Jude“. Und Bundeskanzler Konrad Adenauer warnte vor einer Spaltung des Volkes in Täter und Opfer.

Die Zeitschrift „Fußball“
würdigte die Rückkehr von
Kurt Landauer 1947.

Der Fall Bermühler

Die Aufnahme ehemaliger Nazis verlief nicht immer ohne Widerspruch. Hans Bermühler war dem FC Bayern am 1. April 1900 – also im Gründungsjahr – als 14-Jähriger beigetreten. In den Spielzeiten 1900/01 bis 1905/06 war er Spieler der ersten Mannschaft gewesen, 1916 und 1918 bis 1919 Präsident des Klubs.

Der FC Bayern lud Bermühler zum 50-jährigen Jubiläum (1950) ein, aber dieser wollte nicht kommen. Bermühler war wohl 1937 aus der Mitgliederliste gestrichen worden. Am 2. Juni 1950 schrieb er an Landauer, er sei seinerzeit „ohne meine Schuld verfemt“ worden. „Ich (…) habe defakto nie meinen Austritt erklärt.“ Auch sei er nie ausgeschlossen worden. Laut Bermühler sei der Klub nun erstaunt gewesen, dass er sich noch immer als Mitglied fühle.

Bermühler war aber auch empört, dass der Klub nach einer gewissen Quarantänezeit Ex-Nazis wie Ferdinand Meier, den ehemaligen Dietwart und Funktionär der Skiabteilung, der auch nach eigenem Bekunden (s.u.) mehr als nur ein Mitläufer gewesen war, wieder aufnehmen wollte. Bermühler ging wohl davon aus, dass es damals Meier gewesen war, der seine Streichung aus der Mitgliederliste veranlasst hatte. Bermühler schrieb weiter:

„Es blieb einer Vorstandschaft des FC Bayern – während der Nazizeit – in einer officiellen Sitzung vorbehalten, durch den damaligen Leiter der Sciabteilung, Herrn Meier, mir ins Gesicht zu sagen, mit mir könne niemand mehr Sitz und Tisch teilen. Das ist bis zur Stunde weder widerrufen noch bin ich rehabilitiert worden. Ich zog die Konsequenzen und müssen Sie mir bei dieser Gelegenheit gestatten die Antwort zu geben. Ich verzichte gern auf die Ehre mit solch politisch Verblendeten von damals, von denen es heute bereits wieder in Deutschland genug Fanatiker gibt, einen Tisch zu teilen und ich fühle mich zu gut und zu erhaben solch erwiesenen Verbrechern und Mordbuben die 1000 mit ihrer Hetze ins Grab, mich nur bis zum Zusammenbruch brachten, irgendwie auch nur in der geringsten Beziehung näher zu kommen. Wer das nicht mitgemacht hat, mag milder urteilen, sonst ist die Mitarbeit eines Manchen auch an der besten und idealsten Sache schlechterdings unverständlich.“

Bermühler war wohl nicht der einzige, der sich an der Rückkehr von Ferdinand Meier stieß. Jedenfalls fühlte sich Siegfried Herrmann bemüßigt, ein gutes Wort für Meier einzulegen. So schrieb er am 26. Mai 1950 an den Vorstand:

„Ferd. Meier war zweifellos was die Organisation der Skiabteilung war ein sehr tüchtiger Leiter. Er hat die Schiabteilung ausgezeichnet in die Höhe gebracht. Daß er dabei alle sich ihm bietenden Möglichkeiten ausgeschöpft hat, insbesondere daß er, als die nat. soz. Machtübernahme kam, seine Eigenschaft als Nationalsozialist auch dafür einsetzte um im Club betonteren Einfluß zu gewinnen, kann ihm nicht ewig angerechnet werden. Er hat diesen Einfluß hauptsächlich zur Stärkung seiner Schiabteilung verwendet, ohne aber selbst nie zu vergessen, daß er ein ‚Bayer‘ ist. Manche seiner dabei angewandten Mittel waren nicht ganz einwandfrei. Es war aber Sache der Leitung ihn hie gegebenenfalls in die Schranken zurückzuweisen. Eine Diffamierung ad infinitum lehne ich ab, zumal MEIER inzwischen auch spruchkammermäßig rehabilitiert ist.“

Derweil signalisierte Herrmann Ferdinand Meier die Möglichkeit der Wiederaufnahme und bezeichnete ihn in einem Brief als „guten Bayern“. Am 20. Juli 1950 schrieb Meier dem 2. Vorsitzenden zurück:

„Ich danke Ihnen für Ihren Brief vom 25.6. und teile Ihnen mit, dass ich lt. Bescheid vom 30.4.1948 der Spruchkammer I in München als Mitläufer eingestuft wurde.“

„Mitläufer“, das war ein Freispruch zweiter Klasse, der offenbar sehr inflationär angewandt wurde. Die Bezeichnung als „Mitläufer“ gefiel Meier nicht, als bloßer Opportunist wollte er nicht dastehen. Oder aber er war so ehrlich einzuräumen, dass sein Engagement für die Nazis über bloßes „Mitlaufen“ hinausging? Meier:

„Das Wort Mitläufer hat für mich immer einen unangenehmen Beigeschmack weil ich aus ehrlicher Überzeugung dabei war.“

Zu seiner Entlastung führte er an:

„Jedoch will ich für mich in Anspruch nehmen, daß ich nie einen Menschen aus politischen Gründen Schaden zufügte.“

Zum Schluss bittet Meier Herrmann, seine alte Mitgliedschaft wieder aufleben zu lassen.

„Politik verdirbt bekanntlich oft den besten Charakter“

Am 16. Juni, da war der Festabend bereits über die Bühne gegangen, antwortete Siegfried Herrmann Bermühler:

„Mit lebhaftem Bedauern hat die Vorstandschaft Ihre Ausführungen zur Kenntnis genommen. Noch mehr haben wir es bedauert, dass Sie mit Ihrer kategorischen Absage uns die Möglichkeit genommen haben, Sie anlässlich der Festlichkeiten im Jubelfeste der Bayern wiederzusehen. Es hätten sich bestimmt viele alte Mitglieder gefreut. (…) Unter diesen vielen Gästen gab es mehr wie einen, der gleich Ihnen während des Nazireiches manchen schweren Unbill hat erleiden müssen. Die Verbundenheit mit dem Klub aber hat alle einzelnen persönlichen Interessen in den Hintergrund treten lassen. Gerade dieser Jubeltag war vielleicht wie kein anderer Zeitpunkt so geeignet, manchem irregeleiteten Bayernmitglied aus der Nazizeit versöhnend die Hand zu reichen. Politik verdirbt bekanntlich oft den besten Charakter und viele davon waren und blieben in ihrem Herzen immer ‚Bayern‘. Eine Verfemung ad infinitum vermag auch ich nicht das Wort zu reden.“

Am 2. März 1953 schrieb Herrmann ein weiteres Mal an Bermühler:

„Wir hatten Ihnen doch anlässlich des 50. jähr. Jubiläums eine persönliche Einladung geschickt und hatten auch erwartet, dass wir Sie an diesem großen Festtage als ein Gründungsmitglied des F.C. Bayern in unserer Mitte begrüßen können. Stattdessen kam am 2. Juni 1950 eine Absage, wobei Sie durchblicken ließen, dass Sie an dem F.C. Bayern auf Grund von Ereignissen aus der Nazizeit mehr oder weniger desinteressiert sind. Im Auftrag der Klubleitung habe ich es damals unternommen Ihnen klarzumachen, dass der Klub nicht für alle Ewigkeit gegenüber allen ehemaligen Nazis im Verein den Bannstrahl aufrechterhalten kann. Sie dürften doch wissen, dass viele alte und wirklich tadellose Bayern Nationalsozialisten waren und es würde mir nicht schwer fallen, Ihnen viele Dutzende von Namen zu sagen. Der Klub hat zwar nicht alle, aber doch sehr viele davon wieder in seinen Reihen als Mitglieder aufgenommen und unter all das Geschehene einen dicken Strich gemacht. Soweit allerdings einzelne wenige Mitglieder in denunzierender Weise gegenüber anderen Mitgliedern vorgegangen sind – es sind das kaum 3 – 4 Mitglieder – wurde deren Aufnahme abgelehnt. (…) Ich darf nochmals ausdrücklich bemerken, dass über den srzt. berichteten Vorfall mit Ferdinand Meier keinerlei Unterlagen vorhanden sind und dass tatsächlich Ihre Streichung als Mitglied wegen der Beitragsrückstände erfolgte.“

Am 13. April 1953 wurde Bermühler wieder Mitglied des FC Bayern. Die Beitrittserklärung wurde mit Bleistift zu einer „Wieder-Beitritts-Erklärung“ umgewandelt. Des Weiteren bekam sie den Stempel „Beitragsfrei!“. Mit Schreibmaschine wurde hinzugefügt:

„Mitgliedschaft wird als nicht unterbrochen betrachtet.“

Siegfried Herrmann bemühte sich auch noch anschließend sowohl um die Wiederaufnahme von „Bayern-Juden“ wie von „Bayern-Nazis“. Bei seinem Projekt, die alte Bayern-Familie wiederherzustellen, machte Herrmann keine Unterschiede zwischen Verfolgten und Vertriebenen und ehemaligen NSDAP-Mitgliedern – jedenfalls sofern sich diese nicht nachweislich aktiv an der Verfolgung und Vertreibung anderer Bayern-Mitglieder beteiligt hatten. So schrieb er am 15. Februar 1954 an den Vorstand:

„Ich möchte gerne verschiedene alte Bayern, mit denen ich immer noch im Briefwechsel stehe wieder als auswärtige, bezw. als Mitglieder gewinnen und würde mich dieserhalb auch bemühen. Es handelt sich um folgende Männer: Eugen Klippstein zurzeit in Kalifornien, Leopold Moskowitz zurzeit in Kalifornien, Julius Heckel in Fürstenfeldbrück und dessen Bruder Fritz Heckel. Sämtlich sind bei den Bayern ausgeschieden im Zwange der politischen Verhältnisse und zwar die beiden ersten als Juden und die beiden letzten als Nationalsozialisten. Kann ich ihnen schreiben, daß der Klub sie gerne wieder als Mitglieder in seinen Reihen sieht, vor allem, daß ihre alte Mitgliedschaft als nicht unterbrochen gilt?“

Herrmann musste sich auch mit Fällen von Denunziantentum beschäftigen. So schilderte er am 19. Februar 1953 in einem Brief an den Klubvorstand den Fall des Juweliers und Kaufmannes C.W. Schüssel.

„Schüssel war bereits vor dem I. Weltkrieg Mitglied bei Bayern. Er ist glaube ich ein Sohn des Konsuls Schüssel (Schüsselpassage Kaufingerstraße). Herrn Landauer ist er gut bekannt. Im Jahre 1937 wurde er durch anonyme Karten in gemeinster Weise aufgefordert den Klub zu verlassen. Man hielt ihn für einen Juden, obwohl er meines Wissens selbst kein Jude ist. Ich traf ihn zufällig vor Tagen und klopfte auf den Busch wegen seiner Mitgliedschaft bei Bayern. Er wäre nicht abgeneigt. Man müßte ihm ebenfalls zubilligen, was man in solchen Fällen ja auch immer getan hat, daß seine Mitgliedschaft als nicht unterbrochen angesehen wird, da der Austritt seinerzeit durch höhere Gewalt erfolgte. Die damalige Vorstandschaft hat leider nichts unternommen, um Schüssel gegen Verunglimpfungen aus den Mitgliederkreisen zu schützen.“

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