Anmerkungen zur „Affäre“ Gündogan / Özil

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Dass unsere beiden Nationalspieler ein „fremdes“ Staatsoberhaupt als ihren Präsidenten bezeichnen, ist für mich nicht sonderlich problematisch. Als in den USA Obama gewählt wurde, war er für mich, der sich für die USA interessiert und Städte wie New York und Chicago liebt, ebenfalls „mein Präsident“. Obwohl ich kein US-Bürger bin, nicht einmal US-Wurzeln habe. Das hat mir damals niemand vorgeworfen. Und es muss ja auch die Möglichkeit bestehen, über das Oberhaupt des eigenen Staates zu sagen: „Er ist NICHT MEIN Präsident.“ Beispielsweise dann, wenn Alexander Gauland ins Schloss Bellevue einzieht.

Des Weiteren gebe ich zu bedenken, dass es eine Menge Leute in diesem Land gibt, die Problem damit haben, „unser Gündogan“, „unser Özil“ zu sagen. Wenn ein Özil im Nationaldress lethargisch wirkt, heißt es schnell: „Als Türke ist er nicht wirklich mit dem Herzen dabei.“ Der Auftritt von Gündogan und Özil mit diesem Erdogan ist vielleicht auch ein bisschen die andere Seite dieser Medaille. Wirklich problematisch ist etwas anderes: Dass sich Gündogan und Özil ohne jegliche Not vor einem Mann in den Staub werfen, der ein Despot ist, der die Opposition im eigenen Land brutal unterdrückt und tausende von Journalisten ins Gefängnis wirft. Da hilft auch Gündogans „Klarstellung“ wenig. Er spricht von einer „Geste der Höflichkeit“. Aber Erdogan „großen Respekt“ zu zollen, ist weit mehr als nur eine Geste der Höflichkeit.

Die Debatte hat aber auch etwas Bigottes. Wie gesagt: Speziell Gündogan, ein absolut intelligenter Kerl (in diesem Falle: leider…) ist bei seiner Begegnung mit Erdogan deutlich über das hinausgegangen, was man noch als „diplomatische Gepflogenheiten“ abhaken könnte. Führende CSU-Politiker haben dies aber auch getan, als sie Viktor Orban nicht nur artig zu seinem Wahlsieg gratulierten, sondern dessen Triumph frenetisch bejubelten und den Gewählten zu ihrem „lieben Freund“ erklärten. Obwohl dieser Mann systematisch den Abbau der Demokratie betreibt, die Pressefreiheit bekämpft, ein Rassist ist und seinen Wahlkampf mit antisemitischen Kampagnen geführt hat. Ganz zu schweigen davon, dass seine Clique und die Fidesz-Partei hochgradig korrupt sind. Aufgeregt hat dies damals kaum jemanden. Und Freunde des Autokraten Putin gibt es auch nicht nur in der AfD, die im Übrigen auch nicht Frank-Walter Steinmeier als „ihren“ Präsidenten betrachtet, sondern diesen am Liebsten am nächste Baum aufhängen möchte – gemeinsam mit der Bundeskanzlerin.

Erdogan betreffend stellt Daniel Dillmann in der „Frankfurter Rundschau“ die Frage, ob man von zwei Profifußballern verlangen kann, was weder Politiker noch hochrangige Verbandsvertreter einhalten: „Die Bundesregierung liefert Waffen in die Türkei, trotz humanitärer Katastrophen, ausgelöst unter anderen durch die Offensive des türkischen Militärs in Afrin. Die EU zahlt Milliarden an Erdogans Regierung, damit die verhindert, dass Flüchtlinge überhaupt die europäischen Außengrenzen erreichen.“ Und in dieser Gemengelage sollen zwei Fußballer den moralischen Kompass für den Rest der Gesellschaft mimen?“

Direktive: „Maul halten!“

Nicht jeder, der Gündogan und Özil für ihr kritikwürdiges Verhalten kritisiert, ist ein lupenreiner Demokrat, den die Sorge um den Zustand der demokratischen Rechte in der Türkei umtreibt. Wäre die Aufregung auch so groß gewesen, wenn ein bio-deutscher Nationalspieler das kommende WM-Austragungsland Katar gelobt hätte? Und was die WM in Russland anbetrifft, so lautet die Direktive des DFB an seine Nationalspieler: „Maul halten!“

Wenn Gündogan und Özil nun von deutschen Fans ausgepfiffen werden, dann auch von vielen, für die nicht entscheidend ist, dass die Jungs Sympathien für einen Autokraten geäußert haben. Was sie auf die Barrikaden treibt, ist, dass es sich bei diesem Erdogan um ein „fremdes Staatsoberhaupt“ handelt – noch dazu einen Türken. Ihre Aufregung darüber wäre genauso groß, wäre Erdogan ein Demokrat. Denn Türke ist er dann noch immer. Es werden Leute pfeifen, die es schon immer sch… fanden, dass nun auch „die Türken“ und „die Schwatten“ das deutsche Trikot tragen.

Ja, Gündogan und Özil haben der Integrationsarbeit des DFB einen Bärendienst erwiesen. Allerdings sollte man nun nicht so tun, als hinge das Gelingen der Integration allein von zwei „deutsch-türkischen“ Fußballprofis ab. (Wobei Oliver Bierhoff durchaus recht hat, wenn er sagt: „Beide haben viel für die Integration getan.“) Aber wie sich der deutsche Staat bei den NSU-Morden verhalten hat, war auch nicht gerade integrationsfördernd. Kritik an Gündogan und Özil? Unbedingt! Weil sie einem Despoten ihren Respekt erwiesen haben. (So wie der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger vor und während der WM 1978 – allerdings waren Neubergers Despoten noch um einiges schlimmer als Erdogan.) Aber nicht, weil sie dies als „Deutsch-Türken“ getan haben. Und wir sollten auch nicht „Deutsch sein“ mit einem Bekenntnis zur Demokratie verwechseln. Ich fühle mich in erster Linie als Demokrat – dass ich in Deutschland geboren wurde, ist nicht meine Leistung. Aber ein Blick auf die Geschichte (und leider auch die Gegenwart) zeigt mir, dass „Deutsch sein“ und „Demokrat sein“ nicht zwei Seiten einer Medaille sind.

„Vaterlandsliebe“ und Fußball

Dass Löw die beiden Jungs trotz ihres Auftritts mit Erdogan zur WM mitnimmt, finde ich in Ordnung. Oder weiß jemand definitiv, was der Rest der Nationalmannschaft politisch denkt? Würde er die beiden Spieler daheim lassen, wäre Erdogans Triumph perfekt: „Seht her, liebe Deutsch-Türken. Die Deutschen wollen euch nicht. Euer Präsident bin nur ich!“

Da es Menschen gibt, die der Auffassung sind, dass den Jungs mit Migrationshintergrund das notwendige patriotische Feuer fehle, um auch im Nationaltrikot erfolgreich zu spielen, noch etwas zum Thema „Vaterlandsliebe“ und Fußball. Franz Beckenbauer, bis vor einigen Jahren unser deutscher „Kaiser“ (für einige ist er es noch immer), schrieb über sich und Fritz Walter, Kapitän des Weltmeisters von 1954: „Er glaubte an Kameradschaft und Nationalehre. Für mich ist eine Fußballmannschaft eine Interessengemeinschaft. Titel sind dazu da, dass sie gewonnen werden. Das ist für mich nicht nur ein sportliches Ziel, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit.“ Der Franz stammte aus Giesing. Sein Vater hieß ebenfalls Franz, die Mutter Antonie. Über einen Migrationshintergrund der Familie ist nichts bekannt.

 

Von Dietrich Schulze-Marmeling erschien vor einigen Tagen das neue Buch „Celtic. Ein ‚irischer‘ Verein in Glasgow“, Ende Juni bringt er zusammen mit Peter Hyballa und Hans-Dieter te Poel „Trainer, wann spielen wir? Spielformen für den Fußball von heute und morgen“ heraus.

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