40 Jahre WM 1978 in Argentinien. Die Geschichte des Schiedsrichters Abraham Klein

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Abraham Klein erblickte 1934 im rumänischen Timisoara das Licht der Welt. Die heute ca. 320.000 Einwohner zählende Stadt im Westen Rumäniens wird häufig als schönste des Landes beschrieben. Kleins Erinnerungen an Timisoara sind weniger schön. 1920 zählte die Stadt über 8.000 Bürger jüdischer Abstammung, das waren etwa zehn Prozent der damaligen Bevölkerung. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte der Antisemitismus in Timisoara Hochkonjunktur. Im August 1941 wurden alle männlichen Juden zwischen 18 und 50 Jahren in ein Zwangsarbeitslager verfrachtet. Außerdem konfiszierten die Behörden einen Großteil des jüdischen Immobilieneigentums.

Am 17. August 1942 stimmte der rumänische „Staatsführer“ Marshall Ion Antonescu der Deportation der Juden aus Arad, Timisoara und Turda zu. Aus Timisoara wurden bis 1943 2.888 Menschen verschleppt. 1947 lebten wieder etwa 13.600 Juden in Timisoara, viele von ihnen waren ab 1943 aus Ungarn geflohen.

Aber Timisoaras Juden wurden unter der nun kommunistischen Herrschaft nicht heimisch. Die meisten wanderten nach Israel aus. Heute steht in Timisoara nur noch eine von ehemals sechs Synagogen, die Zahl der Juden beträgt nur wenige hundert.

Ein großer Teil der Familie Abraham Kleins wurde Opfer des Holocausts. Abrahams Vater, der in Budapest für die 2. Mannschaft des stark jüdisch geprägten MTK gespielt hatte, verließ Rumänien 1937. Abraham war damals 13. Er überlebte die Judenverfolgung in einer engen Wohnung – mit seiner Mutter, deren sechs Schwestern und den Großeltern.

1947 wurde Klein mit 500 jüdischen Kindern zur Erholung ins niederländische Apeldoorn gebracht. Seither galten seine Sympathien mehr Apeldoorn als seiner Geburtsstadt. Nach einem Jahr ging Klein nach Israel und in ein Kibbuz, anschließend zu seinen Eltern, die nun in Haifa lebten.

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Über „Deutsch-Türken“, die Nationalelf und völkische Träume

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Hamit Altintop und Nuri Sahin sprechen fließend Deutsch. Besser als mancher Bio-Deutscher. Bislang hat kaum jemand behauptet, sie seien nicht integriert. Aus westdeutscher Sicht sind sie sicherlich integrierter als einige Sachsen. Hamit Altintop entschied sich aber trotzdem für eine Nationalspielerkarriere mit der Türkei. Altintop: „Ich bin Deutschland sehr, sehr dankbar, ich habe hier sehr viel gelernt und sehr viele Chancen bekommen. Aber meine Mama kommt aus der Türkei, mein Vater kommt aus der Türkei, ich bin Türke.“ Altintop kritisierte Mesut Özils Entscheidung, für die deutsche Nationalmannschaft – und nicht für die türkische – zu spielen: „Ich bin ein toleranter Mensch und respektiere Mesuts Weg, aber unterstützen kann ich ihn nicht.“

Auch Nuri Sahin entschied sich für die türkische Elf. Als Thilo Sarrazin seine kruden Thesen veröffentlichte, konterte Sahin: „Ich finde das nicht in Ordnung. Wir Muslime passen uns an. Die dritte Generation ist sehr gut in Deutschland integriert, viel besser als die früheren Generationen. In unserer Generation wird es keine Probleme mehr geben.“ Michael Horeni, der Sahin für die „FAZ“ interviewte: „Er sagt das sehr ruhig, und er sagt das auch nicht zum ersten Mal. Es ist seine Generation, von der er spricht, und deren Integrationsleistungen er verteidigt. Und man merkt, dass ihm etwas daran liegt, ein Gegengewicht zu schaffen in einer Integrationsdebatte, die derzeit geprägt ist von den Schattenseiten, von Abgrenzung, Verweigerung, von Parallelgesellschaften.“

Nationalismus oder Pragmatismus?

Sahin kommentierte Özils Pro-Deutschland-Entscheidung anders als Altintop. „Ich bin mit Mesut, Serdar (Tasci) und Jerome (Boateng) befreundet, aber ich habe von der U15 an für die Türkei gespielt. Mesut, Serdar und Jerome haben in den U-Mannschaften für Deutschland gespielt.“ Es hätte „nicht gepasst“, wenn er sich dann für Deutschland entschieden hätte, und umgekehrt auch nicht. „Die Jungs haben es nicht bereut, und ich habe es auch nicht bereut. Und das Wichtigste ist, dass man sich wohlfühlt.“

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