Barhocker-Momente

Was bei früheren Weltmeisterschaften und vor Toni Kroos’ Freistoß besser war und was nicht

 

Sascha Theisen

von Sascha Theisen – Kurz bevor Toni Kroos am vergangenen Samstag seinen genialen rechten Fuß auspackte und den Treffer erzielte, den man sich nun in den branchenüblichen Mediatheken aus zehn verschiedenen Perspektiven anschauen kann, war es nach vielen Jahren voller Halbfinals und Endspielen plötzlich so weit: Ein ganzer Sommer stand auf dem Spiel – nicht mehr und nicht weniger. In den Kneipen der Republik quälten viel zu große Hinterteile viel zu kleine Barhocker und ließen den Rest ihres Körpers erbarmungslos vibrieren. Leinwände im ganzen Land wurden mit panikartigen Flüchen belegt, und die Entrüstung über „Die Mannschaft“ nahm kein Ende mehr.

Es war die pure Angst vor einem Turnier-Aus, die die Deutschen im ganzen Land plötzlich ergriff – ein WM-Turnier-Aus in einer Vorrunde. Bis dahin war das größte WM-Desaster das legendäre Aus in der Zwischenrunde der WM 1978 gegen Hans Krankl und Eddie Finger im argentinischen Córdoba gewesen. Ansonsten feierte man auf den Barhockern der Nation immer mindestens das Viertelfinale und selbst das galt in Jahren wie 1962, 1994 oder 1998 schon als nationale Scham. Ein Vorrunden-Aus wäre also die Mutter aller Katastrophen und passt daher schon mal gar nicht zum deutschen Selbstverständnis. Am Samstagabend schien es aber tatsächlich so weit zu sein – eine nationale Katastrophe. Und der Anfang eines „Früher-war-alles-besser-Sommers“.

Ein Glück gibt es für solche Sommer passende Umfragen, wie die Heldentaten-Umfrage, die eben schon vorher weiß, dass früher alles besser war. Gemeinsam mit den Kölner Marktforschern von respondi haben wir nämlich eine repräsentative Gruppe von 1.000 deutschen Durchschnitts-Viertelfinalisten dazu befragt, was aus ihrer Sicht die größten WM-Momente waren – negativ wie positiv. Warum haben wir das gemacht?

  • Um Momente wie den von Samstag noch etwas intensiver erleben zu können.
  • Um genau zu wissen, was früher alles besser war.
  • Um genau zu wissen, was früher alles schlechter war.
  • Um mehr Bücher des wunderbaren WM-Buchs „Heldentaten – die größten deutschen WM-Spiele“ zu verkaufen.
  • Um mehr Bücher des wunderbaren WM-Buchs „Helden – die größten deutschen WM-Legenden von Bern bis Rio“ zu verkaufen.

Und hier sind die Ergebnisse:

Das größte WM-Trauma (vor letztem Samstag):

Als schwer verdauliches WM-Trauma hat sich bis heute das Ende des Sommermärchens 2006 in die deutsche Fußball-Seele eingebrannt. Denn auf die Frage nach der schlimmsten WM-Niederlage einer deutschen Nationalmannschaft nannten die meisten Fans (35 Prozent) das Halbfinal-Aus gegen Italien (0:2). Auf dem zweiten Platz der nach oben offenen Bitterkeitsskala landete die Final-Niederlage 1966 gegen England, die durch das legendäre Wembley-Tor in der Verlängerung Stoff für jahrzehntelang anhaltende Diskussionen gab. An diesem Drama knabbern auch heute immerhin noch 23 Prozent der deutschen Fans – für die damaligen Zeitzeugen der heute 60- bis 69-Jährigen ist sie sogar bis heute die uneingeschränkte Mutter aller WM-Niederlagen. Immerhin auch 17 Prozent der 16- bis 29-Jährigen nennen sie als erstes. Überraschenderweise auf Platz 3: das besagte Spiel der Zwischenrunde 1978 in Argentinien. „Die Schmach von Córdoba“, als die Elf des damaligen Bundestrainers Helmut Schön 2:3 gegen Österreich verlor, erhielt 16 Prozent aller Stimmen.

Bitterste deutsche WM-Niederlage

Platz 1: WM 2006, Deutschland – Italien (0:2 n.V.) – 35 Prozent

Platz 2: WM 1966, England – Deutschland (4:2 n.V.) – 23 Prozent

Platz 3: WM 1978, Deutschland – Österreich (2:3) – 16 Prozent

Platz 4: WM 2002, Brasilien – Deutschland (2:0) – 9 Prozent

Platz 5: WM 1970, Italien – Deutschland (4:3) – 6,5 Prozent

Der größte WM-Sieg (vor letztem Samstag):

Was für Millionen Brasilianer das größte Desaster ihrer Fußballgeschichte war, ist für die Deutschen schlicht der größte WM-Triumph aller Zeiten. Das Votum: Der 7:1-Kantersieg im Halbfinale der WM 2014 wurde zum denkwürdigsten WM-Sieg einer DFB-Elf gekürt. Mit 31 Prozent der Stimmen landete das Spiel gegen den damaligen Gastgeber Brasilien damit knapp vor dem „Wunder von Bern“, jenem legendären Finalsieg gegen die ungarische Wunder-Elf im Berner Wankdorf 1954 (26 Prozent). Auf Rang 3: das dramatische Finale 2014 gegen Argentinien im Maracana von Rio de Janeiro.

Größter deutscher WM-Sieg

Platz 1: WM 2014, Brasilien – Deutschland (1:7) – 31 Prozent

Platz 2: WM 1954, Deutschland – Ungarn (3:2) – 26 Prozent

Platz 3: WM 2014, Deutschland – Argentinien (1:0 n.V.) – 16 Prozent

Platz 4: WM 1974, Deutschland – Niederlande (2:1) – 9,5 Prozent

Platz 5: WM 1990, Deutschland – Argentinien (1:0) – 5,5 Prozent

Der größte WM-Held (vor letztem Samstag)

Gerd Müller ist für die Deutschen nach wie vor der Größte. Demnach stimmten 17 Prozent der Befragten für den einstigen „Bomber der Nation“, der mittlerweile leider sehr schwer erkrankt ist. Auf den Plätzen 2 und 3 folgen WM-Rekordschütze Miro Klose (13,5 Prozent) sowie der Kaiser, Franz Beckenbauer. Immerhin auf Platz 5: Die grätschende Platzwunde aus dem Maracana, Bastian Schweinsteiger.

Platz 1: Gerd Müller – 17 Prozent

Platz 2: Miroslav Klose – 13,5 Prozent

Platz 3: Franz Beckenbauer – 13 Prozent

Platz 4: Helmut Rahn – 12 Prozent

Platz 5: Bastian Schweinsteiger – 11 Prozent

Das größte deutsche WM-Tor (vor letztem Samstag)

Auch wenn es um das wichtigste WM-Tor der DFB-Elf geht, ist Gerd Müller vorne dabei. Sein entscheidender Treffer im WM-Finale 1974 landete auf Platz 3. Das größte deutsche WM-Tor fiel in den Augen der Fans allerdings vor satten 64 Jahren „aus dem Hintergrund“ als Helmut Rahn im Berner Wankdorf das „Wunder von Bern“ perfekt machte. Sein Treffer gegen den ungarischen Torwart Gyula Grosics wurde von 36 Prozent der Fans über alle Altersklassen hinweg gewählt. Auf dem zweiten Platz folgt Mario Götzes entscheidender Treffer gegen Argentinien 2014.

Interessant: Auch für die junge Fan-Generation ist Rahns Treffer im „unaufhörlich prasselnden Regen“ von Bern der wichtigste Treffer der deutschen WM-Historie. Immerhin 27 Prozent der 16- bis 29-Jährigen wählten ihn auf Platz 1. In der gesamten Bewertung auf Platz 4 folgt indes Gerd Müllers akrobatischer Seitfallzieher zum 3:2 Sieg nach Verlängerung im Viertelfinale 1970 gegen das englische Team. Auf dem fünften Rang: Miroslav Kloses Treffer zum 2:0 gegen Brasilien 2014. Knapp gefolgt wird Kloses Abstauber vom einzigen deutsch-deutschen Tor der WM-Historie, Jürgen Sparwassers Treffer mit der DDR-Mannschaft gegen die bundesdeutsche Auswahl in Hamburg 1974. Der Treffer des Magdeburgers erhielt 4,7 Prozent der Stimmen.

Größtes deutsches WM-Tor

Platz 1: Helmut Rahn, 3:2 gegen Ungarn 1954 – 36 Prozent

Platz 2: Mario Götze, 1:0 gegen Argentinien 2014 – 21 Prozent

Platz 3: Gerd Müller, 2:1 gegen Niederlande 1974 – 10 Prozent

Platz 4: Gerd Müller, 3:2 gegen England 1970 – 7 Prozent

Platz 5: Miro Klose, 2:0 gegen Brasilien 2014 – 5,5 Prozent

Übrigens: Größter deutscher WM-Trainer war laut der Umfrage (die allerdings vor der WM stattfand) Jogi Löw – mit satten 47 Prozent der Stimmen. Hätte man kurz vor Toni Kroos’ Treffer auf den Barhockern der Nation nachgefragt – wer weiß, ob das nicht anders ausgegangen wäre…

  

Die WM-Bücher „Heldentaten – die größten deutschen WM-Spiele“ sowie „Helden – die größten deutschen WM-Legenden von Bern bis Rio“, beide mit imposanten Fotoserien bebildert und durch emotionale Spielberichte und Portraits untermalt, sind hier erhältlich:

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Über die Umfrage

Initiator der WM-Umfrage ist Sascha Theisen, Autor des Fußballbuches „Heldentaten“, das die größten deutschen WM-Spiele in Wort und Bild noch einmal aufleben lässt. Gemeinsam mit dem Kölner Marktforschungsunternehmen Respondi befragte er 1.018 Fußballfans in ganz Deutschland nach den aus ihrer Sicht größten WM-Helden und -Spielen.

 

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