Özil, Gündogan und „unsere Werte“

Über deutsche und türkische Gefühlslagen

Dietrich Schulze-Marmeling, Foto: Johannes Hölker

von Dietrich Schulze-Marmeling – „AfD wirkt!“, postete Alice Weidel, als Jogi Löw gegen die Schweden auf Mesut Özil verzichtete. Natürlich glaubt auch Weidel nicht, dass Löw eingesehen hat, dass dieser „Türke“ Mesut Özil nicht in eine deutsche Nationalmannschaft gehört. Was Weidel meint, ist, dass rassistisches Mobbing funktioniert. Die Hetz- und Hasskampagne hatte möglicherweise Özils Leistungsfähigkeit in einem Ausmaß gehemmt, dass der Bundestrainer entschied, ihm lieber eine Pause zu gönnen. Der gegen die Schweden eingewechselte Ilkay Gündogan spielte spürbar mutlos, war vorrangig darauf bedacht, einen Fehlpass zu vermeiden. Das, was ihn eigentlich auszeichnet, war kaum zu sehen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wäre Ilkay Gündogan – nicht Toni Kroos – das Missgeschick beim schwedischen Führungstor unterlaufen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte Ilkay Gündogan kurz vor dem Abpfiff ein Foul begangen, mit der Folge eines Freistoßes, der im deutschen Tor landet. Vermutlich wäre es ihm noch schlimmer ergangen als dem Schweden Jimmy Durmaz, der vor Toni Kroos‘ Kunstschuss Timo Werner gelegt hatte. Durmaz, der türkische Wurzeln hat, wurde anschließend in den sozialen Netzwerken mit rassistischen Schmähungen überschüttet. Außerdem erhielten er und seine Kinder (!) Morddrohungen. Die AfD, das ist so klar wie Kloßbrühe, will das Scheitern dieser Nationalelf. Denn diese Mannschaft hat mit ihren Vorstellungen von Deutschland nichts zu tun. Bernd „das braune Brot“ Höcke fieberte mit Island. Vermutlich weil das Team so schön weiß und „reinrassig“ ist.

Deutschland ist empört. Weniger über Weidel und Höcke, sondern weil Deutschlands Deutschtürken Erdogan gewählt haben. Zweifellos hat Erdogan die Özil/Gündogan-Debatte geholfen. Angesichts des Rassismus, der anschließend durch die sozialen Netzwerke tobte, und nicht nur dort, musste er nur noch die Füße stillhalten. Der Doppelpass zwischen türkischen und deutschen Nationalisten hat funktioniert.

Wenn die Medien behaupten, dass zwei von drei Deutschtürken für Erdogan votierten, ist dies allerdings falsch. Denn abstimmen durfte nur, wer auch (oder ausschließlich) ein Wahlrecht in der Türkei besaß und von Erdogan zum Wahlgang zugelassen wurde. Von den gut 2,8 Millionen Deutsch-Türken waren etwa 1,4 Millionen stimmberechtigt. Nur knapp 50 Prozent nahmen ihr Wahlrecht wahr. Von diesen haben etwa 65 Prozent für Erdogan gestimmt. Macht weniger als 500.000 Deutschtürken. Schlimm genug, aber zwei Drittel aller Deutschtürken sind dies nur nach Horst-Szymaniak-Arithmetik.

Wenn wir nach den Gründen suchen, warum Erdogan in Deutschland so gut abgeschnitten hat, besser als in der Türkei, ist vielleicht noch eine weitere Angabe interessant. Bei einer Befragung durch Forscher der Universitäten Köln und Duisburg-Essen nach der Bundestagswahl 2017 erreichte Erdogan bei den Deutschtürken weit schlechtere Werte als beispielsweise Kanzlerin Angela Merkel: Nur AfD-Senior Alexander Gauland war noch unbeliebter als der türkische Staatspräsident.

Womit sich die Frage stellt: Warum bekommt Erdogan auch Stimmen von Menschen, die nicht zu den knallharten Nationalisten zählen?

Wirklich gefährlich ist die CSU?

Auch der Grünen-Politiker Cem Özdemir, der immer vor die Kamera darf, wenn es um Erdogan geht, ist empört: „Die feiernden deutsch-türkischen Erdogan-Anhänger jubeln nicht nur einem Alleinherrscher zu, sondern drücken damit zugleich ihre Ablehnung unserer liberalen Demokratie aus. Wie die AfD eben.“

Auch ich bin zutiefst angewidert. Ich träume sogar von einem größeren Bevölkerungsaustausch. Wir schicken die fanatischsten Erdogan-Anhänger in die Türkei. Dafür holen wir uns dann die von Erdogan eingekerkerten Demokraten ins Land. Und die vielen Frauen, die eine weitere Islamisierung des Landes befürchten. (Was AfD und CSU aber auch nicht gutheißen werden, denn schließlich sind auch diese Leute Türken.) Dann schicken wir noch die Deutsch-Russen zu Putin, die AfD-Meute zu Orban usw. Und Mario Basler bekommt einen Altersruhesitz auf Mallorcas Schinkenstraße.

Aber Cem Özdemirs Statement greift zu kurz. Erstens: Viele Deutsch-Türken, die bei den Wahlen in der Türkei pro Erdogan votiert haben, dürfen bei deutschen Wahlen gar nicht an die Urne. Wesentlich gefährlicher sind Menschen, die bei deutschen Wahlen Stimmrecht haben und dann für die Abschaffung der liberalen Demokratie votieren. Zweitens: Es ist überhaupt nicht ausgemacht, dass die deutsch-türkischen Erdogan-Wähler allesamt Gegner unserer liberalen Demokratie sind. Bei einem Teil der Deutsch-Russen ist das wesentlich einfacher: Dieser huldigt Putin, also einem fremden Staatsoberhaupt, und macht bei Wahlen sein Kreuzchen bei der AfD. Passt also. Drittens: Die größte Bedrohung stellt dieser türkische Nationalismus für die vielen demokratischen und linken Deutschtürken dar, die Erdogan nicht gewählt haben. Hier lohnt ein Blick auf das Wahlverhalten der hier wahlberechtigten Deutschtürken (ca. 720.000) bei der letzten Bundestagswahl: 35 Prozent von ihnen wählten die SPD. 20 Prozent gaben ihre Stimme den Unionsparteien, 16 Prozent der Linkspartei und 13 Prozent den Grünen. Die FDP kam bei dieser Bevölkerungsgruppe auf nur vier Prozent, die AfD auf null.

Außerdem müssen wir aufpassen, dass wir vor lauter Erdogan wählenden Deutschtürken die Söders, Seehofers, Dobrindts, Scheuers und Co. nicht aus dem Blick verlieren. Diese sind derzeit weitaus gefährlicher für unsere liberale Demokratie als Leute, die hier weder wählen noch ein politisches Amt bekleiden dürfen (abgesehen von einem Sitz im Ausländerbeirat). Die CSU träumt von einer Orbanisierung Deutschlands und Europas. Und verbündet sich mit „fremden“ Regierungen (Hochverrat?), die aus Rechtspopulisten und Rechtsextremisten bestehen. Alexander Dobrindt ruft eine konservative Revolution aus. Trotz seiner Jacketts dürfte auch er wissen, dass dieser Begriff seit Weimar politisch besetzt ist. Die „konservative Revolution“ war eine entschieden antidemokratische und antiliberale Bewegung, die als ideologischer Wegbereiter des Nationalsozialismus gilt. (Ich weiß, wovon ich rede. Mein Großvater war ein Fan der „konservativen Revolution“. Die Werke von Jünger, Moeller van den Bruck, Spengler und Co. stehen noch bei mir im Regal.) Orbans Wahlsieg interpretiert Dobrindt als Erfolg einer klassisch „bürgerlich-konservativen“ Politik. Dobrindt versteht also unter „klassisch konservativ“: Kleptomanie, Korruption, Rassismus, Antisemitismus und die Abschaffung der Pressefreiheit. (Nicht zufällig gehörte CSU-Liebling Orban zu Erdogans ersten Gratulanten …) Horst Seehofer, Innenminister dieser Republik, übernimmt die „Lügenpresse“-Rhetorik der Rechtsextremen, in dem er behauptet, hierzulande würden mehr Fake News produziert als in Russland. Ministerpräsident Markus Söder fordert ein Ende des „Asyltourismus“ – der Begriff wurde von der AfD eingeführt. Ex-Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich spricht von einer „Flutung“ Deutschlands und übernimmt damit die Rhetorik rechtsextremistischer Verschwörungstheoretiker. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer macht nicht den geringsten Hehl aus einer rassistischen Grundhaltung, wenn er Probleme bei der Abschiebung von Flüchtlingen wie folgt beklagt: „Das Schlimmste ist ein Fußball spielender, ministrierender Senegalese, der über drei Jahre da ist. Weil, den wirst du nie wieder abschieben.“ Ein fußballspielender, ministrierender Senegalese ist offensichtlich ein integrierter Flüchtling, der niemanden stört, sondern eine Bereicherung für den Sportverein und die Kirche ist. Soweit will es Scheuer aber erst gar nicht kommen lassen. Integrierte Flüchtlinge findet Scheuer nämlich besonders schlimm. Jedenfalls wenn es sich um „Neger“ handelt. Scheuer hätte auch ein anderes Herkunftsland wählen können, beispielsweise Syrien. Aber bei Senegal weiß jeder, dass es um „Neger“ geht. Scheuers Aussage empfinde ich als mindestens genauso übel wie Gaulands berühmtes Boateng-Bashing.

Dass die CSU-Spitze eine „andere Republik“ anstrebt (oder, wie die „Zeit“, das journalistische Flaggschiff der liberalen Demokratie, schreibt, ihre Selbstradikalisierung „immer neue Kollateralschäden mit sich bringt, die in der Summe auf eine andere Republik hinauslaufen“), scheint auch für viele Grüne kein Thema zu sein.

Wie man Erdogan-Freunde großzieht

Im Übrigen sollten wir uns mal langsam fragen, vermutlich ist es dafür schon zu spät, wie es kommt, dass ein Teil der Deutschtürken Erdogan als „Rückversicherung“, Anwalt ihrer Interessen und Schutzpatron betrachtet, wie es einige von ihnen nach der Wahl in Interviews äußerten. Dass sich Deutschland den Deutsch-Türken lange verschloss, beförderte den anti-türkischen Rassismus und öffnete türkischen Nationalisten Tür und Tor. Als die CDU 1982 in Bonn die Macht übernahm, verschärfte die offizielle Politik ihre Tonlage gegenüber Arbeitsimmigranten. Der CSU-Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann startete seine berüchtigte „Rückführungs“-Kampagne. Wer die Bundesrepublik in Richtung türkischer Heimat verließ, wurde mit 10.500 DM belohnt. Der Berliner CDU-Innensenator Heinrich Lummer, ein Türkenhasser und Antisemit, gab die Parole aus, „Berlin muss deutsch bleiben“. Lummer hatte festgestellt, dass der Unterschied zwischen Deutschen und Türken schon beim Geruch anfinge. (1971 hatte Lummer einer Neonazi-Gruppe 2.000 DM dafür gezahlt, dass diese Wahlplakate der SPD überklebte.)

Im Oktober 1983 empfing die DFB-Elf in der Qualifikation zur Europameisterschaft in Frankreich die Türkei. Spielort war das Berliner Olympiastadion. Durch Aussagen à la Lummer ermutigt, bliesen Rechtsradikale im Vorfeld des EM-Qualifikationsspiels zur Jagd auf die türkischen Einwanderer. In den Wochen vor dem Spiel wurde vor den Bundesligastadien ein Flugblatt verteilt, in dem es hieß: „Am 26. Oktober 1983 steht dem deutschen Volke der Kampf gegen das stinkende Türkenpack bevor. (…) Hinter diesem Spiel steht besonders der Kampf der Deutschen um Arbeitsplätze im eigenen Land und der Wille eines jeden in Deutschland, unter deutschen Landsleuten zu leben und nicht mitansehen zu müssen, wie eine immer größer werdende Ausländerzahl die Zukunft eines starken Deutschland gefährdet. Wir – zum Teil jugendliche Fußballfans – müssen uns erheben und gemeinsam Front machen gegen die Ausländerschwemme (speziell Türken) in Deutschland. (…) Nur Gewalt kann uns noch befreien. Werft die Ausländer raus aus Deutschland. Wir müssen den Anfang machen! Egal welcher Verein: Auf nach Berlin, am 26.10. zum Kampf gegen die Kanaken!“

Am 23. November 1992 kamen in Mölln bei einem Brandanschlag von Neonazis zwei junge Mädchen und eine Großmutter ums Leben. Die Opfer gehörten zur türkischstämmigen Community, ihre Mörder waren Rechtsradikale. Am 29. Mai 1993 wurden bei einem Brandanschlag in Solingen fünf Menschen getötet. Erneut kamen die Opfer, darunter ein vierjähriges Mädchen, aus der türkischstämmigen Community. 17 weitere erlitten zum Teil lebenslange Verletzungen. Auch hier war der Hintergrund des Anschlags ein rechtsradikaler. Ein deutschtürkischer Facebook-Freund schreibt mir hierzu: „Solingen steckt allen Türkeistämmigen bis heute in den Knochen. Ich habe damals zu Studienzeiten eine Demo mit anderen organisiert. Da sind dann alle mitgelaufen: die Religiösen, die Kurden und türkischen Linken, die Kemalisten – man kannte sich von der Uni.“

In den Jahren 2000 bis 2006 wurden neun Kleinunternehmer mit Migrationshintergrund von der rechtsradikalen Terrorbande Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) ermordet. Acht von ihnen stammten aus der Türkei. Die behördlichen Ermittlungen nahmen zunächst die Opfer und deren Angehörige ins Visier und offenbarten dabei eine gehörige Portion Rassismus. Eine rechtsradikale Motivlage wurde ausgeschlossen, obwohl sie auf der Hand lag. Entsprechend wurde im rechtsradikalen Milieu auch nicht ermittelt. Ermittler und Journalisten sprachen von „Döner-Morden“, obwohl nur zwei der Opfer in Döner-Läden arbeiteten. Auch hier schwang eine gehörige Portion Rassismus mit. Die Angehörigen der Opfer, ja die gesamte türkischstämmige Community konnte das Verhalten des deutschen Staates und seiner Organe nur als rassistisch empfinden. Damals war die deutsche Polizei nicht auch die Polizei der Deutschtürken. Angehörige der Opfer erklärten später, sie hätten Angst vor der deutschen Polizei. Ganz gruselig wird es, wenn man die fragwürdige Rolle des Verfassungsschutzes während der Mordserie beleuchtet. Den deutschen Politikern konnten die Deutschtürken auch nicht mehr vertrauen. Innenminister Otto Schily, in dessen Amtszeit sieben der neun Morde fielen, machte wenig Anstalten, der Community zu demonstrieren: „Ich bin auch EUER Innenminister.“

Mölln, Solingen und die NSU-Mordserie haben zu einer tiefen Entfremdung zwischen der türkischstämmigen Community und den staatlichen Institutionen geführt. Diese Ereignisse haben tiefe Spuren in der Psyche hinterlassen. Und dann war da noch die nicht immer glückliche Debatte um einen EU-Beitritt der Türkei. Dass sich Teile der türkischen Community nicht in unserem Sinne und in unsere Richtung entwickelt haben, wundert mich nicht. Noch einmal mein deutschtürkischer Facebook-Freund: „Da steckt auch eine ganze Menge deutsche ‚Integrationsgeschichte‘ und langjährige Rassismuserfahrung dahinter, warum einer meint, AKP wählen zu müssen.“

Man muss sich das einfach mal andersherum vorstellen. Wir leben als deutsche Minderheit in der Türkei. Es kommt immer wieder zu Morden an unseren Landsleuten, die unsere Community in Angst und Schrecken versetzen. Was uns besonders Angst macht: Die türkischen Behörden demonstrieren wenig Lust, die Täter zu fassen. Wir vermuten diese im türkisch-nationalistischen Milieu, es spricht auch alles dafür, aber die Polizei ermittelt hier nicht. Dann wird noch bekannt, dass ein Mitarbeiter des türkischen Verfassungsschutzes bei einem der Morde im Nebenraum saß. Auch die türkische Gesellschaft interessiert sich für die Morde nicht. Die Leute kaufen zwar in unseren Läden Sauerkraut, und unsere Bratwurstbuden sind ein regelrechter Hit, jedenfalls in Istanbul, aber sie behandeln uns trotzdem als Parallelgesellschaft – als Menschen, die eigentlich nicht dazugehören. Und seit dieser Mordserie können wir sogar unserem türkischen Nachbarn nicht mehr über den Weg trauen. Mittlerweile ist Alexander Gauland ins Kanzleramt eingezogen, ein älterer Herr, der ziemlich rechts ist und in unserer Heimat die Demokratie demontiert. Aber uns erzählt: „Liebe Deutsche in der Türkei. Es ist offensichtlich, dass euch die Türken nicht mögen und ihr der türkischen Regierung scheißegal seid. Aber ich, ich bin euer Freund. Ich vergesse euch nicht, denn ihr seid Deutsche. Ich, nicht dieser Erdogan, bin euer Präsident!“

Parallelgesellschaften und ihre Profiteure

Ein nicht unerheblicher Teil der Deutschen hat die Deutschtürken nie als Mitbürger und Teil des deutschen Staatsvolkes akzeptiert. Ganz gleich, ob sie den deutschen Pass besaßen oder den türkischen. Und auch nicht als deutsche Nationalspieler. Die Diskussion über das Treffen von Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit Erdogan hat das noch einmal in aller Deutlichkeit gezeigt. Nach dem Fehltritt der beiden türkischstämmigen Nationalspieler hieß es: „Schleusen auf!“ Nicht nur der klassische Fußball-Bunke und klassische AfD-Wähler, auch Leute wie Werner Steer, Leiter des Deutschen Theaters in München, sahen die Gelegenheit gekommen, ihrem Rassismus gegen Deutschtürken freien Lauf zu lassen. Seine Tweets sind ein anschauliches Beispiel dafür, wie man seinen Rassismus hinter einer eben nur scheinbar demokratischen Erdogan-Kritik verbirgt. Erdogan macht es möglich, mal so richtig die Rassisten-Sau rauszulassen. Endlich! Steer an die Adresse von Özil gerichtet: „Hallo, du Idiot, du hast in der deutschen Nationalmannschaft nichts zu suchen. Verpiss dich nach Anatolien! Spiel doch bei deinem türkischen Hitler!“ Und; „So einer wie Özil, der nicht nur einem Verbrecher huldigt, sondern auch noch die Nationalhymne nicht mitsingt, weil er die Werte nicht teilt, muss sofort weg!“ Man fragt sich: Welche Werte sind es, die der Herr Theaterleiter verkörpert? Ganz sicherlich nicht die eines liberalen, demokratischen Rechtsstaates. Özil und Gündogan können gar nicht UNSERE Werte verletzen. Denn UNSERE Werte gibt es nicht mehr. Steer rechtfertigte seine rassistischen Tweets damit, dass er beim Thema Fußball nun mal ein „Bolzer“ sei. Dies lässt befürchten, dass Steer sowohl was Spielstil, „ethnische Zusammensetzung“ der Nationalmannschaft wie Fan-Verhalten betreffend Teutone durch und durch ist. Man spürt bei Steer, wie befreit er ist, endlich das zu sagen, was er schon immer sagen wollte: „Türken raus!“ Und den Türken den Hitler zuzuschieben, zentrale Figur unseres „Schuldkomplexes“, ist schon ziemlich geil.

Erdogan hat es auch mit Hilfe deutscher Rassisten geschafft, zum Schutzpatron der türkischstämmigen Community zu avancieren (sofern sie nicht seine Gegner sind). Und so sollte es auch sein. Nicht nur türkische Nationalisten, auch deutsche Nationalisten freuen sich über das Wahlergebnis in der Türkei. Hätte eine Mehrheit der deutsch-türkischen Urnengänger gegen Erdogan votiert, hätte Erdogan die Wahl verloren, wäre das auch eine Niederlage ihrer eigenen Politik gewesen. Einer Politik, deren Ziel die Abschaffung der liberalen Demokratie ist. Mit Hilfe der Demokratie und einer rassistisch unterlegten Volksmobilisierung. Erdogans Politikstil ist ja dem der Rechtspopulisten und Rechtsextremen in der EU und in den USA durchaus ähnlich. Es sind dieselben Stimmungen, es ist derselbe Zeitgeist, der sie nach oben gebracht hat. Ein Sieg der türkischen Demokraten wäre nicht nur für Erdogan, sondern auch für Orban und Co. eine Niederlage gewesen.

Wenn wir ehrlich sind: 90 Prozent von uns und auch den deutschen Staat hat nie wirklich interessiert, wie die drei Millionen türkischstämmigen Mitbürger denken und leben, welche Alltagserfahrungen sie machen. Wie die Diskussion um einen EU-Beitritt der Türkei bei den Deutschtürken ankam, hat auch niemanden interessiert. „Graue Wölfe“ und andere Nationalisten ließ man gewähren, antifaschistisch und demokratisch gesonnene Deutschtürken wurden hingegen immer wieder drangsaliert. Und was in den Hinterhof-Moscheen vorgeht, war auch nicht unser Bier. Die gehören ja nicht zu uns, also müssen wir uns auch nicht darum kümmern.

Wir kritisieren die Existenz von Parallelgesellschaften. Ganz abgesehen davon, dass es in Deutschland ganz viele Parallelgesellschaften gibt. Für einen aufgeklärten Städter ist beispielsweise schon der Besuch eines dörflichen Schützenfestes wie ein Eintauchen in eine Parallelgesellschaft. Und auch nichts anderes als der Besuch einer türkischen Hochzeit. Okay, letztere ist sicherlich lustiger. Und das Essen ist dort auch besser. Aber was die Parallelgesellschaft von Deutschtürken anbelangt, muss man konstatieren: Wir haben sie gewollt. Es war so einfacher.

Auch ich kann mich von dieser Ignoranz nicht freisprechen. In meiner Heimatstadt (Ruhrgebiet) kamen in den 1970ern Busladungen mit Türken an, billige Arbeitskräfte für den Bergbau. Wir haben damals zwar gegen den Immobilienunternehmer Günther Kaußen demonstriert, der Bergarbeitersiedlungen aufgekauft hatte, in denen die „Gastarbeiter“ unter unwürdigen Bedingungen lebten. Aber wirklich interessiert haben wir uns für diese nicht. Es sagt schon so einiges über die eigene Person aus, wenn es erst eines Arschlochs wie Erdogan und der Fehltritte von Nationalspielern türkischer Herkunft bedarf, damit man sich etwas ernsthafter mit der Situation von drei Millionen Mitbürgern befasst.

In den nächsten Wochen will ich mich mal mit dem erwähnten deutschtürkischen Facebook-Freund treffen, ein erklärter Erdogan-Gegner. Wir kommen beide aus derselben Stadt. Ich kann mich nicht erinnern, ihm jemals begegnet zu sein. Aber er kann sich an mich erinnern, das sagt schon alles. Er erinnert sich beispielweise an einen von mir geleiteten Anti-NPD-Protest, bei dem viele Eier flogen und der lokal hohe Wellen schlug. Das war noch weit bevor Olli Kahn rief: „Eier, wir brauchen Eier!“

PS: Gestern Abend hatte wieder Mario Basler, Deutschlands Fußball-Proll Nr.1, seinen Auftritt. Erneut im Öffentlich-Rechtlichen, dieses Mal bei Lanz. Man fragt sich, warum Lanz Leute einlädt, die inhaltlich nichts, aber auch gar nichts zu bieten haben. (Basler: „Mich interessieren Argumente nicht.“) Die ausschließlich dumme Sprüche klopfen. Offensichtlich geht es nur noch um Quote, auch um den Preis eines totalen Niveauverlustes. Glücklicherweise war auch Philipp Köster („11 Freunde“) vor Ort. Danke, Philipp!

Von Dietrich Schulze-Marmeling erschien zuletzt „Celtic. Ein ‚irischer‘ Verein in Glasgow“ sowie „Trainer, wann spielen wir? Spielformen für den Fußball von heute und morgen“ (zusammen mit Peter Hyballa und Hans-Dieter te Poel).

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