Über „Deutsch-Türken“, die Nationalelf und völkische Träume

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Hamit Altintop und Nuri Sahin sprechen fließend Deutsch. Besser als mancher Bio-Deutscher. Bislang hat kaum jemand behauptet, sie seien nicht integriert. Aus westdeutscher Sicht sind sie sicherlich integrierter als einige Sachsen. Hamit Altintop entschied sich aber trotzdem für eine Nationalspielerkarriere mit der Türkei. Altintop: „Ich bin Deutschland sehr, sehr dankbar, ich habe hier sehr viel gelernt und sehr viele Chancen bekommen. Aber meine Mama kommt aus der Türkei, mein Vater kommt aus der Türkei, ich bin Türke.“ Altintop kritisierte Mesut Özils Entscheidung, für die deutsche Nationalmannschaft – und nicht für die türkische – zu spielen: „Ich bin ein toleranter Mensch und respektiere Mesuts Weg, aber unterstützen kann ich ihn nicht.“

Auch Nuri Sahin entschied sich für die türkische Elf. Als Thilo Sarrazin seine kruden Thesen veröffentlichte, konterte Sahin: „Ich finde das nicht in Ordnung. Wir Muslime passen uns an. Die dritte Generation ist sehr gut in Deutschland integriert, viel besser als die früheren Generationen. In unserer Generation wird es keine Probleme mehr geben.“ Michael Horeni, der Sahin für die „FAZ“ interviewte: „Er sagt das sehr ruhig, und er sagt das auch nicht zum ersten Mal. Es ist seine Generation, von der er spricht, und deren Integrationsleistungen er verteidigt. Und man merkt, dass ihm etwas daran liegt, ein Gegengewicht zu schaffen in einer Integrationsdebatte, die derzeit geprägt ist von den Schattenseiten, von Abgrenzung, Verweigerung, von Parallelgesellschaften.“

Nationalismus oder Pragmatismus?

Sahin kommentierte Özils Pro-Deutschland-Entscheidung anders als Altintop. „Ich bin mit Mesut, Serdar (Tasci) und Jerome (Boateng) befreundet, aber ich habe von der U15 an für die Türkei gespielt. Mesut, Serdar und Jerome haben in den U-Mannschaften für Deutschland gespielt.“ Es hätte „nicht gepasst“, wenn er sich dann für Deutschland entschieden hätte, und umgekehrt auch nicht. „Die Jungs haben es nicht bereut, und ich habe es auch nicht bereut. Und das Wichtigste ist, dass man sich wohlfühlt.“

Das klingt nicht nach Nationalismus, sondern nach Pragmatismus. Für welches Land sich Fußballprofis entscheiden, hat häufig nichts mit Nationalismus zu tun. Welcher Verband hat sich eher für mich interessiert? Bei welchem Verband habe ich die größeren Chancen? Mit welcher Mannschaft besteht die Möglichkeit, auf der WM- oder EM-Bühne zu spielen? Der „Deutsch-Russe“ Konstantin Rausch stand in einigen U-Mannschaften des DFB, u.a. in der U21, wurde dann aber russischer Nationalspieler. Rausch: „Wenn man mich damals zur A-Nationalmannschaft (des DFB, Anm.d.A.) berufen hätte, hätte ich mit Sicherheit Ja gesagt.“ Umgekehrt wurde Paulo Rink 1998 deutscher Nationalspieler, weil er für Brasiliens A-Elf zu schlecht war.

Als mein ältester Sohn 17 war, erhielt er zweimal eine Anfrage vom nordirischen Fußballverband für deren U19-Auswahl. Er sei ja in Nordirland geboren und wäre deshalb möglicherweise berechtigt, für die Auswahl der Irish Football Association (IFA) zu spielen. Seine Eltern sind Bio-Deutsche, beide aus Westfalen (Familie der Mutter allerdings ursprünglich aus Gelsenkirchen – aber ohne „owski“ am Ende des Namens).

Das Ganze hat sich dann allein schon aufgrund bürokratischer Hürden zerschlagen. Ohne diese hätte ich meinen Sohn ermutigt. Die Chance, Nordirlands Nummer eins zu werden, war nun mal erheblich größer, als ter Stegen oder Neuer aus dem deutschen Tor zu verdrängen. Ganz abgesehen davon, dass wir Irland – den Norden wie den Süden – mögen. Als Landesverrat hätte man dies nur empfunden, wenn er besser als Neuer und ter Stegen gewesen wäre… Wenn Fußballspieler hier pragmatisch entscheiden, ist dies ein Fortschritt. Es sei denn, man will die Nationalmannschaften in einer Welt, in der Migration und „Rassenvermischung“ nicht erst seit gestern Normalität sind, zu letzten völkischen Bastionen aufbauen.

Der Türke soll Türke bleiben

Einige Jahre nach dem „FAZ“-Interview postete Nuri Sahin: „Den Märtyrern Gottes Segen, den Verwundeten baldige Genesung, den Angehörigen sein Beileid und dass Allah ihnen Stärke gibt, das auszuhalten“. Die Message galt den gefallenen türkischen Soldaten in Afrin (Nordsyrien), die dort gegen kurdische Milizen kämpften. Der Post hörte sich weniger sympathisch an als seine Ausführungen in Sachen Sarrazin bzw. Integration. Die Aufregung darüber hielt sich in Grenzen. Schließlich war Sahin „nur“ türkischer Nationalspieler.

Dass sich Altintop und Sahin für eine Nationalmannschaftskarriere mit der Türkei entschieden, stieß kaum auf Widerspruch. Vielleicht weil sie sportlich verzichtbarer waren als Özil und Gündogan. Wahrscheinlicher ist aber, dass dies manchem Fan der deutschen Nationalmannschaft lieber war als eine Entscheidung pro Deutschland. So blieb der Türke eben Türke. Und die Welt einfach und überschaubar. Auf Facebook berichtete mir jemand von einer von ihm initiierten Diskussion über Gündogan/Özil. Ein bekannter AfD-Sympathisant meldete sich darin zu Wort: „Ich werde es nie begreifen, warum Türken überhaupt in der Nationalmannschaft spielen dürfen.“ Auf den Einwand hin, dass beide Deutsche sind, antworte der AfD-Freund: „Kennen Sie die Lebensgeschichte von Fibs ??? Fibs ist eine Ratte, die im Pferdestall geboren wurde. Fibs ist aber kein Pferd.“

Das ist eine Denke, die keineswegs auf die AfD und ihre Freunde beschränkt bleibt. Der Politikwissenschaftler und Soziologe Mahir Tokatli zitiert in seinem empfehlenswerten Aufsatz zur Gündogan/Özil-Geschichte – veröffentlicht auf der Seite regierungsforschung.de – einen Sozialdemokraten aus der hessischen Provinz, der nach dem Treffen der beiden Kicker mit dem Despoten Erdogan den zunächst 27-köpfigen DFB-Kader als „25 Deutsche und zwei Ziegenficker“ beschrieb. Für Tokatli belegt „dieser unverhohlen rassistische Kommentar die ausgelöste Empörungs- und gleichzeitig sinkende Hemmschwelle. Özil und Gündoğan waren plötzlich keine Deutschen mehr, sondern ‚Ziegenficker‘. Mehr als das Treffen gefährden solche Aussagen von Mandatsträgern demokratischer Parteien die Integration.“

Was tatsächlich hinter der Gündogan/Özil-Geschichte steckt, wissen wir nicht wirklich. Allerdings ist bekannt, dass Profi-Fußballer vom Erdogan-Umfeld unter Druck gesetzt, ja bedroht werden. Gündogans Verbeugung vor Erdogan könnte auch damit zu tun haben, dass er noch 2014 auf einer Veranstaltung der deutsch-türkischen Kulturolympiade auftrat, deren Ausrichter aus dem Dunstkreis der Gülen-Bewegung kamen. So berichtete es jedenfalls der „Tagesspiegel“. Wie gesagt: Könnte…

Wahrscheinlicher ist für mich, dass es viel einfacher war, und Gündogan und Özil Opfer einer Situation wurden, die Gündogans Bruder Ilker, Doktorand an der Fakultät für Ostasienwissenschaften der Ruhr-Universität in Bochum, in einem sehr interessanten und intelligenten Essay („Ambassadors Against Their Will? Footballers In Contact With Politicians“ / „Botschafter wider Willen? Fußballer im Kontakt mit Politikern“) wie folgt schildert: „Den Spielern waren die Konsequenzen dieses Treffens in der Tat nicht bewusst, da sie sich nicht sonderlich für Politik interessieren. Wieso treffen sie sich dann mit Erdogan? Tatsächlich waren die Organisatoren und Initiatoren dieses Treffens nicht Ilkay Gündogan oder Mesut Özil, sondern ein Beraterteam, dem die Konsequenzen dieses Treffens hätten bewusst sein müssen. Falls nicht, sind es schlichtweg keine guten Berater. Vorrauseilender unreflektierter Gehorsam ist immer schädlich. Zu häufig kommt es vor, dass die ideellen und finanziellen Interessen der Berater denen der Spieler übergeordnet werden, aber solange den Fußballern vorgegaukelt wird, dass sie sich nur auf den Fußball konzentrieren sollen, werden wir derart unglückliche Erscheinungen wahrscheinlich noch öfter sehen.“

„Poldi“ auf Abwegen

In diesem Zusammenhang sind auch die weitgehend in Vergessenheit geratenen Pro-Erdogan-Aktivitäten von Lukas Podolski interessant, der bekanntlich kein Deutsch-Türke ist, aber von 2015 bis 2017 für Galatasaray Istanbul spielte. Ende Juli 2017 berichtete FAZ.net über ein ungewöhnliches Foto, das Podolski im September 2015 von sich hochlud: „Es zeigt ihn mit ernstem Blick vor zwei türkischen Fahnen – salutierend, in quasisoldatischer Haltung. Vier Tage zuvor waren in der südostanatolischen Provinz Hakkari 16 türkische Soldaten durch eine Sprengfalle getötet worden. Die Türkei trauerte.“ Unter dem Bild stand auf Türkisch: „Mein Herz ist mit euch, erhabene Soldaten, die für die Fahne gefallen sind! Mein Beileid der türkischen Nation.“

Zu dieser Zeit wurden überall in der Türkei Büros der Kurdenpartei HDP von nationalistischen Mobs überfallen und verwüstet, die Fenster kurdischer Geschäfte eingeschlagen und kurdische Politiker mit dem Tode bedroht. Ganze kurdische Siedlungen wurden zerstört. Auf podolski.com war aber die Armee das alleinige Opfer. FAZ.net: „Als die Hetzmeuten des Internets über seinen Tweet herfielen, teilte der Fußballer schließlich via ‚Bild‘-Zeitung mit: ‚Sorry, das sollte keine politische Aktion sein, sondern eine Ehr- und Beileidsbekundung für gefallene türkische Soldaten. Der erste Text wurde mir vom Verein vorgegeben. Jetzt habe ich ihn geändert.‘“ Nun hieß es auf podolski.com: „Allen Soldaten, die ihr Leben verloren haben, mein Herz ist mit euch. Beileid der Türkei.“ Als Podolski 2016 gefragt wurde, ob er die Debatte um Erdogan verfolge, antwortete er: „Nicht wirklich. Ich sehe die Berichte, die bei uns in der Kabine im Fernseher rauf- und runterlaufen, verstehe aber kein Wort. Diskussionen über die Politiker gibt es in jedem Land, auch in Deutschland. So ist das überall.“ Die Eskalation der Repression in der Türkei war für Podolski kein Thema. Stattdessen machte er fröhlich Werbung für Erdogans Land.

Die Geschichte mit dem Tweet ereignete sich vor der EM 2016. Trotzdem hatte niemand Probleme damit, dass der „Poldi“ mit nach Frankreich fuhr.

„Politische Schizophrenie“

Nun ist es mitnichten so, dass dem deutschen Staat und dem deutschen Bürger die Demokratie in der Türkei schon immer am Herzen lag. Als im September 1980 das türkische Militär putschte, genoss das Unternehmen die Unterstützung der deutschen Regierung. Der damalige Bundesfinanzminister Hans Matthöfer (SPD), der zuvor einen Milliardenkredit für die Türkei koordiniert hatte, erklärte nach Bekanntwerden des Putsches der „FAZ“, „er hoffe auf einen heilsamen Schock, aus dem ein Arrangement hervorgehe, an dem sowohl die demokratischen Kräfte als auch die Armee beteiligt seien.“ Das klang stark nach DFB-Boss Hermann Neuberger, der im Vorfeld der WM 1978 den Militärputsch im Austragungsland Argentinien so kommentierte: Durch Diktaturen würden die Menschen „ab und zu mal wieder wachgerüttelt in Richtung gesundem Demokratieverständnis, wenn sie vorher vom Weg abgekommen sind.“ (Einige Tage nach dem Putsch des türkischen Militärs flanierten ein Freund und ich an einem SPD-Stand in Frankfurts Bergerstraße vorbei. Matthöfer war auch da. Mein Freund rief ihm zu: „Na, Hans, schön geputscht?“ Matthöfer war außer sich und wollte sich mit uns boxen, aber sein Security-Personal hielt ihn zurück.)

Die sozialliberale Bundesregierung und die türkische Junta unterzeichneten einen Vertrag über Polizeihilfe, darunter Waffen, Munition und Fahrzeuge, im Wert von 15 Millionen DM. Damals wurden in der Türkei 650.000 Personen festgenommen. Viele inhaftierte Oppositionelle mussten Folter erleiden. 460 Personen wurden allein im ersten Jahr der Diktatur bei militärischen Operationen exekutiert. Besonders in den kurdischen Gebieten herrschte ein Willkürregime mit Massenverhaftungen, Dorfrazzien und Todesschwadronen.

Niemand wird Nuri Sahin unterstellen, er befürworte die Installierung eines autokratischen Regimes in Deutschland, nach türkischem Vorbild. Dies gilt auch für Gündogan, der ein ziemlich deutliches Bekenntnis zur bundesdeutschen Demokratie abgeliefert hat. Und diese wohl deutlich mehr zu schätzen weiß als jeder AfD-Abgeordnete und mancher CSUler. Nach dem Pfeifkonzert von Leverkusen twitterte Gündogan: „Letztes Spiel vor der Weltmeisterschaft und immer noch dankbar, für dieses Land zu spielen.“ Was sein Verhältnis zu Erdogan angeht, bleibt Gündogan in der Tat vage. Ob aus Überzeugung oder aus Furcht vor dem nächsten Shitstorm und Bedrohungen – man weiß es nicht. Auch Hans Matthöfer wollte hier keine Militärdiktatur errichten.

Ich will hier weder Sahin, Gündogan, geschweige denn Matthöfer entlasten, und auch nicht Angela Merkel, die den Despoten mit Waffen versorgt – denn der Kampf um Menschenrechte ist für mich eine universelle Angelegenheit. Aber „politische Schizophrenie“ – ein Begriff, der natürlich viel zu kurz greift und die Dinge arg verharmlost – ist kein Privileg von „Deutsch-Türken“. Politiker der „Linken“ sehen gerne über Putins autokratischen Regierungsstil hinweg. Trotzdem glaube ich nicht, dass sie hierzulande die Pressefreiheit abschaffen und die Homophobie fördern wollen. (In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an einen öffentlichen „Landesverrat“ deutscher Rassisten: Bei den ersten Pegida-Demos wurden russische Fähnchen geschwenkt und Putin, ein fremdes Staatsoberhaupt, um Hilfe gebeten…)

Ressentiments als Erziehungsziel

Der Nationalismus vieler „Deutsch-Türken“, der keinen Unterschied zwischen einem Demokraten und einem Diktator macht, ist mir fremd. Der bereits erwähnte Mahir Tokatli schreibt hierzu in seinem Beitrag zur Gündogan/Özil-Diskussion: „Statt abermals die Integration Türkeistämmiger für gescheitert zu erklären, wäre es dringend notwendig die wirklichen Problemzonen, wie beispielsweise den ungesunden Nationalismus innerhalb der Community, zu erörtern. Dieser entsteht nicht durch Fotos mit autokratischen Staatsoberhäuptern, sondern durch Strukturen, die viel zu lange toleriert wurden. Um ein virulentes Beispiel historisch zu skizzieren: Aufgrund der Arbeitsmigration aus der Türkei gehört die Bundesrepublik spätestens seit den siebziger Jahren zum Einflussgebiet der rechtsradikalen Idealisten-Bewegung, den Grauen Wölfen. Dementsprechend früh bauten die Nationalisten ihre Strukturen auf, die primär dazu dienen sollten, die in Deutschland lebenden Türken nicht an die deutsche Kultur zu ‚verlieren‘. Stattdessen war es ihr Ziel, die Verbindung zum Heimatland, die kulturelle und religiöse Identität zu festigen.“

Tokatli weist darauf hin, dass heute noch Jugendliche in sogenannten „Idealisten-Vereinen“ indoktriniert würden. Es gehe dabei um eine völkisch geprägte Glorifizierung der türkischen Nation und die rassistische Herabsetzung anderer Kulturen oder Gruppen. Tokatli: „Antisemitische und antiwestliche Ressentiments gehören zum Erziehungskanon und werden dergestalt bedient, dass ausländische Kräfte die Erfolge der Türkei neiden und deswegen ihrem Aufstieg entgegenstehen würden. Wenn solche Strukturen geduldet und gegenwärtig sogar durch nahezu jede deutsche Partei toleriert und als Dialogpartner betrachtet werden, dann haben wir zwangsläufig ein Integrationsproblem und nicht erst, wenn Fußballer mit Autokraten posieren.“

Tokatlis Hinweis auf die Grauen Wölfe weckt bei mir Erinnerungen an die späten 1970er / frühen 1980er: Massenkundgebungen der Nationalisten und Rechtextremisten in der Dortmunder Westfalenhalle, bei denen „bio-deutsche“ Polizisten und Graue Wölfe gemeinsam Gegendemonstranten verprügelten. (In Nordrhein-Westfalen, vermutlich aber nicht nur in diesem Bundesland, sind einige Graue Wölfe fast schon traditionell Mitglied in der CDU. In Duisburg, so wurde mir berichtet, mischen sie auch in der SPD mit. ) Allerdings sind die „Bio-Deutschen“ nicht ganz unschuldig an der Zählebigkeit des türkischen Nationalismus. Zumindest ein bisschen ist das Problem ein hausgemachtes und eine Rückversicherung in einem Land, das Türken lange Zeit nicht einmal den Status von „Deutsch-Türken“ zusprechen wollte. Und in dem der „Deutsch-Türke“ bereits in den Verdacht fehlender Loyalität gerät, wenn er die Nationalhymne nicht mitsingt (was von der WM-Elf 1974 niemand gemacht hat). Würde er die Hymne mitsingen, würde es vermutlich heißen: „Nur wegen des Singens ist der noch lange kein Deutscher…“

Demokratischer Protest oder Rassismus?

Wenn in Zukunft nur noch lupenreine Demokraten für Deutschland auflaufen dürfen, wäre das natürlich toll. Ich bezweifle aber, dass es in der Gündogan/Özil-Debatte darum geht. Ansonsten müsste man die gesamte Nationalelf einem Gesinnungstest unterziehen. Man darf gespannt sein, wie sich der deutsche Fan-Block verhält, wenn der erste Nationalspieler eine Nähe zu rechtspopulistischen Positionen erkennen lässt. So wie der Schweizer Nationalspieler Stephan Lichtsteiner, der behauptet, Spieler mit Migrationshintergrund könnten keine Identifikationsfiguren sein, der zwischen „richtigen“ und „anderen“ Schweizern unterscheidet und sich selbst als Eidgenossen bezeichnet – in Abgrenzung zu den „ics“ in der „Nati“.

Bis dahin bleibt aber das ungute Gefühl, dass das hauptsächliche „Verbrechen“ von Özil und Gündogan darin besteht, dass sie sich seinerzeit für die deutsche Nationalelf entschieden. Und ihr Treffen mit Erdogan nur den willkommenen Anlass bietet, um ein immer schon existierendes rassistisches Unbehagen über diese „Deutsch-Türken“ im Nationaltrikot zu äußern. Für diese These spricht auch, dass der dritte Spieler auf dem Foto, Cenk Tosun, in der Debatte keine Rolle spielt. Tosun, der beim FC Everton unter Vertrag steht, wurde im hessischen Wetzlar geboren. Der Stürmer durchlief sämtliche Nachwuchsteams des DFB, von der U16 bis zur U21, entschied sich aber anschließend für die türkische A-Elf. Was ihn nun vom Vorwurf des Hochverrats bewahrt. Unser AfD-Freund dürfte das so sehen: Die im Pferdestall von Wetzlar geborene Ratte hatte akzeptiert, dass sie kein Pferd war. Wenngleich reichlich spät.

Sogar der „Kicker“ registrierte, dass die „deftigen Missfallenskundgebungen“ gegen Gündogan beim Spiel gegen die Saudis in Leverkusen „in Teilen ausländerfeindlich“ unterlegt waren. DFB-Manager Oliver Bierhoff glaubt, „es sind vor allem die Interpretationen, die das Thema so emotional werden lassen – und diese Interpretationen deuten vielleicht wirklich auf ein verändertes Klima in der Gesellschaft hin. Was Mesut und Ilkay gemacht haben, ist das eine. Das andere ist, wie die Symbolik aufgegriffen wird – auch von Parteien und in Teilen der Medien, die sich mit den Themen beschäftigen, die in der Gesellschaft brodeln.“

Deutsche Rassisten spielen mit dem türkischen Despoten und Nationalisten Erdogan Doppelpass. Die Pfiffe gegen Gündogan und Özil werden dazu führen, dass sich in Zukunft jeder „Deutsch-Türke“ noch genauer überlegt, ob er für die Auswahlteams des DFB auflaufen soll. Warum soll man ein Publikum bespaßen, das einen nicht mag? Die Völkischen von der AfD und Erdogan werden das geil finden. Klare Fronten, Schluss mit Integration und Mischkultur! Die Schweiz hat bereits diese Debatte, nachzulesen im WM-Heft des österreichischen Magazins „Ballesterer“. Obwohl es das Land maßgeblich seinen Migranten zu verdanken hat, dass es seit 2006 ein WM-Abonnement besitzt. Die Immigrantenkinder, „Secondos“ genannt, professionalisierten die im eidgenössischen Fußball existierende Mentalität, denn diese Kicker kamen mit Ex-Jugoslawien, Italien, Spanien, Türkei etc. aus Ländern, in denen der Fußball einen höheren Stellenwert besaß als in der Schweiz. Die Immigrantenkinder zeigten sich sehr leistungsorientiert und verfolgten konsequent das Berufsziel Profifußball. Zwei Drittel des WM-Kaders 2018 sind „Secondos“; aber Zielscheibe von Vorurteilen und Hass sind vorerst nur Spieler mit Wurzeln auf dem Balkan. Eine Parallele zu Deutschland, wo es im Augenblick auch „nur“ um die „Deutsch-Türken“ geht, nicht um Boateng und andere.

Fußball in einer komplizierten Welt

Ende der 1980er verkündete der damalige DFB-Boss Hermann Neuberger: „Es ist eine Identitätsfrage des Fußballsports, dass er überwiegend von Angehörigen der eigenen Nation ausgeübt und präsentiert wird. Das gilt mit Selbstverständnis für die Nationalmannschaft.“ Heute gilt dies „mit Selbstverständnis“ nur noch für Menschen, die nicht akzeptieren können, dass viele Menschen nicht nur einer „nationalen Identität“ frönen. Oder ihre „nationale Identität“ von ihrer Staatsangehörigkeit trennen. Oder gleich zwei Staatsangehörigkeiten besitzen. Oder gleich zwei Länder „in ihrem Herzen tragen“. Wie Lukas Podolski. Als „Poldi“ bei der EM 2008 gegen die Polen zwei Tore erzielte, wollte er doch tatsächlich nicht jubeln! Die Nationalhymne sang der Halunke auch nicht mit! Und wie Ilkay Gündogan, für den die Entscheidung, für Deutschland zu spielen, ein logischer Schritt war. Der aber Wert darauf legt, dass das nicht heißt, „dass ich meine türkische Wurzeln leugne. Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich mit der Türkei nicht verbunden fühle. Ich bin heute noch sehr, sehr gerne da, und ich weiß, dass ich genauso türkisch fühle, wie ich deutsch bin. Auch darauf bin ich stolz.“

Noch einmal der andere Gündogan, Ilker: „Fakt ist, dass Menschen viele Identitäten und Loyalitäten zu verschiedenen Gruppen haben. Der indische Nobelpreisträger Amartya Sen schrieb in seinem Buch ‚Die Identitätsfalle – Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt‘, dass wir Menschen uns als Mitglied einer Vielzahl von Gruppen verstehen, denen wir allen angehören (z. B. Staatsangehörigkeit, Wohnort, geographische Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Klassenzugehörigkeit, politische Ansichten, Beruf, Arbeit, Essgewohnheiten, sportliche Interessen, Musikgeschmack, soziale Engagements, usw.). Jedes dieser Kollektive verleiht einer Person eine bestimmte Identität. Es ist daher falsch, eine Person auf eine singuläre Zugehörigkeit zu reduzieren. Die Aussage von Frank-Walter Steinmeier, dem Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland: ‚Heimat gibt es auch im Plural‘ ist daher zutreffend.

Darüber hinaus sind Identitäten und Identifikationsmuster nicht statisch, sondern kontextbezogen und situativ sehr flexibel und wandlungsfähig. Es kann daher durchaus sein, dass die beiden deutschen Nationalspieler sich bei dem Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten eher mit der Türkei verbunden fühlten. Dies ist möglicherweise auch in der äußerlichen Erscheinung von Gündogan erkennbar (‚türkischer Schnauzer‘). Dieses Phänomen wird von der deutschen Ethnologin Nina Szogs auch ‚Self-Turkified‘ genannt. Es ist wiederum durchaus wahrscheinlich, dass die Spieler sich im Trikot der deutschen Nationalmannschaft (oder auch im täglichen Leben) mehr mit Deutschland verbunden fühlen. Das eine schließt das andere nicht aus.“ (Den vollständigen Beitrag von Ilker Gündogan siehe: http://china-football-8.com/botschafter-wider-willen-fussballer-im-kontakt-mit-politikern/)

Auch die Belgier liefern ein Beispiel für die Auflösung scheinbar eindeutiger Identitäten. Dort wurde die traditionelle Lagerbildung zwischen Flamen und Wallonen, die in der Vergangenheit das Teambuilding erschwerte, durch eine dritte Gruppe unterminiert und verwässert: die Gruppe der Spieler mit Migrationshintergrund, die die größte im Kader ist. Das Nationalteam entwickelte eine multikulturelle Identität jenseits der alten Identitäten von Flamen und Wallonen.

Die Welt ist komplizierter geworden, aber deshalb nicht schlechter. Helmut Kohl hatte noch eine echt-deutsche Hannelore geheiratet. Sohn Peter heiratete eine Türkin. Vater Helmut unterzeichnete bei dieser Gelegenheit einen Spendenaufruf für türkische Soldaten, was als Geste der Versöhnung interpretiert wurde. Der andere Kohl-Sohn, Walter, ging mit einer Koreanerin den Bund fürs Leben ein. Ob aus diesen Eheschließungen fußballerisch begabte Söhne hervorgingen, ist mir nicht bekannt. Wenn ja, wäre es interessant zu erfahren, für welches Land sie sich entscheiden. Ich behaupte mal: Wenn sie an Weltklasse heranreichen, also an Özil und Gündogan, dann für Deutschland. Wenn sie „nur“ gut sind, so wie Rausch, dürfen sich die Türkei und Südkorea freuen.

 

PS (1): Man hatte es ja geahnt. Natürlich musste sich auch Fußball-Populist Mario Basler zur Causa Gündogan/Özil zu Wort melden. Beim Fußball-Stammtisch „Doppelpass“, wo sich Altstars in Erinnerung rufen und ihre „Ich war ein ganz toller Hecht“- und „Früher war alles besser“-Attitüden austoben dürfen.

Basler: „Özil ist überbewertet. Da kann er noch hundert Länderspiele machen. Für mich ist er ein Mitläufer. Er hat sicher außergewöhnliche Fähigkeiten. Aber in großen Spielen, bringt er sie nicht auf den Platz.“ Hier lohnt sich nicht nur ein Blick auf Baslers eigene Nationalspielerkarriere, sondern auch auf Özils Leistungsdaten. (Womit ich nicht die Noten der Presse meine, sondern harte Fakten: gespielte Pässe, angekommene Pässe, gelaufene Kilometer etc.) Özil gehört zu den Spielern, die aufgrund ihrer Körpersprache, Mimik etc. beim Laien als „lethargisch“ gelten. Toni Kroos gehörte bis zur WM 2014 auch dazu. Aber als die ganze Welt vom Toni schwärmte, änderte auch der deutsche Fußball-Michel seine Sichtweise. Özils Beitrag zum WM-Titel 2014 wurde vielfach verkannt. Er musste eine Rolle spielen, die nicht seinen eigentlichen Qualitäten entsprach. Schaut man sich die Leistungsdaten an (anstatt nur dem optischen Eindruck zu vertrauen), tat er dies ziemlich ordentlich. Dass Özils Leistungen traditionell besonders kritisch bewertet werden, hat wohl auch mit seiner Herkunft zu tun. Um Anerkennung zu erlangen, muss so ein „Deutsch-Türke“ schon gehörig mehr leisten als ein „Bio-Deutscher“. Auch hier wieder frei nach unserem AfD-Freund: Ratte bleibt Ratte, auch wenn man im Pferdestall geboren wurde.

Die folgende Charakterisierung von Baslers Auftritt, die leider nicht aus meiner Feder stammt, finde ich äußerst treffend: „Mario Basler ist einfach nicht auszuhalten und zieht eine mögliche Seriosität (und die war ansonsten durchaus mal gegeben, sogar Jochen Stutzky und Karl-Heinz Wild, die sich sonst beide gerne mal oberflächlich und populistisch geben, fand ich richtig gut und reflektiert!) jeder Sendung in den Dreck. Jede Äußerung muss ‚Kultpotenzial‘ haben. Kommt einer mit Argumenten, wird er einfach abgewatscht – mit einem völlig unqualifizierten, an der Sache vorbeigehenden Spruch. Wer den einlädt, hat kein Interesse an einer guten Diskussion. (…) Ich glaube, bei Basler ist es recht einfach. Er hat es als Trainer versucht, als Manager versucht … alles nicht geklappt. Er merkt also, dass er im modernen Fußball nicht zurechtkommt. Das führt einerseits zur Verbitterung. Andererseits merkt er auch, dass er bei bestimmten Zielgruppen für seine Stammtisch-Sprüche abgefeiert wird. Frei nach dem Motto: ‚Der Basler, der ist noch ’ne richtige Type.‘ Auf diese Weise findet er doch noch seinen Platz im Geschäft. Als vermeintlich kultige Figur aus der Vergangenheit, wo der Fußball noch ehrlich war und Spieler noch Typen sein konnten. Nur ist er das eben nicht. Er ist einfach nur tierisch nervig, zum Fremdschämen. Und auf Grund der Vorhersehbarkeit seiner Aussagen auch total langweilig.“

 

PS (2): Und noch Auszüge einer Mail, die mir dieselbe Person, im Übrigen ein „Bio-Deutscher“ schrieb, die Özils und Gündogans Posieren mit Erdogan kritisiert, aber auch ein bisschen mehr über die Denke von „deutsch-türkischen“ Kickern weiß (den Namen des Kickers, um den es geht, habe ich anonymisiert). Wobei die Einschätzung vermutlich deutlich mehr auf Özil als auf Gündogan zutrifft: „Ich glaube, ein großes Problem dieser Debatte ist, dass viele vergessen, woher die Familien der Özils und Gündogans und vermutlich auch die beiden selbst, ihre Informationen über die Situation in der Türkei beziehen – nämlich aus türkischen Medien und nicht aus den deutschen. Ich habe das ja in der Diskussion mit XY erlebt, der mir immer wieder sagte, dass man den deutschen Medien nicht alles glauben dürfe, da die türkischen ein ganz anderes Bild zeichnen würden und was die deutschen Medien auch alles verschweigen, bzw. nicht thematisieren würden. Da kann man es sich leicht machen und das kritisieren, aber man könnte halt auch mal drüber nachdenken, was man selber in einer vergleichbaren Situation tun würde. Ich stelle mir vor, ich würde im Ausland leben, und dort würde man mir erzählen, dass in den deutschen Medien alles falsch dargestellt würde und es in Deutschland doch eigentlich ganz anders sei. Ich würde vermutlich nicht alles infrage stellen, sondern an meinem über 20 Jahre geprägten Bild festhalten (ja, hinkt ein wenig der Vergleich, aber trotzdem). Özil und Gündogan sind dann letztendlich in genau diesem Spannungsfeld aufgewachsen mit türkischen Medien und einem dementsprechend über Jahre geprägtem Bild von ‚ihrem Präsidenten’. Und jetzt stehen da die ‚Deutschen’ und sagen ihnen, dass in ihrer Heimat alles scheiße ist, und die Nachrichten, mit denen sie seit ihrer Kindheit aufwachsen, manipulierend und verschweigend sind. Ich konnte da – ehrlich gesagt – XY auch ein wenig verstehen, der sein Leben lang türkische Medien konsumiert und sich mit der Thematik beschäftigt und sich dann auch einfach wie ein Kind behandelt fühlt, wenn jetzt auf einmal, wo das Thema Erdogan interessant wird, ihm die ‚Deutschen’ (die sich sonst kein bisschen mit der Türkei beschäftigen/beschäftigt haben) sagen, wie bescheuert die in der Türkei doch eigentlich sind. Von der ganzen Doppelmoral (Poldi, Olli Kahn!!!!!, der sein Engagement in Saudi-Arabien damit rechtfertigt, dass man doch auf solche Länder zugehen müsse – das hätten mal Gündogan oder Özil sagen sollen, was wäre da wohl losgewesen…) mal ganz abgesehen.“

Von Dietrich Schulze-Marmeling erschien gerade das neue Buch „Celtic. Ein ‚irischer‘ Verein in Glasgow“, Ende Juni bringt er zusammen mit Peter Hyballa und Hans-Dieter te Poel „Trainer, wann spielen wir? Spielformen für den Fußball von heute und morgen“ heraus.

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