„Die Arbeit auf dem Platz muss wieder im Vordergrund stehen“

Dietrich Schulze-Marmeling

Dietrich Schulze-Marmeling im Gespräch mit Lars Mrosko, ehemals u.a. Scout beim FC Bayern und VfL Wolfsburg – Das Wochenende, an dem Deutschland die Schweden in letzter Sekunde schlug, verbrachte ich in Berlin. Eigentlich stand ein Besuch der Waldbühne auf dem Programm, wo Simon Rattle sein Abschiedskonzert gab. Aber ein Infekt, den ich mir in Russland zugezogen hatte, haute mich nieder. So verbrachte ich die meiste Zeit im Bett unseres Hotels in Kreuzberg, von wo aus ich ein Geräusch vernahm, das ich kaum noch kannte: das Geräusch von auf der Straße kickenden Kindern.

In einer einigermaßen fitten Stunde schwang ich mich aufs Fahrrad und fuhr zum etwa zwei Kilometer entfernt gelegenen Platz von Türkiyemspor Berlin. Nach dieser elenden Debatte um die Deutschtürken im deutschen Nationaltrikot war mir irgendwie danach. Bei Türkiyemspor fand gerade ein Kinderturnier statt, und zwar auf einem Kunstrasenplatz, bei dem die besorgten Väter und Mütter münsterländischer Mittelstandskids ihre Kleinen in Watte eingepackt und einen Fahrradhelm mitgegeben hätten. Betonhart, schon der pure Anblick verursachte Schmerzen in den Gelenken. Umso netter und herzlicher war die Atmosphäre bei diesem Turnier, entsprechend den Botschaften, die auf einer Tafel im Vereinsheim mitgeteilt wurden: „Unser Verein steht für FAIRPLAY, TOLERANZ und GLEICHBERECHTIGUNG im Fußball. Wir alle, Trainer/innen, Betreuer/innen, Spieler/innen, Mitglieder und Eltern, sind VORBILDER, Vertrauenspersonen und Botschafter unseres Vereins. (…) Bei uns zählt neben dem Spielergebnis besonders RESPEKT und der Umgang MITEINANDER! (…) ENGAGEMENT auf dem Spielfeld – Zurückhaltung am Spielfeldrand. Es geht zur Sache, aber fair! (…) Wir freuen uns über tatkräftige und positiv engagierte ELTERN! Wir haben VERTRAUEN in unsere Kinder, schützen sie und hören ihnen zu!“

Bei Türkiyemspor werden Werte gelebt: Plakat gegen sexuelle Gewalt.

Türkyemspor, 1978 gegründet, ist der wohl bekannteste Migrantenverein Deutschlands. Was aber nicht heißt, dass hier nur Menschen mit Migrationshintergrund kicken und Funktionen ausüben. Der Klub wurde mehrfach für seine Jugendarbeit ausgezeichnet und beteiligt sich regelmäßig an sozialen Projekten. Der Verein selbst formuliert seine Philosophie folgendermaßen:

„Berlin ohne Türkiyemspor wäre wie Fußball ohne Tore. Türkiyemspor Berlin e.V. ist ein Kreuzberger Fußballverein im Herzen von Berlin. 1978 gegründet, ist der Verein heute Vorbild für gelernte Vielfalt und ein buntes Miteinander. (…) Türkiyemspor Berlin e.V. steht für eine moderne Gesellschaft, in der Vielfalt als Bereicherung erfahren wird. Für 300 Kinder und Jugendliche wird eine qualifizierte sportliche Förderung geboten. Dabei geht es vor allem um den gemeinsamen Spaß an der Sache. Seit 2004 gibt es Mädchenteams, mittlerweile in allen Altersklassen, seit 2009 auch ein eigenes Frauenteam. Auf dem Trainingsplatz gilt: Wenn Ayse und Maria miteinander kicken, laufen sich Ahmet und Bernd schon warm. Trainer und Pädagogen setzen sich für Gewaltfreiheit und interkulturelle Kommunikation ein – wie im Sport, so auch im richtigen Leben. Erklärtes Ziel von ‚Türkiyem‘ ist die Vernetzung und Öffnung über den Fußball hinaus. Die Kombination aus Jugendförderung und gelebter Vielfalt macht Türkiyemspor zu einem positiven Beispiel geklebter Integration.“

In der Saison 2017/18 wurde die 1. Mannschaft von Lars Mrosko trainiert und stieg von der Landesliga in die Berlin-Liga auf. Lesern des Blogs ist Lars möglicherweise bekannt durch das Buch „Mroskos Talente“, geschrieben von Ronald Reng und 2016 von der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur zum „Fußballbuch des Jahres“ gekürt. Lars Mrosko hat als Scout für Tennis Borussia Berlin, Bayern München, FC St. Pauli und VfL Wolfsburg gearbeitet. DFB-Ausbilder Peter Hyballa, der Mrosko aus seiner Zeit als U19-Trainer beim VfL Wolfsburg kennt, charakterisiert ihn als „ehrlich, kompetent, geradlinig, arbeitswütig“. Er sei ein „Liebhaber des Spiels, getrieben, sensationell empathisch“ und habe „einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“. Dem muss ich nichts hinzufügen.

Im Folgenden ein Gespräch mit Lars über Türkiyemspor, Kicken ohne Wohlstand und in beengten Verhältnissen, Fußballausbildung und die Frage: Was ist Talent, und wie entdecke ich es?

Lars, womit beschäftigst du dich aktuell?

Ich bin Sportkoordinator bei der AOK Nordost und für das Bundesland Brandenburg verantwortlich. In diesem Zusammenhang habe ich auch die Landesauswahl Brandenburg für Menschen mit geistiger Behinderung trainiert. Wir sind im Juni bei der deutschen Meisterschaft Vierter geworden. Ein wahnsinnig tolles Erlebnis. Zudem gebe ich Seminare im Bereich Scouting an Universitäten und bei Vereinen und berate in diesem Bereich. Zuletzt habe ich ein Seminar bei Legia Warschau gegeben, mit 30 angehenden Scouts aus ganz Polen. Mir macht es Spaß, ich komme viel rum, kann meine Erfahrungen weitergeben und die eine oder andere Anekdote erzählen. In der Saison 2017/18 war ich zudem Trainer bei Türkiyemspor Berlin, und wir haben den Aufstieg in die Berlin-Liga geschafft. Zur kommenden Saison werde ich etwas kürzer treten und nicht mehr als Trainer aktiv sein. Ich werde Vater und möchte mein Privatleben ein wenig umstrukturieren.

Erzähle mir etwas über Türkiyemspor, über die Jugendarbeit des Klubs, wer dort so spielt und wie sich die Arbeit mit einem „Multikulti-Team“ gestaltet.

Unter Trainer Lars Mrosko stieg Türkiyemspor 2017/18 aus der Landesliga in die Berlin-Liga auf.

Türkiyemspor ist der bekannteste Migrantenverein Deutschlands und ist in Berlin- Kreuzberg beheimatet. In diesem Jahr feiern wir das 40-jährige Vereinsjubiläum. Wir hatten bereits ein Jubiläumsspiel gegen Union Berlin und haben es geschafft, im Jubiläumsjahr aufzusteigen. Wir sind ein Berliner Verein mit türkischen Wurzeln, weltoffen und ohne politische oder religiöse Einflüsse im Vereinsleben. Bei uns steht allein der Fußball im Vordergrund. Jeder ist bei uns willkommen. Wir haben von der F- bis zur A- Jugend eine Vielzahl an Jugendteams, in denen Spieler aller Nationalitäten und Glaubensrichtungen gemeinsam dem Ball hinterherjagen. Besonders stolz sind wir auf die Mädchen- und Frauenabteilung, die in Berlins höchster Liga auf Platz drei landete: eine Abteilung, die in Berlin ihresgleichen sucht.

Das Arbeiten mit den verschiedenen Nationalitäten ist spannend, intensiv und macht unheimlich viel Freude. Zu Beginn der Saison haben wir uns in der 1. Mannschaft mit Händen und Füßen unterhalten und übersetzen lassen. Am Saisonende sprachen alle so gut deutsch, dass wir problemlos kommunizieren konnten und aufgestiegen sind. Das sagt alles.

Wir müssen nicht damit werben und Slogans entwickeln, um international zu sein, wir sind es! Es ist ein Verein, der einen in den Bann zieht, anders als bei allen Stationen vorher. Eine Familie.

In Berlin ist die Sportplatzsituation komplett anders als im Münsterland, einer relativ wohlhabenden Gegend mit viel Raum, wo jeder Klub über zwei Rasenplätze und einen Kunstrasen verfügt – letzterer von wesentlich besserer Qualität als bei Türkiyemspor. Wie geht ihr mit dieser Situation um? Und was für Fußballer bringt diese Situation hervor?

Eingang zum Platz in Kreuzberg.

Die Sportplatzsituation in Berlin ist beschissen und katastrophal. Sportanlagen fehlen, verkommen, und die unterbesetzten Sportämter schaffen es nicht, ihren Pflichten nachzukommen. Es ist traurig und eine Schande. Seitens des Fußballverbandes fehlt den Vereinen oftmals die Unterstützung. Es ist aber auch fraglich, ob der Verband überhaupt die Macht hat, Dinge zu optimieren. Wie überall tragen dann persönliche Animositäten zwischen Vereinen, dem Verband und den Sportämtern nicht zur Besserung der Situation bei, der Sport leidet in Berlin darunter. Wir bei Türkiyemspor haben Glück, dass wir mit Helmut und Maik auf unserer Heimspielanlage im Katzbachstadion noch zwei überragende Platzwarte haben, wahrscheinlich die besten Berlins.

Unser Trainingsplatz hingegen ist ein Desaster, ein Kunstrasen aus den 1990er Jahren, mit Beton unterfüttert. Zeitgleich trainieren hier vier Jugendmannschaften auf einem Viertelplatz. Meine Mannschaft hat generell einen halben Platz zum Training, aber das reicht. Wir hatten in der letzten Saison allein fünf Langzeitverletzte, die sich ohne Gegnereinwirkung aufgrund der miserablen Platzbeschaffenheit verletzten. Wir sind in Kreuzberg der höchstklassige Verein mit der längsten Tradition, aber die neuesten Plätze werden bei uns um die Ecke gebaut und saniert. Wieder so ein politisches Ding ohne Chance auf Besserung. Unsere Mädels und Jungs wissen aber, wie es ist, auf einem Bolzplatz zu trainieren und unter katastrophalen Bedingungen das Fußballspielen zu erlernen. Wer darauf lernt, ist hart im Nehmen und kann sich dann später unter allen Bedingungen durchsetzen. Nett ausgedrückt: Wir spielen gern auswärts mit den Kindern, da sich hier das Verletzungsrisiko minimiert.

Was denkst du über die Fußballausbildung in Deutschland? Was fehlt uns? Was müssen wir stärker trainieren?

Schwieriges Thema. Ist man diesbezüglich ehrlich, heißt es wieder, man sei ein Querulant. Als Frank Rost sagte, „alle fordern Typen, aber es wird immer schwerer, ein Typ zu sein“, hat er den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber es gibt noch Typen, Querdenker und Trainer, die wissen, wie man die Jungs dazu bekommt, für sie durchs Feuer zu gehen. Jedoch sind diese Trainertypen oft nicht gern gesehen. Sie weichen vom Raster ab, sind untypisch und passen nicht in die Ausbildungsstruktur, weil sie anders sind. Der Typ Menschenfänger eben, aber diese Typen selbst auszubilden ist schwer. Diese Typen kann man nicht verändern oder in ihrem Trainertalent beschneiden, man muss sie lassen, wie sie sind, und akzeptieren – dann sind sie gut. Das ist eine Gabe. Entweder man hat dieses Talent, als Trainer so zu sein, oder man hat es nicht, da helfen auch keine Lizenzen.

Wichtig ist doch, dass ein Trainer immer Argumente hat und erklären kann, weshalb er gerade etwas macht oder sich für dieses oder jenes System entschieden hat. Weshalb er den „Sechser“ oder „Achter“ anders interpretiert. Aber es gibt keine allgemeine Patentlösung im Fußball. Unterm Strich muss man ein Spiel gewinnen. Unsere Trainerausbildung in Deutschland ist einzigartig und weltweit gefragt, jedoch darf man sich nicht darauf ausruhen. Man muss sich permanent entwickeln, man darf keinen Stillstand einkehren lassen. Vieles wird zu stark verwissenschaftlicht und ist wenig praxisbezogen. Viele können dir eine PowerPoint-Präsentation hoch- und runterrattern und diese mit Fremdwörtern versehen – aber da ist kein Ball dabei!

Die Nachwuchsleistungszentren bilden alle gut aus, aber jedes macht dieselben Dinge, weil es so verlangt wird. Es fehlt oft die eigene Ausbildungsphilosophie, das besondere Merkmal, der individuelle Ausbildungscharakter. Durch Vorgaben bei den Lizensierungen und zu viele hauptberufliche Sportwissenschaftler ohne Praxiserfahrung in den NLZs wird es schwer, die Individualität eines Spielers zu fördern. Weil diese nicht gewollt wird oder auf wissenschaftliche Art und Weise schwer zu vermitteln ist. Eine gesunde Mischung aus Trainern und Trainingswissenschaftlern muss her und was sonst noch mittlerweile so dazu gehört. Wir verlieren uns in theoretischen Methoden und wissenschaftlichen Statistiken, aber vergessen die Murmel am Fuß.

Die Arbeit auf dem Platz muss wieder im Vordergrund stehen. Fußball ist so schön einfach, man muss keinen IQ von 130 haben und ein abgeschlossenes Sportstudium, um ein guter Trainer zu sein. Der Fußball verliert mehr und mehr den magischen Charakter. Wir vergessen, weshalb wir einmal angefangen haben, Fußball zu spielen, und dieses Spiel so sehr lieben. In der Ausbildung der Trainer ist auf der gruppen- und mannschaftstaktischen Ebene alles hervorragend durchdacht, aber mir fehlt der Teil mit dem Ball. Man lernt zu wenig über die Technikausbildung der Spieler, über Pass-, Spiel- und Übungsformen. Klausuren und mündliche Prüfungen sind nicht ausschlaggebend, um ein guter Trainer zu sein. Erklär mal einem stinknormalen Spieler den vertikalen oder horizontalen Ball. Der guckt dich doof an und denkt sich: Was will der jetzt von mir?

Wie entdecke ich Talent?

Talent beginnt in erster Linie im Kopf. Selbstverständlich muss ein Spieler die Fertigkeiten und Fähigkeiten mitbringen, die im Spiel abgefragt werden: das Antizipieren von Spielsituationen, eine gewisse Grund- und Handlungsschnelligkeit und eine besondere Waffe wie z. B. die Kaltschnäuzigkeit beim Abschluss oder ein überragendes Kopfballspiel. Viel wichtiger ist aber, dass das Talent im Kopf klar ist. Wie reagiert er auf Kritik oder Hilfestellungen der Mitspieler, wie nimmt er das Coaching des Trainers auf und wie setzt er es um? Wie fleißig ist er und arbeitet bei Ballverlust oder wenn sein Team hinten liegt? Wie ist die Disziplin im Spiel? Wie geht er mit dem Druck seiner Eltern um, die ihn bereits jetzt als Weltstar sehen? Du kannst all diese Dinge erkennen, wenn du Spiele schaust, um einen Spieler zu beobachten. Am Ende ist es aber auch beim Scout eine Frage des Talents. Man kann nicht Scout sein und sagen: Ich habe 30 A-Länderspiele und 200 Bundesligaspiele, ich erkenne das. Genauso wenig wie man ein hervorragender Trainer ist, nur weil man ein hervorragender Spieler war. Die Erfahrung zu haben, ist sicherlich ein enormer Vorteil, aber keine Garantie dafür, auch ein guter Trainer oder Scout zu sein. Letztendlich kommt es auf das Bauchgefühl an, das macht am Ende 30 bis 40 Prozent aus. Kann ich die Vision entwickeln, dass ich den Spieler zeitnah in meinem Team sehe, und wo sehe ich ihn da? Das Puzzle an Spielern mit individuellen Fähigkeiten und Charakteren muss am Ende zusammenpassen. Den guten Einzelspieler sieht jeder. Die Kunst ist das Puzzle und die Vision. Ein Feingefühl, das auch wissenschaftlich nicht greifbar ist. Und dann muss man natürlich auch persönlich stark genug sein, beim Verein diese Personalie zu positionieren. Es gibt dann nur Schwarz oder Weiß.

Von Dietrich Schulze-Marmeling erschien zuletzt „Trainer, wann spielen wir? Spielformen für den Fußball von heute und morgen“ (zusammen mit Peter Hyballa und Hans-Dieter te Poel) sowie „Celtic. Ein ‚irischer‘ Verein in Glasgow“.

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