Kampagnen sind nicht genug

Christian Thibault

von Christian Thibault – Niemand möchte als Rassist bezeichnet werden, und doch steht jetzt in der Causa Özil der Rassismusvorwurf im Raum. Rassismus ist eine Ideologie, die wissenschaftlich widerlegt ist, es gibt keine verschiedenen Menschenrassen. Daher kann auch nicht eine Rasse mehr wert sein als die andere. Das wissen wir. Wie sollen wir da also Rassisten sein? Wir reden ja auch nur über die Kultur mancher Herkunftsländer und die mangelnde Integration der türkischen Mitbürger. Ach ja, und der Islam, wie soll der denn, bitte schön, nach Deutschland passen? Und doch steht der DFB jetzt vor dem Scherbenhaufen seiner Integrationsarbeit, und alle die schönen Fernsehkampagnen gegen Rassismus klingen nur noch hohl.

Integration, was bedeutet das eigentlich? Zu Deutsch: etwas einfügen. Um etwas einzufügen, muss es passen. Das erinnert an den Spruch: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Kann man das? Einen Menschen passend machen? Oder muss nicht auch das Gebilde, in das etwas eingefügt werden soll, Platz machen für das Einzufügende? Also auch passend sein? Und wenn das neue Teil eingefügt ist, ist dann nicht das Gebilde verändert, etwas Neues? Wir müssen also alle zur Integration und Veränderung bereit sein. Wir sollten uns bewusst machen, dass Veränderung Teil des Lebens ist und schon immer war. Kein Mensch, keine Kultur und kein Land ist noch so wie vor 500 Jahren. In Finnland spricht man übrigens nicht von Integration, sondern von „heimisch werden“. Derjenige, der sich wohlfühlt in seinem Umfeld, fühlt sich daheim.

Mit Kampagnen ist es eben nicht getan. Wir müssen uns schon tiefer mit dem Thema befassen, eventuell auch bereit sein, uns von Experten ausbilden zu lassen und unsere Strukturen zu verändern. Wir werden nicht darum herumkommen. Die Vielfalt in Deutschland wird zunehmen. Auch im deutschen Fußball. Dafür sorgt schon alleine die Geburtenschwäche in Deutschland und unser Bedarf an mehr und mehr jungen Arbeitskräften. Schon jetzt repräsentieren 30 Prozent der Spieler unter 20 Jahren mehr als ein Herkunftsland und mehr als eine Kultur.

Diversität tut gut

Die gute Neuigkeit ist, dass uns die Diversität guttun wird. Die Halbfinalisten Frankreich, England und Belgien haben es ja vorgeführt. Eigentlich auch das keine Neuigkeit, wir wissen das ja schon länger. Immerhin haben wir es ja 2014 schon allen vorgemacht und sind glanzvoll, verdient und überlegen Weltmeister geworden. Mit einer Mannschaft, die die Diversität in Deutschland widerspiegelt. Auch mit Mesut Özil.

Was hat sich also verändert? Mesut Özil hat einen Fehler gemacht. Das hat unsere Mannschaft möglicherweise etwas aus der Spur gebracht. Darum haben wir schlecht gespielt. Wenn wir uns mit dieser Antwort zufriedengeben, müssen wir uns dann nicht fragen, warum wir so leicht aus der Fassung zu bringen sind? Mit einem schlecht gewählten Fototermin?

In der Wirtschaft ist längst klar, dass kulturelle Vielfalt in den Vorstandsetagen und bei den Angestellten die besten Ergebnisse bringt. Die weltweit vielleicht angesehenste Beratungsfirma, McKinsey, hat gerade eben zum wiederholten Male durch Forschung nachgewiesen, dass Unternehmen mit hoher Vielfalt in Führung und Personal bis zu 33 Prozent bessere Ergebnisse bringen als solche mit durchschnittlicher Vielfalt und solche mit unterdurchschnittlicher Vielfalt bis zu 29 Prozent schlechter abschneiden. Ein Unterschied von über 60 Prozent also! Als Gründe führen die Forscher bei McKinsey an, dass ein solches Unternehmen Talente besser halten kann, diese auch besser motiviert, die Kunden besser versteht, bessere Entscheidungen trifft und ein besseres Ansehen und höhere Akzeptanz im Umfeld hat. Der Schlüssel liegt hier also in der Führungsetage, und hier müssen wir den Ball an den DFB zurückspielen. Es ist dringend notwendig, dass sich die Führung schulen lässt, während sich mittelfristig die Strukturen ändern müssen, so dass die Vielfalt in der Bevölkerung und in der Mitgliedschaft sich auch im Vorstand widerspiegelt.

Was hindert uns also an einem gelungenen Zusammenleben? Gemäß Forschern von Harvard ist Misstrauen gegenüber anderen angeboren, ein alter Überlebensinstinkt. Zusätzlich nehmen wir ab dem Alter von drei Jahren Vorurteile aus dem Umfeld auf. Wenn wir einmal Vorurteile haben, verstärken diese sich von selbst. Jedes negative Verhalten von Personen aus der Zielgruppe wird unbewusst als Bestätigung gewertet, während positive Erfahrungen als Ausnahmen abgetan werden. Zusätzlich verstärken politische Gruppierungen sowie die klassischen und besonders die sozialen Medien fortlaufend bereits bestehende Vorurteile. Hier mag auch ein Unterschied zu 2014 liegen und eine Erklärung dafür, dass wir jetzt mit der Causa Özil nicht umgehen können. Immerhin hat sich diese negative Propaganda in den letzten vier Jahren spürbar verstärkt. Diese Dinge können also tief sitzen, und wir sind uns unserer eigenen Vorurteile vielleicht gar nicht bewusst. Unsere Vorurteile führen zu Fehleinschätzungen und zur Diskriminierung anderer, bis hin zu, eben doch, Rassismus, Aufhetzung gegen Menschengruppen und schließlich zu Gewaltverbrechen. Experimente haben gezeigt, dass diese Vorurteile unser Verhalten anderen gegenüber auch im Alltag beeinflussen und Führungspersönlichkeiten zu Fehlverhalten u.a. gegenüber Bewerbern verleiten. Aber auch die Zielpersonen von Vorurteilen werden durch diese Behandlung zu Fehlverhalten verleitet, womit sich der Kreis dann schließt. Vorurteile führen zu Fehlverhalten, durch welches die Vorurteile bestätigt werden.

Niemand ist frei von Vorurteilen

Die mangelnde Konsistenz in der Kommunikation des DFB durch Grindel und Bierhoff zeigt, dass sich das Management und der Vorstand dieser Mechanismen nicht bewusst sind. Sie tragen mindestens genau so viel Verantwortung wie Medien und Politik. Es mag uns schwer fallen, zuzugeben, dass wir von Vorurteilen und Fehleinschätzungen geleitet werden. Und doch ist es der erste Schritt zu persönlichem Wachstum, genau dies zu tun. Wer einigermaßen gut English kann, möge den Harvard Implicit Bias Test machen, um sich selbst zu erkennen. Nicht erschrecken, falls man schlecht abschneidet, Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Man hat begonnen, den Kreis zu durchbrechen.

Wenn wir dann unsere Vorurteile erkannt haben, können wir daran arbeiten. Wir können uns zum Beispiel bewusst zu einer Zusammenarbeit in einem vielfältigen Umfeld entschließen. Das gemeinsame Lösen von Problemen schafft Vertrauen. Wir können auch bewusst unser Verhalten ändern, dies verringert auch den Stress in den Zielgruppen und führt zu erweiterten Erfahrungen, durch welche unser Unterbewusstsein schließlich positiv beeinflusst wird. Hier ist auch die Vorbildfunktion wichtig.

Das Fehlverhalten der Führungsetage des deutschen Fußballs erinnert an andere Fälle aus der Wirtschaft, wie zum Beispiel bei H&M und Starbucks, die erst durch Skandale und Umsatzverluste erkannt haben, dass sich etwas ändern muss. Der gesamte Verband sollte sich ein Vielfältigkeitstraining gönnen. Dies wirkt allerdings nur, wenn es regelmäßig wiederholt wird, gut geplant ist und wenn der Vorstand voll und ganz dahinter steht. Der Verband muss auch zu personellen und strukturellen Veränderungen bereit sein. Hierzu sollten ausreichende Ressourcen bereitgestellt, interne Untersuchungen von unabhängigen Experten in Auftrag gegeben und Verantwortlichkeiten klar zugeteilt werden. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass Vielfalt nicht nur moralisch richtig, sondern auch das erfolgreichere Modell ist. Wenn dies vollzogen ist, kann der deutsche Fußball vielleicht eines Tages wieder die geliebte moralische Vorreiterschaft übernehmen, Turniere mit einer tollen Mannschaft aus Spielern verschiedener Herkunft gewinnen und vielleicht noch knapp die Vergabe für die EM 2024 für sich entscheiden. Die Zeit drängt jedoch.

Christian Thibault arbeitet seit 25 Jahren im Bereich Sport und Integration, ist Geschäftsführer des Verband Sports For All, war Vizepräsident zweier Erstligavereine in Finnland und hat für seine Arbeit 2008 das Finnische Verdienstkreuz erhalten.

Im Verlag Die Werkstatt ist soeben „Der Fall Özil“ erschienen. Darin analysiert Dietrich Schulze-Marmeling, wie aus der berechtigten Kritik an einem Foto eine rassistische Kampagne werden konnte und warum die DFB-Elf bei der WM wirklich scheiterte. Hinzu kommen Beiträge von Diethelm Blecking, Robert Claus und Ilkays Bruder Ilker Gündogan zur langen Tradition der multiethnischen Nationalmannschaften in Deutschland, über Fußballer als „politische Botschafter“ wider Willen und die Funktionsweise von Rassismus.

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