Warum ich doch nicht Taxifahrer werde

Leanna bei der Arbeit

– von Leanna Arnold

Das Vorstellungsgespräch

Als ich das erste Mal die Büros im Verlag betrete, fallen die zahlreichen Bücherregale mit den etlichen Büchern auf. Mit einem Büchermaniac als Vater aufgewachsen, kommt mir das gar nicht so fremd vor. Knapp 10.000 standen bei uns früher im Haus, in jedem Zimmer gab es Regale, auf dem Dachboden stapelten sich hohe Türme. Und so fühlt es sich ein bisschen wie zuhause an, als ich an den langen Regalreihen entlanglaufe. Mit einem angenehmen Unterschied: Während sich die Bibliothek dort vor allem auf Belletristik von 1750 bis zum ersten Weltkrieg konzentrierte, gespickt mit etlichen Sachbüchern, Lexika und Bildbänden, beschränkt sich hier alles auf eins meiner Lieblingsthemen: Fußball. Das blanke Papier neben den Druckern türmt sich und es liegt ein feiner Duft von Druckerschwärze in der Luft, der hier bestimmt niemandem mehr auffällt.

Zum Vorstellungsgespräch muss ich zu Julia. Ihr Büro ist scheinbar ganz hinten, denn man führt mich den langen Gang entlang, durch einen großen Raum, in dem noch mehr Bücher stehen als ohnehin schon. Die dicken Druckwerke schlucken den Schall und dämpfen die Schritte, an der Seite steht ein Schreibtisch vor dem Fenster, und alles sieht sehr heimelig aus.

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Der Fußball und das Bier

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Die Ehe von Fußball und Bier ist fast so alt wie das moderne Spiel selbst. Der Fußball und das Bier – das ist die älteste kommerzielle Verbindung in diesem Sport. Die Aufstiege der berühmten britischen Klubs FC Liverpool, Manchester United und Celtic Glasgow waren zumindest auch das Werk von Bierbrauern und Gastwirten, die im Fußball einen großen Absatzmarkt erblickten. Aber auch in Deutschland waren diese nicht selten erste Mäzene und wirtschaftliche Profiteure des Spiels.

Ohne Bier kein FC Liverpool

Beginnen wir mit England, dem Mutterland des Fußballs. Den FC Liverpool würde es hier ohne Bier gar nicht geben. Denn der Klub wurde nicht zuletzt gegründet, um die kommerziellen Interessen eines Bierbrauers zu befriedigen.

Der FC Everton, gegründet 1878, ist der ältere der beiden Liverpooler Premier-League-Klubs. Everton spielte zunächst an der Anfield Road, vielen nur als Spielstätte der „Reds“ bekannt. Besitzer der Spielstätte war John Houlding, seit 1881 Präsident des FC Everton.

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Mit dem Verlag Die Werkstatt am Ball

Roman Beljutin

von Roman Beljutin – Mein Name ist Roman Beljutin, ich bin Sprachwissenschaftler aus Smolensk (Russland) und unterrichte auch Deutsch als Fremdsprache an der Staatlichen Universität Smolensk. Ich spiele selbst Fußball und forsche seit zwölf Jahren zur Spezifik der deutschen Sport(-Fußball)-Sprache. Mein Herz schlägt für Spartak Moskau, aber weil ich viele Freunde aus Deutschland habe, die leidenschaftliche Fußballfans sind, bin ich inzwischen zum polyamourösen Fan geworden – ich jubele mit, wenn Bochum, der FCN, Braunschweig oder die Borussia gewinnen; es macht mich aber traurig, wenn mir meine Freunde mitteilen, dass ihre Lieblingsvereine verloren haben.

Die Sportbücher des Verlags Die Werkstatt begleiten mich und meine wissenschaftliche Laufbahn seit vielen Jahren. Angefangen hat alles mit der Besichtigung des Verlags in Göttingen, die Herr Bausenwein und Herr Schünemann 2012 für mich organisiert haben. Ich habe ihnen von meinen wissenschaftlichen Interessen erzählt, und ihre Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Verlassen habe ich den Verlag damals mit 15 Büchern, die ich dann als empirisches Material für meine Habilitation benutzt habe.

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Hier spricht man deutsch

Dietrich Schulze-Marmeling, Foto: Johannes Hölker

von Dietrich Schulze-Marmeling – „Wir wollen den Kern unserer Kabine und der Mannschaft deutsch haben. Wir wollen die Tugenden des deutschen Fußballs hier haben und den deutschen Fußball auch in der Welt repräsentieren.“ So Hasan Salihamidzic, Hoeneß-Ziehkind und Sportdirektor des FC Bayern, zur künftigen Kaderpolitik des Rekordmeisters.

Was Salihamidzic unter „deutschen Tugenden“ versteht, bleibt unklar. Möglicherweise das, was schon immer darunter verstanden wurde: Leistungs- und Kampfbereitschaft, worauf „sich jeder Fußballprofi einigen kann“, wie Johannes Dudziak in der „Zeit“ schreibt. Eigentlich auch jeder Amateurfußballer. Auch ist mir nicht bekannt, dass es anderen Völkern an Leistungs- und Kampfbereitschaft mangelt. Leider ist das Gerede von „deutschen Tugenden“ häufig ein Hinweis auf eine etwas schlichte Vorstellung vom Spiel. Und dass man eine ansehnliche Spielkultur für nebensächlich hält.

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WM-Fußball und Ballbesitz

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling Während und nach der WM wurde das Ende des Ballbesitzfußballs diagnostiziert. Dass dieses Turnier wegweisend für die weitere Entwicklung des Fußballs war, bezweifle ich. Russland 2018 war eine zweitklassige Veranstaltung, auf der Turnierfußball gespielt wurde. Folglich kann so manche Lehre auch nur auf den Turnierfußball Anwendung finden.

Die WM 2018 war einfach keine für Mannschaften, die ihre Tore erspielen wollten. Gegen defensiv gut stehende Teams fielen die Tore zu häufig nach Standards. Erspielt wurden Ecken, Freistöße und Einwürfe. Hoch aufgeschossene Innenverteidiger wurden so zur wichtigsten Angriffswaffe. Mancher erblickte darin einen neuen Trend. Aber es war eher ein Indiz für einen Mangel an spielerischer Qualität. Bei der WM fielen 45 Prozent der Tore nach Standardsituationen. In der Bundesliga waren es in der Saison 2017/18 lediglich 30,6 Prozent, in der Premier League sogar nur 26 Prozent. Je besser der Fußball, desto geringer die Zahl der Tore, die aus Standardsituationen resultieren.

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Manuel, Mesut und Uli

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Manuel Neuer beklagt einen Mangel an Nationalstolz in der Nationalmannschaft: „Wir müssen wieder die Spieler da haben, die wirklich stolz sind, für die Nationalmannschaft zu spielen und alles dafür geben, für das eigene Land zu spielen.“ Neuer erwähnt Mesut Özil nicht namentlich, aber aus dem Kontext geht hervor, dass er ihn zumindest auch meint. Dass Neuer möglicherweise nachvollziehbare Gründe hat, auf Özil sauer zu sein, dazu später. Dass er nicht ein Wort über die rassistische Hetze gegen Özil verliert, zeugt von einem Mangel an Souveränität und ist ein Armutszeugnis. Und während sich die Kollegen Jérôme Boateng, Antonio Rüdiger, die selber schon Opfer rassistischer Attacken waren, Julian Draxler und Julian Brandt bei Özil nach dessen Rücktritt bedankten oder ihn gegen überzogene Kritik in Schutz nahmen, ist Neuers Statement auffallend empathielos und eines Kapitäns unwürdig. Neuer ist kein Rechter, aber wenn er Özil unterstellt, er sei nicht stolz darauf gewesen, für Deutschland zu spielen, übernimmt er deren Erzählung. Vor der WM schrieb das rechtsextreme Magazin „Compact“ über Özil und Ilkay Gündogan, dass die beiden „‚Deutsch-Türken‘ – eigentlich sind es Türken mit nachgeschmissenem deutschen Pass – uns allen die Freude an der WM vermiesen“. Jeder wüsste, dass „solche Typen nichts mit den Traditionen eines Fritz Walter, Franz Beckenbauer oder Olli Kahn zu tun haben und auch nicht zu unseren aktuellen Hoffnungen wie Timo Werner und Manuel Neuer passen“. Für diese Vereinnahmung konnte Neuer nichts. Aber für die nächste aus dieser Ecke sehr wohl.

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Hooliganprozess in Leipzig

Robert Claus

von Robert Claus – Am 11. Januar 2016, am Rande des einjährigen Bestehens von Legida, randalierten über 200 Neonazis und rechte Hooligans durch den alternativen Leipziger Stadtteil Connewitz. Dort ist auch die Fanszene der BSG Chemie Leipzig beheimatet. Es sollte ein Fanal gegen die als links geltende Fanszene sowie die staatliche Migrationspolitik werden. Im August 2018 beginnen die ersten Prozesse.

Die Gruppe organisierte ihre Aktion geheim und bestens vorbereitet. Zahlreiche Fensterscheiben lokaler Geschäfte wurden eingeworfen, Autos angezündet. Ein Schaden von 112.000 Euro entstand. Der Polizei gelang es an jenem Abend, über 200 Tatverdächtige festzunehmen: neben einer Reihe an rechter Politprominenz aus Sachsen vor allem Hooligans aus fast allen Fanszenen der Region. Szenekundige Beamte ordneten sie wie folgt zu: Lok Leipzig (41), Hallescher FC (1), Dynamo Dresden (16), Rot-Weiß Erfurt (4), Carl-Zeiss Jena (2), Chemnitzer FC (1), RB Leipzig (1). 39 von ihnen waren auch in der umstrittenen Datei „Gewalttäter Sport“ verzeichnet. Somit befindet sich die Gruppe dieses Übergriffs in einer langen Tradition der Vernetzung zwischen Neonazis und rechten Hooligans in Sachsen. Sie reicht zurück bis zu den „Skinheads Sächsische Schweiz“ (SSS) und den „Hooligans Nazis Rassisten“ (HooNaRa).

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Der DFB, sein Präsident und ihre Erklärungen

Dietrich Schulze-Marmeling, Foto: Johannes Hölker

von Dietrich Schulze-Marmeling – Am Wochenende des WM-Finales forderte Reinhard Grindel in einem Interview, Özil müsse sich zu Erdogan äußern – zwei Monate nach dem Fotoshooting mit dem Autokraten. Grindel begründete dies mit einem „veränderten Resonanzboden für das Thema Integration“, benutzte somit die rassistische Stimmung im Land als Druckmittel.*

Zur rassistischen Hetze gegen Özil verlor der DFB-Boss kein Wort. (Schon bei den rassistischen Attacken gegen Özil im September 2017 während des WM-Qualifikationsspiels in Prag – aus der deutschen Kurve wurde „Özil abschieben, Ausländer raus!“ skandiert – war die Reaktion des DFB lauwarm ausgefallen. Die Verantwortlichen waren darum bemüht, das Thema herunterzuspielen.)

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