Warum ich doch nicht Taxifahrer werde

Leanna bei der Arbeit

– von Leanna Arnold

Das Vorstellungsgespräch

Als ich das erste Mal die Büros im Verlag betrete, fallen die zahlreichen Bücherregale mit den etlichen Büchern auf. Mit einem Büchermaniac als Vater aufgewachsen, kommt mir das gar nicht so fremd vor. Knapp 10.000 standen bei uns früher im Haus, in jedem Zimmer gab es Regale, auf dem Dachboden stapelten sich hohe Türme. Und so fühlt es sich ein bisschen wie zuhause an, als ich an den langen Regalreihen entlanglaufe. Mit einem angenehmen Unterschied: Während sich die Bibliothek dort vor allem auf Belletristik von 1750 bis zum ersten Weltkrieg konzentrierte, gespickt mit etlichen Sachbüchern, Lexika und Bildbänden, beschränkt sich hier alles auf eins meiner Lieblingsthemen: Fußball. Das blanke Papier neben den Druckern türmt sich und es liegt ein feiner Duft von Druckerschwärze in der Luft, der hier bestimmt niemandem mehr auffällt.

Zum Vorstellungsgespräch muss ich zu Julia. Ihr Büro ist scheinbar ganz hinten, denn man führt mich den langen Gang entlang, durch einen großen Raum, in dem noch mehr Bücher stehen als ohnehin schon. Die dicken Druckwerke schlucken den Schall und dämpfen die Schritte, an der Seite steht ein Schreibtisch vor dem Fenster, und alles sieht sehr heimelig aus.

In dem Gespräch kann ich allerdings nur zwei Dinge anbieten, um zu überzeugen: Ich spiele Fußball. Und ich möchte in einem Verlag arbeiten. Das passt, weil der Verlag Die Werkstatt seinen Schwerpunkt bei Büchern zum Thema Fußball hat.

Erfahrungen in dem Bereich habe ich jedoch keine. Abitur mit 17, danach direkt das Studium, jetzt bin ich 19 und bald im fünften Semester. Zeit nebenher blieb meist nicht.

Christoph ist wie Julia Lektor und erklärt mir, welche Aufgaben hier für einen Praktikanten anfallen. Er hat eine Liste angefertigt. Was für andere abschreckend klingen mag, hört sich für mich genial und spannend an. Gern könnte er mir die Liste einfach geben, ich fange dann schon mal an!

Letztlich gehe ich mit einem Geschenk nach Hause: ein großes Buch über Frauenfußball, das nicht nur für die Zugfahrt guten Lesestoff bietet.

Der Beginn

Jetzt ist es also so weit: Ich fange an als Praktikantin, sechs Wochen Verlagsluft schnuppern.

Julia, mit der ich zusammen im Büro sitze, führt mich herum. Hier duzen sich alle, heißt es, und so wird mir jeder mit Vornamen vorgestellt. Den Nachnamen kenne ich von den meisten bis heute nicht. Das finde ich gut: Es sorgt für ein entspanntes Betriebsklima und ein gutes Miteinander.

Als Erstes mache ich mich ans Archiv, um einen Überblick über das Verlagsangebot zu bekommen. Ein Buch hat den Titel „Geheimnis Fußball“, auf dem Umschlag finden sich ansonsten nur japanische Schriftzeichen, genauso wie im Buch selbst. Was mich zuerst an das Werk „Der Name dieses Buches ist ein Geheimnis“ erinnert, soll sich später als Übersetzung eines Buchs herausstellen, das hier produziert und von dem die Lizenz ins Ausland verkauft wurde. Diese neue Erkenntnis soll bei weitem nicht die einzige bleiben.

Viel zu lernen du noch hast

In den folgenden sechs Wochen habe ich facettenreiche Aufgaben: Texte lektorieren, korrigieren, Pressetexte schreiben, Infosheets für mögliche Lizenztitel verfassen, Facebook-Beiträge formulieren, Bücher fotografieren, Tabellen anfertigen, Informationen recherchieren.
Einen großen Teil der Arbeit stellt die Schweinsteiger-Biografie da, welche lektoriert werden soll. Ich habe zwar schon einige Bachelor- und Masterarbeiten gelesen („Du studierst doch Germanistik, kannst du mal grade …?“), aber das hier ist anders. Diesmal kenne ich mich zwar mit dem Thema aus, immerhin spiele ich selbst seit fast 15 Jahren Fußball. Aber obwohl ich mir größte Mühe gebe, finde ich nur halb so viele Fehler wie Julia. Eigennamen werden außerdem selten so geschrieben, wie man es erwartet. Mittlerweile schaue ich bei wirklich allen Texten jeden einzelnen Namen nach, auch solche wie „Joachim Löw“, bei denen man denkt, man würde sie kennen. Aber die Erfahrung zeigt – man kennt sie eben doch nicht alle.
Neu erschienene Bücher müssen für Facebook oder die eigene Webseite fotografiert werden. Also schleppe ich ganze Kartons davon in das kleine Büro nebenan, wo die Lichtboxen und die weiteren Fotoutensilien stehen. Draußen sind es dreißig Grad im Schatten, hier drin muss ich mich von den hellen Lampen anleuchten lassen, während ich in seltsamsten Verrenkungen innehalte, um genau den richtigen Winkel zu treffen. Die Hitzeentwicklung ist bemerkenswert, Spaß macht es aber trotzdem.

Mit am interessantesten sind die Manuskriptangebote, die im Verlag eingereicht werden. Aber auch Klappentexte schreiben ist etwas, was ich schon immer mal machen wollte und wozu ich hier die Möglichkeit habe.
Zwischendurch landen Texte auf dem Schreibtisch, die eilig durchgelesen werden müssen, weil das Buch kurz vor dem Druck steht. Das ist aber positiver Stress, der eher anspornt, als stört.

Oder das Telefon klingelt, verlagsintern. Dirk, der im Büro gegenüber sitzt, ist am Apparat und braucht Bilder aus dem Archiv. Ich soll mich an einem Buch orientieren. „Dreh dich mal um“, sagt er, und ich drehe mich verwirrt um. Aber klar – die Büros sind größtenteils mit Glaswänden ausgestattet, was für eine helle, kommunikative Atmosphäre sorgt. Und so sehe ich Dirk durch zwei Glasscheiben mit einem Buch winken. Ein bisschen wie Fernsehen.

Die Mittagspause findet in dem Raum mit der Piratenfahne statt – warum die da hängt, kann mir allerdings niemand erklären. In dem täglichen Austausch geht es um unsere Erfolge und Misserfolge bei Bundesjugendspielen, um Instagram-Millionäre und Hoverboards. Ferner erfahre ich von der Existenz von Mikrowellen-Pommes. Auch nicht unwichtig: neue Bürostühle. Und da kann ich es nun endlich zugeben. Ich studiere seit zwei Jahren fleißig, ich habe Hausarbeiten geschrieben mit klobigen und mehr oder minder beeindruckenden Titeln wie „Die Todesdarstellung in der Prosaliteratur des 17. Jahrhunderts“ oder „Ich mache nichts – Eine gesprächslinguistische Analyse von Loriots Eheszenen“; ich weiß, was intransitive Verben, Subjektsprädikative und Permutationstests sind, aber: Ich bin mit meinem Schreibtischstuhl im Praktikum überfordert. Anfänglich hielt ich das Verrutschen der Sitzfläche für eine abstruse ergonomische Einstellung, aber Dirk stellt nach eingänglicher Prüfung schlicht fehlende Schrauben und einen kaputten Stuhl fest. Demnächst wird also auch hier ein neuer Stuhl stehen.

Einer der Höhepunkte ist das Treffen mit zwei Mitarbeiterinnen aus dem Delius Klasing Verlag, der kürzlich alle Anteile vom Verlag Die Werkstatt übernommen hat. Somit arbeiten beide enger zusammen, und die Zusammenkunft dient dazu, sich im Bereich Auslandslizenzen zu koordinieren. Ich bin zum ersten Mal bei einem solchen Treffen dabei und lerne viel Neues über Strukturen und Abläufe im Verlag.
Was ich außerdem lerne: Ohne Auslandsaufenthalt hat man es in der Berufswelt heute schwer. Deshalb setze ich diesen Punkt auf meine To-do-Liste. Oder vielleicht wird er auch von den Anwesenden wohlwollend auf meine To-do-Liste gesetzt.

Was bleibt

Insgesamt ist das Lektorat so, wie ich es mir vorgestellt – und vor allem erhofft – habe. Man hat mit allen Abteilungen zu tun, man koordiniert, liest und hat auch Raum, um kreativ zu sein. Ich stelle viele Fragen, weil ich das Verlagswesen einfach so interessant finde. Und, das muss man dazu sagen, alle sind freundlich und helfen mir weiter. Ein Praktikum – Achtung, Wortspiel! – wie es im Buche steht.

Wenn man anderen erzählt, man studiere Germanistik, wird immer gefragt: „Und was macht man damit … außer Taxi fahren?“ Meistens habe ich geantwortet: „Man kann zum Beispiel in einem Verlag arbeiten.“ Was genau, wusste ich selbst noch nicht. Aber nach dem Praktikum kann ich sagen, ich weiß es. Und wenn mich das nächste Mal jemand fragt, sage ich einfach: „Na, man wird natürlich Lektor.“

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