WM-Fußball und Ballbesitz

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling Während und nach der WM wurde das Ende des Ballbesitzfußballs diagnostiziert. Dass dieses Turnier wegweisend für die weitere Entwicklung des Fußballs war, bezweifle ich. Russland 2018 war eine zweitklassige Veranstaltung, auf der Turnierfußball gespielt wurde. Folglich kann so manche Lehre auch nur auf den Turnierfußball Anwendung finden.

Die WM 2018 war einfach keine für Mannschaften, die ihre Tore erspielen wollten. Gegen defensiv gut stehende Teams fielen die Tore zu häufig nach Standards. Erspielt wurden Ecken, Freistöße und Einwürfe. Hoch aufgeschossene Innenverteidiger wurden so zur wichtigsten Angriffswaffe. Mancher erblickte darin einen neuen Trend. Aber es war eher ein Indiz für einen Mangel an spielerischer Qualität. Bei der WM fielen 45 Prozent der Tore nach Standardsituationen. In der Bundesliga waren es in der Saison 2017/18 lediglich 30,6 Prozent, in der Premier League sogar nur 26 Prozent. Je besser der Fußball, desto geringer die Zahl der Tore, die aus Standardsituationen resultieren.

Voraussetzungen für erfolgreichen Ballbesitzfußball

Was unter Ballbesitzfußball zu verstehen ist, bleibt häufig unklar. Guter Ballbesitzfußball sieht so aus: schnelles, präzises Passspiel mit Positionswechseln, das den Gegner müde und aus seiner Ordnung spielt, somit Räume öffnet, in die man dann mit Pässen in die Tiefe oder Dribblings hineinstößt.

Bei den WM-Turnieren 2010 und 2014 triumphierten mit Spanien und Deutschland Mannschaften, die die Philosophie des Ballbesitzfußballs verfolgten. Dass sie damit Erfolg hatten, war auch der Tatsache geschuldet, dass sich beide Teams auf einen großen Block von Spielern stützen konnten, die beim selben Verein spielten. Bei einem Verein, der Ballbesitzfußball praktizierte. Im Übrigen hieß der Trainer des Vereins in beiden Fällen Pep Guardiola. Beim Anpfiff des WM-Finales 2010 standen mit Piqué, Puyol, Busquets, Iniesta, Xavi und Pedro sechs Spieler des FC Barcelona auf dem Platz, die u.a. von Reals Xabi Alonso, auch er ein „Ballbesitzfußballer“, unterstützt wurden. Später kam noch Fàbregas hinzu, der zwar bei Arsenal in London spielte, zuvor aber die Barça-Schule durchlaufen hatte. Das WM-Finale 2014 lieferte ein fast identisches Bild. Deutschland begann mit sechs Akteuren des FC Bayern: Neuer, Boateng, Lahm, Kroos, Schweinsteiger und Müller. Später kam mit Götze noch ein siebter Bayern-Spieler aufs Feld.

Um den in Russland bei der deutschen Mannschaft vermissten Hochgeschwindigkeitsfußball gegen tiefstehende Gegner umzusetzen, hätte es nicht nur flinker Dribbler und genialer Passspieler bedurft, sondern auch einer Mannschaft, die ein fast schon blindes Spielverständnis auszeichnet – damit der Ball mit Tempo zirkuliert. Mit einer Nationalmannschaft kann das nur funktionieren, wenn man über größere Blöcke von Spielern aus einem Verein verfügt. Hochgeschwindigkeitsfußball gegen einen tiefstehenden Gegner, das konnten in den letzten Jahren so richtig nur Vereinsmannschaften spielen. Wie der FC Barcelona (mit Messi) und die Bayern (mit Ribéry und Robben). Gegen die These, der Ballbesitzfußball habe sich überlebt, sprechen die Meister der Ligen in England, Spanien und Deutschland. In der Saison 2017/18 wurde die Premier League von Manchester City (106 Tore in 38 Spielen), La Liga vom FC Barcelona und die Bundesliga vom FC Bayern München gewonnen. In der Serie A wurde der SSC Neapel mit Ballbesitzfußball immerhin Zweiter.

Auch bei der WM gab es Momente, in denen demonstriert wurde, dass der Ballbesitzfußball mitnichten tot ist – sofern er nicht so gespielt wird wie in der Vorrunde von der deutschen Nationalelf. Brasilien war bis zum Viertelfinale die beste Mannschaft des Turniers. Die Seleção unterlag hier zwar Belgien etwas unglücklich mit 1:2, trotzdem kamen Neymar und Co. gegen verteidigende Belgier zu mehr, vor allem aber klareren Chancen als die DFB-Elf gegen Mexiko, Spanien und Südkorea. Weil Brasilien viele Spieler hatte, die mal einen Gegenspieler aussteigen lassen und den Ball im hohen Tempo zirkulieren lassen konnten. Trotz der Niederlage: Gerade diese Begegnung zeigte, woran es den Deutschen fehlte. Brasilien scheiterte nicht daran, dass man einen antiquierten Stil verfolgte, sondern an einem überragenden belgischen Keeper sowie Pech und Unvermögen im Abschluss.

Warum scheiterte Deutschland?

Dass Deutschland vorzeitig ausschied, hatte also relativ wenig mit Ballbesitzfußball an sich zu tun. Allerdings war es Löw nicht gelungen, seinen Ballbesitzfußball weiterzuentwickeln. Was auch daran lag, dass ihm die hierfür notwendigen Spieler fehlten. Bei den Turnieren 2010 und 2014 besaß Löw mit Klose und Müller Angreifer, die gegnerische Abwehrreihen auch dadurch penetrierten, dass sie aus dem Passmodus ausbrachen. Bei der WM 2010 erzielten die beiden addiert neun Tore, vier Jahre später immerhin noch sieben. Klose war nun nicht mehr dabei. Und bei Müller war nichts von dem zu sehen, was ihn früher ausgezeichnet hatte: seine unkonventionellen Laufwege, die einen gegnerischen Abwehrverbund in ein Chaos stürzen konnten.

Wie Pep Guardiola ist auch Jogi Löw kein großer Fan von Flanken, die in der Regel auch wenig einbrachten. In Russland bestand das Problem nicht in zu wenigen Flanken, sondern dass Spieler fehlten, die die Alternative ausführen konnten. Dribbelstarke Spieler, die von der Außenposition kommend in den Strafraum vordringen. Dieses Problem war schon bei der EM 2016 zu erkennen. In Russland wurden die defensiven Außenpositionen von Jonas Hector, Marvin Plattenhardt und Joshua Kimmich bekleidet. Keiner dieser Spieler ist dazu in der Lage, mit Tempo und im Eins-gegen-Eins nach innen zu ziehen. Was hätte Löw angesichts dieses Defizits anders machen können? Der Sohn des Autors, der sich intensiver mit der Spielanalyse befasst, antwortet: „Ich hätte die Breite im letzten Drittel nicht mit den Außenverteidigern besetzt, sondern mit offensiven, möglichst dribbelstarken Akteuren (Draxler, Brandt, Werner, Reus). Und die Halbräume stattdessen mit Kimmich und Hector. Im Grunde das, was Guardiola damals bei den Bayern einführte. Kimmich und Hector konnten von außen nur flanken, und das wollte ja eigentlich keiner. Die anderen hätten dribbeln, Gegner binden und aus dem Strafraum herausziehen können.“

Es fehlen Eins-gegen-eins-Spieler

Viele der Probleme, die jetzt diskutiert werden, wurden von Löw schon früh erkannt. Beispielsweise das Fehlen von Eins-gegen-eins-Spielern, das der Bundestrainer bereits nach der WM 2014 thematisierte. Man ahnte nämlich, dass sich in Zukunft viele Mannschaften gegen die Deutschen tiefer positionieren würden. Tiefer als bei den WM-Turnieren 2010, wo man noch über größere Strecken Umschaltfußball spielen konnte, und 2014. Löw kritisierte auch die Rückentwicklung des Bundesligafußballs. Hier würden zu wenig taktische Inhalte für Angriffsvarianten gelehrt: wie man eine gegnerische Defensive auseinanderzieht, wie man möglichst viele Spieler vor den Ball positioniert. Letzteres ist etwas, worunter Mesut Özils Spiel in der Nationalmannschaft litt. So kontert Constantin Eckner (spielverlagerung.de) den Vorwurf, Özil würde das Spiel verschleppen, wie folgt: „Meistens wird er sehr aggressiv angespielt, sehr weit vorne. Er muss dann das Tempo verschleppen, weil er kaum Anspielstationen hat, er wartet darauf, dass die Mannschaft nachrückt, um den nächsten Pass zu spielen.“

Wenn jetzt penetrant behauptet wird, der Ballbesitzfußball sei tot, könnte das fatale Auswirkungen auf die Ausbildung an der Basis haben. Denn der Ballbesitz (was auch heißt: die Beherrschung des Balles) sollte im Zentrum der Ausbildung stehen. Was nicht bedeutet, dass man dann später im Seniorenalter und Wettkampf nur noch Ballbesitzfußball praktiziert. Man sollte schon etwas variabler sein. Aber Ballbesitzfußball ist die beste Methode, um die Technik des Fußballs zu erlernen, das Aufbauspiel etc. Die Konsequenz aus der WM 2018 kann ja nicht lauten, dass jetzt nur noch das Spiel ohne und gegen den Ball geübt wird, Umschalten und Tempo. Matthias Sammer im „Kicker“-Sonderheft: „Wir können doch nicht Ballbesitz als kontraproduktiv verurteilen, um nur den Konterfußball zu predigen.“

Von Dietrich Schulze-Marmeling erschien zuletzt „Trainer, wann spielen wir? Spielformen für den Fußball von heute und morgen“ (zusammen mit Peter Hyballa und Hans-Dieter te Poel) und „Der Fall Özil. Über ein Foto, Rassismus und das deutsche WM-Aus“.

 

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