Wenn die Körpersprache stimmt. Oder auch nicht.

Bernd-M. Beyer: Körpersprache mangelhaft!

von Bernd-M. Beyer – Ich gebe es zu: Meine Körpersprache ist ein einziges Elend. Meine Schultern hängen nach unten und auch noch nach vorn; mein Gang ist gebeugt und schlurfend, mein Blick gesenkt. Gegen mich ist Mesut Özil ein aggressives Ausrufezeichen.

Ich weiß nicht, warum das so ist; einen Psychologen habe ich deswegen nie konsultiert. Ich bin schon als Kind so dahergelaufen, meine Oma hat vergebens versucht, es mir auszutreiben. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich seinerzeit kindliche Minderwertigkeitskomplexe geplagt hätten. Es war einfach so. Vielleicht messe ich aus diesem Grund der Körpersprache keine besondere Aussagekraft zu. Unglücklicherweise befinde ich mich damit im Gegensatz zur großen Mehrheit des deutschen Fußballvolks. Und seiner Kommentatoren im Fernsehen.

Seit dem verdaddelten WM-Auftritt in Russland ist die Körpersprache nicht nur wiederentdeckt worden, sie scheint sogar zum entscheidenden Qualitätsmerkmal eines Spielers zu werden. Marco Hagemann, der uns seit einiger Zeit auf RTL die Länderspiele zerquasseln darf, wird nicht müde in seinen Betrachtungen, ob denn die Körperhaltung dieses oder jenes deutschen Spielers „stimme“, „nicht vorhanden“ oder „wiedergefunden“ sei. Auf ZDF mag Bela Rethy nicht nachstehen. Wehe dem Nationalkicker, der nicht mindestens dahergeschritten kommt wie weiland Armin der Cherusker gegen Varus. Die mieseste Halbzeit wie die zweite gegen Peru wird zum Sahnestück, wenn nur die Körpersprache „stimmt“. Mesut Özil wusste schon, warum er rechtzeitig zurückgetreten ist. Er hätte schon aus diesem Grund keine Chance mehr gehabt.

Fritz Walter, Beckenbauer, Lahm – Körpersprache mangelhaft! (aber Weltmeister)

Ich frage mich, woher diese Anbetung kommt. Die größten Fußballer in Deutschland waren nicht unbedingt starke Körpersprachler. Fritz Walter, der Kapitän des „Wunders von Bern“, galt bekanntlich als Sensibelchen. Seine Körpersprache ähnelte der eines scheuen Rehs. Franz Beckenbauer, unser Kaiser von 1974, kam auch nicht gerade als Recke daher. Seine Körperhaltung wurde nicht selten als die eines arroganten Schnösels verachtet. Beliebt war er beim Fußballvolks keineswegs, bei seinen Auftritten musste er sich nicht selten ein Pfeifkonzert anhören, sowohl im Bayern- wie im Nationaltrikot, und das selbst während der WM vor heimischem Publikum. Vielleicht war er ein Genie am Ball, aber er hatte halt die falsche Körpersprache. Was kein Wunder war, denn sein Bundestrainer hieß Helmut Schön, und den hatte schon der selige Seppl Herberger als „Weichling“ verhöhnt. Und eine Körperhaltung hatte der Schön, also echt, wie ein trauriges Fragezeichen. Wie er mit solch einem loserhaften Auftreten zum erfolgreichsten deutschen Bundestrainer werden konnte – irgendwie rätselhaft.

Jogi Löw kommt zwar cooler daher als der biedere Schön, aber doch ein bisschen zu sehr geföhnt und Nivea-gecremt. Also irgendwie auch als „Weichling“. Nur dass man über so einen heutzutage statt „weich“ meistens „schwul“ sagt. Löws Kapitän von 2014, Philipp Lahm, hatte gar keine Körpersprache. Denn wenn du so klein bist wie der Philipp, da kannst du dich recken wie du willst, gegen Armin den Cherusker bleibst du trotzdem ein Witz. Freilich hatten wir im Finale von Rio den Bastian, der sich mit blutender Wunde wieder furchtlos in die Schlacht stürzte. Aber wir hatten eben auch Toni Kroos und den unvermeidlichen Mesut Özil, die so schläfrig daherkamen, dass ihre Geniestreiche meist gar nicht erkannt wurden. Oder erkannt werden wollten. Denn wer so schlaff herumläuft, der kann gar nicht gut spielen, selbst wenn er gut spielt.

Breitner, Briegel, Schumacher – deutsche Panzer! (leider nur Vize)

Ich gebe zu, manchmal wirkt das mit der Körpersprache. Zum Beispiel bei der WM 1982. Da konnte der deutsche Fußball zweifellos die mit Abstand stärksten Körpersprachler aufbieten. Paul Breitner sah damals ständig so aus, als verberge er einen Dolch im Trikot und sei bereit, jederzeit zuzustechen. Hans-Peter Briegel schien entschlossen, alles niederzuwalzen, was sich ihm in den Weg stellte. Und Harald Schumacher tat genau das, denn er rammte im Halbfinale den Franzosen Battiston so konsequent, dass dieser bewusstlos darniedersank und mit Gehirnerschütterung, einem Wirbelbruch sowie diversen Zahnlücken ins Krankenhaus musste. Das war die Körpersprache eines soliden deutschen Leopard-Panzers, da konntest du gleich sehen, wer die Eier hat. Und immerhin wurden sie damit Vizeweltmeister.

Aber eben nur Vize. Was dann doch die Frage provoziert, ob die grobe Körpersprache oftmals nicht einfach nur eine SUV-Fassade für technisch limitierte Kicker ist. Niko Kovac hat uns das beispielhaft vorgeführt. Als Trainer von Eintracht Frankfurt pflegte er seine Spieler ziemlich martialisch einzustimmen, wie sich Thomas Kilchenstein unlängst in der „Frankfurter Rundschau“ erinnerte. Kovac schwadronierte vom „Balkan-Gen“ und von „Kriegern“, die einen „Feldzug“ führten und eine „Tretermannschaft“ bildeten. Man kann sich ausmalen, welche Körpersprache er auf dem Platz erwartete. Kaum aber war Kovac zum Chefcoach von Bayerns Ballkünstlern ernannt worden, mutierte der Hartgesottene zum Weichei. Bereits nach dem dritten Bundesliga-Spieltag jammerte er über die Gangart der Konkurrenz: „Langsam reicht es mir. Ich habe das Gefühl, dass wir Freiwild sind.“ Dabei haben die anderen nur so gespielt, wie er vorher seine Frankfurter hat spielen lassen.

Die Sache mit der Körpersprache hat also viele Facetten. Und mich beschleicht ein vager Verdacht: Über Körpersprache im Fußball wird besonders viel gesprochen, wenn man über das Spiel selbst nicht genug zu sagen hat. Vielleicht, weil man’s als Zuschauer nicht durchschaut in seiner Komplexität. Vielleicht, weil man als Trainer ansonsten auch nicht weiterweiß. Oder vielleicht, weil man als TV-Kommentator entschlossen ist, 90 Minuten lang ununterbrochen zu sabbeln, und der jeweils aktuelle Stand der Körpersprache ein dankbares Thema ist.

Ich würde mir wünschen, Marco Hagemann und Bela Rethy (und, nicht zu vergessen: Tom Bartels auf ARD !!!) würden sich bei den kommenden Länderspielen darauf beschränken, das Geschehen auf dem Rasen ausschließlich in Körpersprache zu kommentieren. Dann hätte es endlich mal eine Ruh‘.

Bernd-M. Beyer hat 2017 im Verlag Die Werkstatt das Buch „Helmut Schön – Eine Biografie“ veröffentlicht, das von der Deutschen Akademie für Fußballkultur als „Fußballbuch des Jahres 2017“ ausgezeichnet wurde.

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