Ohne Sport geht gar nichts

Martin Krauss (Foto: Sadija Kavgic)

Vortrag von Martin Krauß zur Tagung anlässlich des 70. Geburtstags von Andrei S. Markovits am 20.10.2018 an der Leuphania Universität Lüneburg

„Jetzt reden wir endlich wieder über Fußball.“ Das ist ein sporthistorisches Zitat. Es wurde gesagt, so wird es zumindest kolportiert, von Wolfgang Niersbach, als dieser erstmals als Präsident eine DFB-Präsidiumssitzung leitete. Niersbach hatte Theo Zwanziger als Präsident abgelöst, und der stand für soziale Verantwortung des Fußballs, für Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, für Kampagnen gegen Rassismus, Antisemitismus und Homophobie, für Fußball als Integrationsprojekt, förderte Mädchen- und Frauenfußball. „Jetzt reden wir endlich wieder über Fußball“ ist also ein durchaus reaktionäres Statement. Trotzdem reden wir heute über Fußball.

Ich kenne Andy Markovits schon fast drei Jahrzehnte, es sind 28 oder 29 Jahre. 1989 schrieb ich am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin meine Diplomarbeit zum Thema „Fordistische Vergesellschaftung des Sports“. Mein Fallbeispiel war der damals im Niedergang befindliche DDR-Sport.

Andrei S. Markovits (Foto: Sadija Kavgic)

Ich war damals sehr angetan von einem Aufsatz namens „Why there is no soccer in the United States“. Autor war Andrei S. Markovits, und das Sportverständnis, das er dort ausbreitete, war sehr nah an meinem Verständnis von Sport. Es hatte etwas von „Wir reden nur über Fußball“ – aber keineswegs reaktionär, sondern gerade deswegen so ertragreich, weil er sehr genau hinschaute.

Ich schrieb Andy einen Brief, wir telefonierten und tauschten uns schriftlich aus, und irgendwann lernten wir uns persönlich kennen. Es folgten ganz viele private und berufliche Gemeinsamkeiten, die ich gar nicht alle aufzählen kann. Wir treffen uns jedenfalls oft, und das ist für mein Leben eine Bereicherung: WM-Spiele 2006 und 2011, gegenseitige Besuche. Treffen an merkwürdigsten Orten wie dem Betzenberg in Kaiserslautern.

Der besondere Zugang zum Thema Sport eint uns immer: Es ist dieses genaue Hinschauen auf den Sport, auf die Athleten. Vielleicht, hoffentlich, wird das auch beim Thema meines Vortrages deutlich: Ich will nämlich über den „Fall Özil“ sprechen, über den für die jüngere deutsche Sportgeschichte einmaligen Fall, dass ein Fußballnationalspieler wegen Rassismus die Auswahl verlässt.

Der Fall Özil hat unglaublich viele Facetten: Es geht um Rassismus, es geht um Fragen der politischen Loyalität – Auslöser war ja ein gemeinsames Foto, das Özil mit dem türkischen Präsidenten Erdogan hatte machen lassen –, es geht um politische Verantwortung und Vorbildfunktion von Profisportlern. Es geht auch um die Verankerung des Fußballs bzw. des Sports allgemein in die gesellschaftliche und politische Entwicklung.

Es sind mehr Facetten, als ich hier behandeln kann und will. Wenn Sie sich für das Thema mehr interessieren: Dietrich Schulze-Marmeling hat ein sehr aktuelles und sehr empfehlenswertes Buch dazu vorgelegt, „Der Fall Özil“, das viele Aspekte behandelt und diskutiert.

Mir geht es heute um einen ganz besonderen Aspekt: die Teilhabe.

Wer darf an der Nationalmannschaft teilhaben?

Wer darf, soll, muss am Sport, ganz konkret: an der Fußball-Nationalmannschaft teilhaben dürfen? Das ist schon deswegen interessant, weil es nicht um diese dauernden „Sport-und“-Themen geht: Sport und Politik, Sport und Rassismus, Sport und und und. Bei der Frage nach der Teilhabe geht es nämlich ganz unmittelbar um den Sport selbst, um den Sport als soziales Ereignis. Hier zeigt sich, so meine These, eine dramatische Entdemokratisierung.

Wenn man den organisierten Sport nach seinem Selbstbild fragt – ich rede hier vor allem vor dem deutschen Hintergrund –, dann ist der Sport eine für alle offene Veranstaltung. Jeder, der will, darf.

Verstehen wir den Sport aber als historisch entstandenes und sich stets veränderndes soziales Phänomen, dann war er nie offen für alle. Dann ist der Kampf um Teilhabe beinah ein konstituierendes Element. Ganz am Anfang, im 19. Jahrhundert in England, war der Sport – nur wenig überspitzt formuliert – eine Veranstaltung weißer, reicher, christlicher Männer, meist auch noch adlig.

Alle anderen Gruppen, die später dazukamen, mussten sich ihr Recht auf Teilhabe erkämpfen. Und einige kämpfen heute noch. Oder – ich komme am Beispiel türkischstämmiger Migranten, am Beispiel Özil – darauf zurück: müssen wieder darum kämpfen.

Ich will gar nicht den großen sporthistorischen Bogen aufmachen – das behalte ich mir für ein künftiges Buchprojekt vor. Ich will heute tatsächlich nur über Mesut Özil reden. Und ich glaube, dass man am Fall Özil, selbst wenn man ihn, wie ich heute, nur auf einen Aspekt reduziert, sehr viel über Sport, über Gesellschaft, über Politik sagen kann.

Wann spielte der erste türkischstämmige Fußballprofi in der deutschen Nationalelf? Arbeitsmigranten aus der Türkei gibt es in Deutschland seit den 1960er Jahren, aber der erste Nationalspieler mit türkischen Wurzeln kam bemerkenswert spät. Es war im Juni 1999, es war Mustafa Dogan, damals bei Fenerbahce Istanbul unter Vertrag, und es war beim Confed Cup, bei einem Spiel gegen die USA. Dogans zweiter Einsatz war beim EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei in München. Es war nur noch eine Minute zu spielen, und es war sportlich völlig sinnlos, als Bundestrainer Erich Ribbeck beim Stand von 0:0 einen Manndecker einwechselte.

Warum tat er das? Weil Mustafa Dogan „Türke“ war, korrekt muss man natürlich sagen: türkischstämmig, seit 1992 war Dogan Deutscher. Aber die Umgangssprache spricht ja immer von „Türken“. Ribbeck brachte Dogan, weil nach dem Weltmeistertitel 1998 für Frankreichs „équipe multiculturelle“ – bei gleichzeitigem Scheitern Deutschlands mit einer, wie man sagen muss, ethnisch reinen Truppe –, Handeln angesagt war. Dogans Einwechslung war ein Zeichen, dass auch der DFB – traditionell rechts und deutschnational – bemerkt hatte, dass er um eine Modernisierung nicht herum kommt.

Yildiray Bastürk aus Herne, Ümit Davala aus Mannheim, Ilhan Mansiz aus dem Allgäu

Ottmar Hitzfeld hatte 1998 gesagt: „Wir verzichten auf 50 Prozent unseres Nachwuchspotenzials.“ Experten wie ihm fiel auf, dass der türkische Fußball einen Aufschwung nahm. Und dass Galatasaray Istanbul 2000 den UEFA-Cup gewann und die Türkei 2002 WM-Dritter wurde, fiel nicht vom Himmel. Und schon Ende der 1990er Jahre war zu beobachten, dass auch Spieler, die in Deutschland das Kicken gelernt hatten, Anteil an diesem Aufschwung hatten: Yildiray Bastürk aus Herne, Ümit Davala aus Mannheim, Ilhan Mansiz aus Kempten im Allgäu.

In Deutschland lebten schon damals knapp drei Millionen Menschen türkischer Herkunft – mit deutscher oder türkischer Staatsangehörigkeit. Aber so richtig hatte der DFB an ihnen kein Interesse. Mustafa Dogan hat danach nie wieder ein Länderspiel bestritten.

Der zweite deutsche Nationalspieler türkischer Herkunft war Malik Fathi von Hertha BSC, es war das Jahr 2006. Genauer: im August, also nach der als Sommermärchen gefeierten großen Modernisierung des deutschen Fußballs – inklusive der deutschen Gesellschaft. Auch Malik Fathi kam gerade mal auf zwei Einsätze in der deutschen Nationalmannschaft.

Kleiner Exkurs: Migrantenkinder spielten auch in der Sommermärchenelf – Odonkor, Podolski, Klose. Soziologisch interessant ist aber: Podolski und Klose, beide polnischstämmig, waren Söhne von Fußballprofis, wie auch heute Leroy Sané. Da findet in jeder Hinsicht eine ganz andere Integration in den Vereinsfußball statt, wenn ein Exprofi seinen Sohn vorbeibringt, wenn dieser Sohn schon eine gute motorische Grundausbildung hat, wenn er psychisch und mental mit den Gepflogenheiten professionellen Fußballs vertraut ist etc.

Die Menschen, die man umgangssprachlich als „die Türken“ bezeichnet, machten damals wie heute etwa drei Prozent der deutschen Bevölkerung aus. Das ist nicht viel, aber: Im heute wie damals stärker proletarisch geprägten Fußball ist ihr Anteil noch größer.

Interessant ist aber: Zur Konkurrenz durch die türkische Profiliga bzw. der türkischen Nationalelf gesellte sich das Phänomen, dass in den 1980er Jahren gerade in Großstädten etliche von Migranten selbst organisierte Vereine entstanden. Der erste war Türkiyemspor in Berlin, ein Kreuzberger Arbeiterclub.

Der „Fußballdeutsche“ wird geschaffen

Als Türkiyemspor sich 1987 tatsächlich Hoffnungen auf den Aufstieg in die zweite Bundesliga machen konnte, stellte er den DFB vor ein massives Problem: In der Regionalliga (damals die dritte Liga) durfte das Team, das fast nur aus Türken bestand, mittun, aber im bezahlten Fußball, also in der ersten und zweiten Bundesliga, erlaubte der DFB damals nur zwei Ausländer – angeblich zum Schutz der Nationalmannschaft. In jenem Jahr schuf der DFB eine Lex Türkiyemspor: Der „Fußballdeutsche“ wurde geschaffen. Wer über sechs Jahre lang in Deutschland lebte, galt für den DFB als Deutscher und durfte in der Bundesliga antreten. Türkiyemspor stieg damals leider nicht auf.

Im Profibereich war es nicht der DFB, nicht der Druck durch Klubs wie Türkiyemspor, sondern der Fall Bosman, das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das für eine Öffnung und Liberalisierung sorgte. Beim DFB, das ist, glaube ich, nicht allzu übertrieben formuliert, waren die „Türken“ immer noch nicht gewollt.

Vor diesem Hintergrund muss man sehen, dass die 2007 erfolgte Entscheidung des damals 18-jährigen Mesut Özil, sich in Richtung deutsche Nationalmannschaft zu orientieren, nicht so selbstverständlich war, wie sie vielleicht heute anmutet.

Theo Zwanziger, damals DFB-Präsident, bedauerte damals, dass nicht alle Talente genommen werden. Von anderen Stimmen im DFB war dagegen zu hören, dass man nicht jedem hinterherrennen müsse.

Özil wurde 1988 in Gelsenkirchen geboren. Sein Vater kam im Alter von zwei Jahren als Sohn eines Arbeitsmigranten nach Deutschland, ins Ruhrgebiet. 2007 gab Mesut Özil seinen türkischen Pass ab und behielt nur den deutschen. Auch der türkische Verband hatte sich um das Mittelfeld-Talent bemüht, aber Mesut und sein Vater Mustafa setzten auf die schwierigere, anspruchsvollere, aber sportlich attraktivere – wenn auch auch riskantere – Variante: den DFB.

Mustafa Özil sagte damals in einem Interview mit dem Magazin „Rund“: „Mesut hatte es schwerer als andere. Das gilt für alle Spieler mit ausländischen Wurzeln: Sie müssen sich doppelt so sehr anstrengen, um berücksichtigt zu werden. Sie müssen viel mehr tun, um die Chance zu erhalten, sich weiterzuentwickeln. Das sage ich nicht aus dem Bauch heraus. Das ist eine Tatsache, die ich jahrelang beobachten musste.“ Mustafa Özil erinnerte auch daran, dass es in den 1970er Jahren für türkischstämmige Familien, auch wenn sie zu Wohlstand gekommen waren, fast unmöglich war, in einer sogenannten besseren Wohngegend zu leben. „Sie mussten alle in die Randgebiete – und sich später den Vorwurf anhören, sie würden sich abschotten.“

Mesut Özil berichtete im selben Interview, er habe sich von der türkischen Community Worte wie „Verräter“ anhören müssen.

Mustafa Özil sagte, mit der Entscheidung Mesuts, für den DFB zu spielen, sollte der Integrationsprozess vorangetrieben werden. „Und wenn Mesut dann mit der Nummer zehn in der deutschen U19 aufläuft, hat das tatsächlich auch eine gewisse Signalwirkung: Wir haben uns entschieden, diesen Weg zu gehen, damit andere sich trauen.“

Das alles war 2007. Und was danach kam, war bekanntlich nicht nur die Nummer zehn in der U19. 2014 wurde Deutschland mit Mesut Özil als zentralem Spieler Weltmeister. Özil, dessen Karriere bei Schalke 04 begonnen hatte – danach ging er zu Werder Bremen –, spielte später bei Real Madrid und nun bei Arsenal FC.

Özil war ein „Integrationsvorbild“ – der Begriff fällt sehr oft.

Keine „Soccer Mums“ im dicken Volvo

Von dem Leipziger Soziologen Frank Kalter gibt es eine Studie zu Migranten im deutschen Ligenfußball: „Chancen, Fouls und Abseitsfallen“ (2003). Ihm sind die sogenannten „Mobilitätsfallen“ aufgefallen. Das sind teils vermeintlich kleine Dinge, etwa dass türkische Väter manchmal nicht die Möglichkeit hatten, ihre Jungs – oder gar Mädchen – zu Spielen oder zum Training zu fahren.

Kleiner Einschub zu dem, was ich von Andy Markovits über den US-Fußball bzw. über die Voraussetzungen, die es braucht, um eine Fußballentwicklung auf den Weg zu bringen, gelernt habe. In der soziologischen Figur der „Soccer Mums“ offenbart sich, wie wichtig engagierte Eltern für talentierte Kids sind: Sie brauchen Zeit und sie brauchen die materiellen Voraussetzungen – das drückt sich bei der Soccer Mum im dicken Volvo aus.

Zu den „Mobilitätsfallen“ gehört auch, dass es oft tradierte Diskriminierungserfahrungen gibt, dass also sich die Väter daran erinnern, wie sie nicht in einem Verein oder einer Verbandsauswahl mitspielen durften oder schlecht gefördert wurden.

Und eine weitere Mobilitätsfalle: In Jugendmannschaften wirkt eben nicht, wie der DFB so gerne behauptet, das reine Leistungsprinzip. Gerade wenn ehrenamtliche Trainer Teams betreuen, wird nicht nur auf die sportliche Leistung geschaut. Zwei Beispiele, die beide Otto Addo erzählt hat, in Hamburg geborener früherer ghanaischer Nationalspieler: Ein türkischstämmiger Mitspieler von ihm in der A-Jugend und bei den Ersten Herren galt als Talent und hatte bald einen Stammplatz – aber einmal hat er sich beim Trainer über „Türkenwitze“ beschwert, die in der Kabine gerissen wurden. „Danach galt er als Stressmacher.“ (Addo). Oder er selbst: Addo berichtet, dass er sich über sogenannte „Negerwitze“ nicht beschwert hat. „Wenn man nach oben wollte, musste man einstecken können.“

Vielleicht hilft zur Entschleierung des „Mythos Leistungsprinzip“ im Fußball eine andere Beobachtung, die auch von Frank Kalter stammt und die – ausnahmsweise – einmal nichts mit Rassismus zu tun hat: In welchen Monaten des Jahres sind die meisten Bundesligaprofis geboren? (Zumindest gilt die Antwort noch in den sogenannten Nullerjahren – wie es jetzt ist, weiß ich nicht.) Sie werden vermuten, dass sich das auf alle zwölf Monate gleichmäßig verteilt, aber richtig ist September und Oktober.

Der Grund ist, dass bis 1997 der Stichtag für die Einteilung der Nachwuchsjahrgänge der 1. August war. Da waren August-, September-, Oktoberkinder den anderen Kinder- und Jugendkickern ein Jahr voraus – und wurden von den Trainern mehr gefördert. Dass für türkisch-, arabisch- und andersstämmige Jugendliche noch mehr Mobilitätsfallen aufgestellt waren und sind, wundert nicht.

Darf so einer für Deutschland spielen?

Zurück zu Mesut Özil. Wenn es, wie so gerne behauptet, nur um das reine Leistungsprinzip im Sport ginge, hätten wir keinen Özil-Diskurs gehabt in den vergangenen Monaten. Die Nationalelf war bei der WM in Russland vorzeitig ausgeschieden, aber Spielanalysen, die etwa Özils Verein, der Premier-League-Klub Arsenal FC, angestellt hat, zeigten: Gerade seine Bilanz war gut. Viele Pässe, die zu Torschussszenen führten, eine hohe Zahl angekommener Pässe, viele gewonnene Zweikämpfe.

Aber Özil rückte von Beginn an in den Mittelpunkt der in Deutschland herrschenden Sicht auf die WM – schon vor dem Ausscheiden, und das hing sehr mit dem Erdogan-Foto zusammen. Dass Özil stärker in die Debatte über das Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten rutschte als etwa Ilkay Gündogan, der auch zu diesem Fototermin erschienen war und noch ein Trikot überreicht hatte, auf dem „Mein Präsident“ stand – sowohl Gündogan als auch Özil sind in Deutschland geboren und haben nur die deutsche Staatsbürgerschaft –, das ist schwer zu erklären.

Es mag mit dem Umstand zu tun haben, dass Gündogan sich bald entschuldigend erklärte, Özil aber schwieg. Es mag auch daran liegen, dass Gündogan als intelligent gilt, der hat Abitur; Özil hingegen hat Realschulabschluss und gilt (ohne dass das jemals jemand begründet hätte!) als nicht so intelligent oder zumindest eloquent.

Ein Aspekt mag auch sein, dass Özil ein bekennender Muslim ist, der schon einen Haddsch nach Mekka gemacht hat und der auch, so wird zumindest erzählt, von einer deutschen Freundin einmal verlangt habe, sie solle Muslimin werden (ob das stimmt, weiß ich nicht, jedenfalls war die junge Frau, mit der er nicht mehr zusammen ist, konvertiert.)

Es mag auch damit zusammenhängen, dass Özil der sportlich wichtigere Spieler war, beim WM-Titelgewinn 2014 einer der entscheidenden Spieler. Und es kann, auch diesen Aspekt sollte man nicht unterschätzen, damit zusammenhängen, dass Mesut Özil in weiten Teilen der türkischen Community in Deutschland als Vorbild gilt, als einer, der es geschafft hat.

Jedenfalls haben wir eine Özil- und keine Gündogan-Debatte. Und die rankte sich recht bald schon, also schon vor der WM und kurz nach dem Erdogan-Foto, um die Frage der Teilhabe. Darf so einer mitmachen, darf so einer für Deutschland spielen?

Dieses „für Deutschland“ spielt eine enorme Rolle im Diskurs. Dass Özil bei Arsenal in der Premier League spielt, dass er bei Real Madrid eine zentrale Figur war und dass Cristiano Ronaldo weinend gegen die Entscheidung des Real-Vorstands protestiert haben soll, als dieser geniale Vorlagengeber wegging – das spielte keine Rolle.

„Für Deutschland“, darum ging es. Dass er „undeutsch die Schultern hängen“ lasse, wurde ihm vorgeworfen. Der Journalist Claus Strunz, immerhin mal „Bild am Sonntag“-Chefredakteur und jetzt bei Sat.1, erklärte kategorisch: „Mesut Özil gehört nicht zu Deutschland!“ und nahm damit den merkwürdigen Diskurs auf nach einer Äußerung des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, der Islam gehöre zu Deutschland. Strunz verstieg sich noch zu der Behauptung, Deutschland sei 2014 Weltmeister geworden, weil es „vor vier Jahren es noch keine Flüchtlingskrise gab“.

„Schwuler Fußball“

Dass Özil auf dem Platz nicht die „deutschen Tugenden“ verkörpere, war beinah allgemeiner Tenor, auch in der Sportöffentlichkeit, also in vielen Sportteilen von Tageszeitungen. Dass er ein „Alibi-Kicker“ sei, der seit Jahren nur „Dreck“ spiele, sagte etwa Bayern-München-Präsident Uli Hoeneß. Dass er sich anscheinend im DFB-Trikot nicht wohlfühle, attestierte ihm Lothar Matthäus. Dass er eine „Körpersprache wie ein toter Frosch“ habe, also nicht maskulin, hart, sondern beinah feminin, bescheinigte ihm Mario Basler.

Das ist nicht nur das Dummgeschwätz früherer Nationalspieler. Es reiht sich ein in eine allgemeine Kritik an der Entwicklung des Fußballs, speziell des deutschen Nationalmannschaftsfußballs der letzten zwölf, vierzehn Jahre. Bemerkenswert oft ist in diesem Zusammenhang das Wort „schwul“ zu hören. „Schwuler Fußball“ meint: Der Fußball ginge seiner Besonderheit des Männersports verlustig, der nur von richtigen Kerlen betrieben würde. Übrigens: Auch der Philosoph und Publizist Wolfram Eilenberger hatte vor einer „Feminisierung“ des Fußballs gewarnt, die er durch Pep Guardiola, den zeitweiligen Bayern-München-Trainer, kommen sah.

Das ist auch deswegen irritierend und eigentlich richtig doof, weil die Bilanz des DFB-Auswahl-Fußballs exzellent ist: Bei der WM 2006 mit Jürgen Klinsmann und Jogi Löw wurde überraschend Platz drei erreicht. Es folgten: 2008 EM-Finale, 2010 WM-Halbfinale, 2012 EM-Halbfinale, 2014 Weltmeister, 2016 EM-Halbfinale, 2017 Gewinn des Confed Cup.

Erwähnen sollte man auch noch, dass Jürgen Klinsmann und Jogi Löw nur deswegen ihr Reformprogramm für den deutschen Fußball starten konnten, weil vor ihnen alle krachend gescheitert waren: Berti Vogts, Erich Ribbeck, Rudi Völler. Wie umstritten die Besetzung des Bundestrainerpostens war, kann ich hier nicht nachzeichnen, dabei wäre das ein sehr spannendes Forschungsthema: Namen wie Paul Breitner wurden gehandelt, einer wie Christoph Daum war faktisch schon berufen, stolperte über eine Kokain-Affäre und über den Widerstand, der ihm von Bayern München entgegengebracht wurde.

Wie sehr die – ja tatsächlich erfolgreiche – Modernisierung des deutschen Fußballs, die mit dem Namen Löw verbunden ist, manche störte, zeigte sich in der Äußerung von Uli Hoeneß nach dem WM-Aus 2018 und dem Özil-Rücktritt: Er sei „froh, dass der Spuk vorbei ist“. Es kulminierte tatsächlich viel in der Person Mesut Özil. Der Sporthistoriker Diethelm Blecking spricht von einer „virtuellen Ausbürgerung“ Özils. Dass sich also alles gegen Özil richtete – obwohl es ja auch AfD-Hetze gegen Jérôme Boateng gab – , dürfte daran liegen, dass bei ihm so vieles zusammenkam.

Betrachten wir für einen Moment den fußballerischen Aspekt all der Angriffe gegen Özil, den Vorwurf, dass er ein eher körperloses, also kaum zweikampforientiertes Fußballspiel betreibe. Dass er einem Zweikampf eher aus dem Weg gehe, eher einen Schritt zurückgehe, um einen raumöffnenden Pass zu schlagen. Dazu gibt es historische Parallelen. Es ist immer gewagt, mit solchen Vergleichen zu arbeiten, aber einen Blick sind sie allemal wert. Eine Parallele zeigt sich in dem Österreicher Matthias Sindelar.

„Das soll ein Fußballer sein?“

Der Stürmer von Austria Wien – Spitzname „Der Papierene“ – machte von 1926 bis 1938 für Österreich 44 Länderspiele. Sein letztes war das sogenannte Versöhnungsspiel: Am 3. April 1938 vor 60.000 Zuschauern in Wien, kurz nach dem „Anschluss“, spielte letztmalig eine eigenständige österreichische Mannschaft, ehe sie in der Elf des Dritten Reiches aufging. Angeblich gab es die Weisung, dass Österreich kein Tor erzielen solle. Sindelar jedenfalls vergab in der ersten Halbzeit eine Unzahl hoch- und höchstkarätiger Chancen – als ob er die österreichische Überlegenheit und das Verbot, zu siegen, offensichtlich machen wollte. In der zweiten Halbzeit traf er zum 1:0. Und nach dem 2:0 vollführte er „vor der Ehrentribüne, auf der zahlreiche Nazigrößen das Spiel verfolgten, wahre Freudentänze“, wie der Historiker Nils Havemann schreibt. Im paritätisch zusammengesetzten „Großdeutschland“-Team sah Sindelar für sich keinen Platz. Als Reichstrainer Sepp Herberger 1938 Sindelar beim Training sah, soll er ausgerufen haben: „Das soll ein Fußballer sein?“

Später notierte Herberger, der von seinen Spielern Einsatz und Zweikampfhärte verlangte (und ohnehin mit dem eleganten „Scheiberlspiel“ der Österreicher nichts anfangen konnte), über die Weigerung des „Papiernen“, für ihn zu spielen: „Fast hatte ich den Eindruck, als ob es Unbehagen und Ablehnung im Zusammenhang mit der politischen Entwicklung wäre, die ihn bedrückten und seine Ablehnung veranlassten.“ Das klingt sehr ähnlich wie Lothar Matthäus, der Mesut Özil bescheinigte, er fühle sich unwohl im DFB-Trikot.

Am 23. Januar 1939 wurde Sindelar tot in seiner Wohnung gefunden. Viele vermuten, dass er sich gemeinsam mit seiner Freundin Camilla Castagnola, einer katholischen Italienerin, die den Nazis als „Halbjüdin“ galt, mit Gas vergiftet hatte. Historisch sicher ist das nicht. Ich will da nicht spekulieren.

Der Historiker Rudolf Oswald hat jedoch gezeigt, dass der fußballerische Gegenentwurf zum körperlosen, eleganten, femininen Spiel, also die berühmten „deutschen Tugenden“, seinen „Ursprung im Volksgemeinschaftsideal“ hat. Schon 1934 hatte der einflussreiche Sportfunktionär Guido von Mengden „die Abkehr vom rein Technischen und Artistischen“ gefordert, das Spielsystem müsse „aus dem Geist des neuen Deutschland geboren sein“. 1935 lobte der „Kicker“ „das deutsche Wesen“, weil es nämlich „geradlinig, nicht verspielt und auf Ballartistik aus“ sei. Diese kämpferisch-kollektive Spielanlage, hat Oswald nachgewiesen, zeigte sich bis 1954, als Deutschland damit zum ersten Mal Weltmeister wurde. Geprägt wurde die Spielanlage von Sepp Herberger, und gelobt wird sie bis heute: körperbetont, zweikampfstark, nicht für die Galerie spielend, keinem Konflikt aus dem Weg gehend, nicht tänzelnd.

„Deutsche Tugenden“ auch im Schach und der Physik

Ähnliches gab es übrigens in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch – und mir ist nicht leicht erklärlich, warum das kaum bekannt ist: Im Boxen etwa fanden sich NS-Theoretiker, die den „deutschen Faustkampf“ propagierten, das mannhafte Sich-dem-Gegner-Stellen, die Verabscheuung des Tänzelns und Ausweichens. Es gab das im Schach, wo gelehrt wurde, das „feige jüdische Remis“ zu verachten und zielstrebig das Matt zu suchen. Es gab das in der Physik, wo die „jüdische Relativitätstheorie“ abgelehnt wurde – zugunsten arischer Physik, die klar und entschieden sei. Und eben, wie gezeigt, auch im Fußball.

Undeutscher Fußball – schon ist man wieder in der Özil-Debatte. Von der vermeintlich rein unpolitischen Fußballbetrachtung kommend, tut sich auf einmal eine enorme politische Gefahr auf.

Ich hoffe, ich konnte zeigen, inwiefern der Özil-Diskurs illustriert, dass der Schwenk einer Gesellschaft zu einer unmodernen, zu einer rassistischen Gesellschaft – eine Entwicklung, die ich gegenwärtig mit enormer Angst sehe – nicht oder nicht nur aus der Politik kommt, sondern dass alle gesellschaftlichen Bereiche solche Ausgrenzung produzieren. Dass, wenn über das Recht der Teilhabe am Sport gesprochen wird, das für talentierte Migranten gilt, ein zutiefst undemokratischer und rassistischer Rollback stattfindet.

Foto: Sadija Kavgic

Ich bin also, ganz am Ende, bei einer großen Gemeinsamkeit von Andy Markovits und mir angelangt: Dass wir, seit wir uns kennen, der tiefen Überzeugung sind, dass man sich den Sport als Sport mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten, Entwicklungen, Besonderheiten etc. anschauen muss, um ihn zu begreifen und die Gesellschaft, in der er entstanden ist.

Sport ist immer integraler Bestandteil gesellschaftlicher und politischer Entwicklung – im Guten wie im Schlechten. Der Sport ist „Motor und Impulssystem für Emanzipation und Diskriminierung“, so der Titel der Wiener Vorlesungen von Andy Markovits (2011)

Sie haben es bemerkt: Wir haben jetzt „nur über Fußball gesprochen.“ Und wir haben doch einiges herausgefunden.

Vielen Dank!

Martin Krauß, Jahrgang 1964, lebt als Journalist in Berlin. Er arbeitet regelmäßig für die „Jüdische Allgemeine“, die „tageszeitung“ und schreibt Bücher über sporthistorische und -politische Themen. Im Verlag Die Werkstatt erschienen u.a. „Schmeling. Die Karriere eines Jahrhundertdeutschen“ (2005) und „Kampftage. Die Geschichte des deutschen Berufsboxens“ (zusammen mit Knud Kohr, 2000). martinkrauss.de 

Als weiterführende Lektüre zum Fall Özil sei das gleichnamige Buch von Dietrich Schulze-Marmeling empfohlen.

 

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