Wenn die Körpersprache stimmt. Oder auch nicht.

Bernd-M. Beyer: Körpersprache mangelhaft!

von Bernd-M. Beyer – Ich gebe es zu: Meine Körpersprache ist ein einziges Elend. Meine Schultern hängen nach unten und auch noch nach vorn; mein Gang ist gebeugt und schlurfend, mein Blick gesenkt. Gegen mich ist Mesut Özil ein aggressives Ausrufezeichen.

Ich weiß nicht, warum das so ist; einen Psychologen habe ich deswegen nie konsultiert. Ich bin schon als Kind so dahergelaufen, meine Oma hat vergebens versucht, es mir auszutreiben. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich seinerzeit kindliche Minderwertigkeitskomplexe geplagt hätten. Es war einfach so. Vielleicht messe ich aus diesem Grund der Körpersprache keine besondere Aussagekraft zu. Unglücklicherweise befinde ich mich damit im Gegensatz zur großen Mehrheit des deutschen Fußballvolks. Und seiner Kommentatoren im Fernsehen.

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WM-Fußball und Ballbesitz

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling Während und nach der WM wurde das Ende des Ballbesitzfußballs diagnostiziert. Dass dieses Turnier wegweisend für die weitere Entwicklung des Fußballs war, bezweifle ich. Russland 2018 war eine zweitklassige Veranstaltung, auf der Turnierfußball gespielt wurde. Folglich kann so manche Lehre auch nur auf den Turnierfußball Anwendung finden.

Die WM 2018 war einfach keine für Mannschaften, die ihre Tore erspielen wollten. Gegen defensiv gut stehende Teams fielen die Tore zu häufig nach Standards. Erspielt wurden Ecken, Freistöße und Einwürfe. Hoch aufgeschossene Innenverteidiger wurden so zur wichtigsten Angriffswaffe. Mancher erblickte darin einen neuen Trend. Aber es war eher ein Indiz für einen Mangel an spielerischer Qualität. Bei der WM fielen 45 Prozent der Tore nach Standardsituationen. In der Bundesliga waren es in der Saison 2017/18 lediglich 30,6 Prozent, in der Premier League sogar nur 26 Prozent. Je besser der Fußball, desto geringer die Zahl der Tore, die aus Standardsituationen resultieren.

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Meine Trainer der Saison: Niko Kovac und Julian Nagelsmann

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Niko Kovac und Julian Nagesmann sind meine Trainer der Saison. Es ist schon irre, wie das, was Kovac in Frankfurt seit seinem Amtsantritt im März 2016 geleistet hat, in den letzten Wochen kleingeredet wurde. Der achte Platz in der Bundesliga ist mehr, als ich von der Mannschaft vor der Saison erwartet hatte. Klar, zwischendurch lag man sogar mal auf einem Champions-League-Platz. Aber niemand konnte ernsthaft glauben, dass es dabei bis zum letzten Spieltag bleiben würde.

Es ist jedes Jahr das gleiche Spiel: Eine Mannschaft, die irgendwo zwischen Platz acht und 14 einzuordnen ist, erlebt zwischenzeitlich einen Höhenflug. Drei Siege in Folge können die Tabelle ziemlich durcheinanderwirbeln – aber die wahren Verhältnisse repräsentiert diese erst nach Ablauf von 34 Spieltagen. Doch schon küren einige Medien das Team zu einem ernsthaften Champions-League-Kandidaten, obwohl wir es nur mit einer Momentaufnahme ohne große Bedeutung zu tun haben. Die Europa League wird nun zum Minimalziel. Nicht für Verein und Trainer, sondern für die Medien. Wenn dann am Ende „nur“ das Maximum des bei realistischer Betrachtung Möglichen erreicht wird, heißt es: Da war mehr drin! Es wurde behauptet, die Eintracht habe in den letzten Wochen geschwächelt, weil Kovac seine Spieler „platt trainierte“. Wie bereits in der Saison 2016/17. Aber hätte Kovac die Eintracht nicht so trainiert, wie es nun kritisiert wurde, hätte diese möglicherweise deutlich weniger Punkte eingefahren. Vielleicht drei, vier Punkte mehr zum Ende der Saison, aber vielleicht auch fünf, sechs Punkte weniger davor. Wann die Punkte eingefahren werden, ist ja eigentlich nebensächlich. Wichtig ist, dass sie eingefahren werden. Am Ende waren es immerhin 49.

Trainingssteuerung geändert

Kovac hat die Trainingssteuerung rechtzeitig vor dem Pokalfinale geändert – auch auf Bitten von einigen Spielern. Wie die Eintracht NACH dem Ausgleich der Bayern gespielt hat, spricht allerdings nicht für die Behauptung, Kovac habe die Mannschaft vorher restlos „platt trainiert“. Ohnehin lässt sich ein deutlicher Unterschied zur Saison 2016/17 konstatieren. Damals holte die Eintracht in der Hinrunde 29 Punkte (Platz 5), in der Rückrunde aber nur 13 (Platz 18). 2017/18 gestaltet sich das Verhältnis von Hin- zur Rückrunde deutlich ausgeglichener: 26 Punkte in der Hinrunde (Platz 8), 23 Punkte in der Rückrunde (Platz 9). Der „Einbruch“ kam deutlich später. Und auch in dieser Phase reichte es immerhin noch zu Siegen im Halbfinale und Finale des DFB-Pokals sowie einem 3:0-Sieg am 33. Spieltag gegen einen wiedererstarkten Hamburger SV.

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Quo vadis, Juniorenfußball?

von Peter Hyballa und Dietrich Schulze-Marmeling – Gibt es eigentlich noch eine Unterscheidung zwischen Senioren- und Juniorenfußball? Oder wird der Nachwuchsfußball immer mehr zum Seniorenfußball? In der U19-Bundesliga genügen manchmal schon drei Niederlagen in Folge, damit sich auch hier das Trainerkarussell dreht. Die U19 des Profiklubs XY gewinnt in dieser Saison nicht die Meisterschaft. Aber im Gegensatz zur Meisterelf vom Vorjahr sind drei Spieler dabei, die es in die 1. Mannschaft bzw. in den Profibereich schaffen – dank guter Ausbildungsarbeit. Wovon der Klub eigentlich mehr hat als von einem Junioren-Meistertitel, der lediglich der Imagepflege dient. Aber häufig wird nur das Mannschaftsergebnis gesehen – nicht die individuelle Entwicklung von Spielern. Bereits im Nachwuchsfußball werden Trainer danach beurteilt, wie viele Titel sie eingefahren haben. Leute, die eigentlich primär ausbilden sollen, werden zu Titeltrainern, betreiben primär Titelarbeit.

Wenn es aber in erster Linie um die Mannschaftsleistung, Ligazugehörigkeit und den Tabellenplatz geht, muss man sich nicht wundern, wenn sich auch in den Juniorenklassen ein Fußball ausbreiten kann, wie er derzeit in der Bundesliga beklagt wird. Ein von Angst geprägter Fußball, der übermäßig das Spiel „gegen den Ball“ betont (anstatt das Spiel mit dem Ball), auf lange Bälle und die „zweiten Bälle“ setzt.

Sogar Trainer in den Altersklassen U11 und U13 bilden häufig nicht individuell aus, sondern betreiben in erster Linie Titeljagd. Für die Spieler aus aller Herren Länder geholt werden. Nach Möglichkeit solche, die über eine für ihr Alter beeindruckende Physis verfügen. Schließlich will man später mal die U17 oder U19 des Klubs übernehmen. Und die Empfehlung für diesen Job läuft über Titel. Den U11- und U13-Trainer kennen lediglich die Eltern und noch einige Insider. Die „großen Trainer“ sind die, die in der Junioren-Bundesliga in der Coaching-Zone stehen. Hinzu kommt, dass es für junge Trainer leichter geworden ist, in den Profibereich aufzusteigen. Siehe Julian Nagelsmann, siehe Domenico Tedesco. Was im Prinzip eine erfreuliche Entwicklung ist. Aber gemessen an der Gesamtzahl hochgradig qualifizierter Trainer handelt es sich um einen sehr geringen Prozentsatz. Heute möchte jeder Profitrainer werden. Aber auf dem Weg dorthin wird manchmal vernachlässigt, was die eigentliche Aufgabe eines Nachwuchstrainers ist.

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Niko Kovac: Anmerkungen zu einer (vermeintlichen) C-Lösung

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Mit Niko Kovac wird im Sommer 2018 eine C-Lösung neuer Trainer des FC Bayern. Ob der ehemalige Bayern-Spieler tatsächlich nur Trainer wurde, weil Heynckes nicht mehr wollte, Klopp vertraglich gebunden war und Tuchel keine Lust auf Uli Hoeneß hatte, sei dahingestellt.

Sicher ist, dass der deutsche Markt nicht wirklich viel hergab. Und für nicht-deutsche Toptrainer hat die Bundesliga möglicherweise an Attraktivität verloren. Real Madrid und der FC Barcelona sowieso, aber auch die Topadressen der Premier League ziehen mehr als der FC Bayern. Vielleicht sogar Paris St. Germain.

Aber der Kandidatenkreis war von vorneherein eingeschränkt, weil die Bayern einen Trainer wollten, der die deutsche Sprache beherrscht.

Kovac und die Eintracht

Kovacs Amtszeit bei Eintracht Frankfurt begann am 8. März 2016. Der Deutsch-Kroate trat die Nachfolge von Armin Veh an. Vorausgegangen waren sieben sieglose Spiele. Die Eintracht steckte tief im Abstiegskampf, lag nach 25 Spielen auf Platz 16, dem Relegationsplatz. Auch nach 34 Spielen war die Situation nicht besser. Unter Kovac holte die Eintracht aus den neun noch verbleibenden Spielen zwölf Punkte (von 27 möglichen), neun davon in den letzten vier Begegnungen. Die Eintracht befand sich also zunächst weiterhin im freien Fall, wenngleich am 27. Spieltag mit einem 1:0 über Hannover 96 endlich wieder ein Sieg gelang. In den neun Spielen unter Kovac traf die Eintracht nur sechsmal ins gegnerische Tor. In fünf Spielen blieb sie ohne Torerfolg. Die Relegationsspiele gegen den 1.FC Nürnberg wurden allerdings erfolgreich bewältigt.

In die Saison 2016/17 ging Kovac mit einem „extrem multikulturellen“ und – jedenfalls von außen betrachtet – ziemlich wild wirkenden Kader. Die Spieler kamen aus 17 Nationen. Kovac: „Jeder Spieler bringt etwas aus seiner Kultur ins Kollektiv mit. So ist es eine Bereicherung für uns alle.“ Außerdem dockte eine Reihe von Spielern nur auf Leihbasis in Frankfurt an. Der Kader war also alles andere als einfach. Nicht wenige hielten diesen Kader für kaum regierbar und prophezeiten den Frankfurtern eine schwere Saison. Umso überraschender war es, wie schnell es Kovac gelang, eine schlagkräftige Truppe zu formen. Die Eintracht belegte in dieser Saison Platz elf. Mit 43 Gegentoren war die Mannschaft auf Platz sieben, mit 36 geschossenen Toren auf Platz 13. Ihre Stärke lag somit in der Defensive. Der Beinahe-Absteiger der Vorsaison spielte eine starke Hinrunde (29 Punkte) und war nach 19 Spieltagen sogar Dritter. In den folgenden 15 Spielen ging die Eintracht allerdings nur noch zweimal als Sieger vom Platz. Zehnmal zog sie den Kürzeren, siebenmal ohne ein Tor zu erzielen. Aus den letzten fünf Bundesligaspielen holte die Mannschaft nur einen Punkt. Mit nur 13 Punkten fiel die Rückrunde deutlich schwächer aus als die Hinrunde. Allerdings erreichte sie das Pokalfinale, wo die Eintracht dem BVB nach einem guten Auftritt mit 1:2 unterlag.

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England, der Nachwuchs und die WM 2018

Ein Interview mit Raphael Honigstein

Raphael Honigstein

Raphael Honigstein, Jahrgang 1973, lebt seit 22 Jahren als Journalist, Fernsehexperte und Autor in London. Er berichtet u.a. für Spiegel Online, ESPN und BT Sport über den englischen und deutschen Fußball. Honigstein ist auch Autor einer exzellenten Jürgen-Klopp-Biografie („Ich mag wenn’s kracht“), die im Herbst 2017 bei Ullstein erschien. Weitere sehr lesenswerte Veröffentlichungen aus seiner Feder: „Der vierte Stern: Wie sich der deutsche Fußball neu erfand“ (ebenfalls Ullstein) und „Harder, better, faster, stronger – Die geheime Geschichte des englischen Fußballs“ (Kiepenheuer & Witsch 2006, erweiterte Neuauflage März 2017).

Kieran Schulze-Marmeling (KSM) sprach mit Honigstein (RH) über die jüngsten Erfolge des englischen Fußballnachwuchses, der 2017 gleich drei Titel abräumte und die Fans der Engländer im Vorfeld der WM 2018 träumen lässt.

 

KSM: Nachdem sich die „goldene Generation“ um Steven Gerrard, David Beckham, Frank Lampard oder Paul Scholes nach und nach verabschiedete, kamen große Sorgen um den englischen Fußball auf. Wie ist die aktuelle Fülle an Talenten, die nach oben streben, zu erklären?

RH: Seit der Einführung des „Elite Player Performance Plans“ (EPPP) im Jahr 2011 hat sich die Qualität der Nachwuchsspieler stetig verbessert. Der Plan erleichterte vor allem den größeren Klubs die gezielte Förderung von Talenten und öffnet auch die Tür für Spiele der Nachwuchsmannschaften gegen professionelle Teams der unteren Ligen, zum Beispiel in der Checker Trade Trophy. Besonders bei Manchester City und Tottenham werden Riesensummen in die Nachwuchsförderung gesteckt.

„Auch in Sachen Persönlichkeitsentwicklung und schulische Ausbildung gibt es weiterhin Defizite.“

KSM: Hat es konkrete strukturelle Veränderungen in der Nachwuchsarbeit Englands gegeben, die zum momentanen Erfolg geführt haben?

RH: Abgesehen von den strukturellen Veränderungen, die (bei den Spitzenklubs) nach und nach greifen, spielen auch spezielle Faktoren eine Rolle. Bei Tottenham, die gerade eine ganze Menge guter neuer Spieler in die Liga bringen, ist mit Mauricio Pochettino ein überzeugter Jugendförderer Trainer und dazu das Geld für größere Transfers etwas knapp. Die Spurs bauen gerade ein neues Stadion.

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Die Bundesliga – eine Halbzeitbilanz

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – „Verfall deutscher ‚Spitzenklasse!‘“, urteilten die Taktiknerds von spielverlagerung.de nach dem jüngsten Bundesligaduell zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund. Noch vor einigen Jahren seien diese Spiele „ein Augenschmaus“ gewesen. „Trainer bekriegten sich am Schachbrett; Spieler versuchten sich gegenseitig auszutricksen. Es ging darum, wer den Fußball hierzulande dominieren würde, wer schlauer als der andere ist.“

Als am 25. Mai 2013 im Finale der Champions League mit dem FC Bayern und dem BVB erstmals zwei deutsche Mannschaften aufeinander trafen, galt dies als Triumph des deutschen Klubfußballs über den spanischen. „El Pais“ titelte: „Adios Europa! Der Champion kommt aus Deutschland!“ Die internationale Presse dichtete Hymnen auf die Bundesliga. Schon damals wurde bezüglich der Spielstärke der Bundesliga etwas übertrieben. Dass „deutsche Finale“ kam auch zustande, weil das spanische Duo in dieser Saison schwächelte. Und der Premier League mangelte es noch an Trainern, die es verstanden, den Fußball ihrer Mannschaften auf die taktischen Anforderungen in Europa einzustellen.

In den folgenden Jahren erreichte nur noch der FC Bayern wenigstens das Halbfinale. 2015/16 war der seit dem Sommer 2013 von Pep Guardiola trainierte Rekordmeister vielleicht die beste Mannschaft Europas, scheiterte aber etwas unglücklich an Atlético Madrid.

Während seiner dreijährigen Amtszeit ließ Guardiola seine Bayern in diversen Systemen spielen, manchmal waren es in einem Spiel fünf oder sechs. Guardiolas Kollege Dieter Hecking: „Wenn ich die Bayern analysiert habe, wusste ich, wie sie anfangen. Aber ich wusste nie: Was machen sie nach 15 Minuten? Pep hat ja immer bewusst früh umgestellt, er wollte dem Gegner immer neue Aufgaben stellen.“ Laut Philipp Lahm stellte der Trainer „manchmal nur einfach so aus Spaß“ um. „Auch um zu zeigen, dass wir es können. Wenn es gut lief, wir zum Ende geführt und den Gegner an die Wand gespielt haben, stellte er eben noch einmal um. Aus Spaß am Spiel und um die Mannschaft weiterzuentwickeln.“ Möglich wurde dies, weil viele Spieler auch mal in andere Rollen als die angestammten schlüpften oder diese variantenreich interpretierten. Zumindest im Vergleich mit Real und Barça besaßen die Bayern einen schwächeren bzw. weniger mit individuellen Stars besetzten Kader. Was sie aber hatten, war ein exzellenter Trainer, der sein Ensemble auf eine spielerische und taktische Maximalhöhe trieb. Jogi Löw über die Guardiola-Bayern: „Sie haben die Champions League zwar nicht gewonnen, unter ihm aber als Verein einen Schritt nach vorne gemacht. Guardiola tat Bayern und der ganzen Liga gut.“

Ähnliches kann man auch über Thomas Tuchel sagen, der den BVB im Sommer 2015 übernahm, zu einer Vizemeisterschaft und einem Pokalsieg führte und in der Champions League Real Madrid ein Remis abtrotzte. Beim BVB war der Klopp’sche Fußball spätestens in der Saison 2014/15 an seine Grenzen gestoßen. Tuchel gelang überraschend schnell eine Reform des schwarz-gelben Spiels, das nun taktisch variabler wurde und – ähnlich wie das der Bayern – auf Dominanz und Ballbesitz setzte.

Die Bayern unter Ancelotti

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Mehmet Scholl und die „Studenten“

Dietrich Schulze-Marmeling

Von Dietrich Schulze-Marmeling – Mehmet Scholl prognostiziert den Untergang des deutschen Fußballs. Schuld seien die „Studenten“, die die Nachwuchsleistungszentren der Profiklubs übernommen hätten. Mit „Laptop-Trainern“ wie Domenico Tedesco und Hannes Wolf würde der deutsche Fußball „sein blaues Wunder erleben“. Vor allem in der Nachwuchsarbeit hätten solche Fußballlehrer nichts zu suchen: „Wir verlieren die Basis. Die Kinder müssen abspielen, sie dürfen sich nicht mehr im Dribbeln ausprobieren. Sie bekommen auch nicht mehr die richtigen Hinweise, warum ein Pass oder ein Dribbling nicht gelingt. Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärts laufen und furzen.“

Ja, es ist ein bisschen gemein. Aber bei Scholl kann ich mich nie des Eindrucks erwehren, dass hier ein Enttäuschter spricht. Jemand, der ein großer Spieler war und deshalb nicht verstehen kann, dass niemand auf die Idee kommt, ihm einen Job als Trainer- oder Ausbilder anzubieten. Scholl ist erst 47. Aber wenn er auf junge Trainer eindrischt, wirkt er häufig erstaunlich alt.

Trainer oder Spieler, das sind zwei ziemlich unterschiedliche Dinge. Eine erfolgreiche Spielerkarriere kann für den Trainerjob sehr hilfreich sein. Der Trainer sollte schon wissen, wie eine Fußballmannschaft funktioniert. Dafür muss er aber nicht auf höchstem Level gespielt haben. Viele große Ex-Spieler haben als Trainer wenig gerissen: Mario Basler und der von Scholl in höchsten Tönen gerühmte Stefan Effenberg sind nur zwei von vielen Beispielen. Der Trainer Lothar Matthäus war zwar etwas erfolgreicher als seine beiden ehemaligen Bayern-Kameraden, aber vom gleichnamigen Weltklassespieler trennt ihn trotzdem mehr als nur eine Liga. Umgekehrt waren auffallend viele erfolgreiche Trainer eher mittelmäßige Spieler: Volker Finke, Ralf Rangnick und Thomas Tuchel schafften es als Spieler nur in die dritte Liga, Jürgen Klopp kickte auch nur zweitklassig. Joachim Löw kam als Aktiver in der ersten Liga nie richtig an, wurde aber als Trainer immerhin Weltmeister. International kann man diese Liste noch u.a. durch José Mourinho und Alex Ferguson ergänzen.

Als Spieler eine Bereicherung

Mehmet Scholl hat als Spieler den deutschen Fußball bereichert. Als Trainer hinterließ er im Nachwuchsbereich des FC Bayern kaum Spuren. Finke, Rangnick, Tuchel, Klopp und Löw konnten Scholl auf dem Spielfeld nicht das Wasser reichen. Aber als Trainer haben sie dem deutschen Fußball wichtige Impulse gegeben.

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Interview mit Peter Hyballa

Peter Hyballa gibt Anweisugnen.

Peter Hyballa (40) ist seit Sommer 2016 Cheftrainer beim niederländischen Erstligisten NEC Nijmegen. Begonnen hat er seine Trainerkarriere im Nachwuchsfußball seiner Heimatstadt Bocholt. Anschließend trainierte Hyballa Preußen Münster U17, Arminia Bielefeld U19, Ramblers Windhoek (Namibia), VfL Wolfsburg U17 und U19, Borussia Dortmund U19, Alemannia Aachen (2. Bundesliga), Red Bull Juniors Salzburg, Sturm Graz, Bayer Leverkusen U19 und für fünf Bundesligaspieltage Bayers Profis (gemeinsam mit Sascha Lewandowski – mit dem Ergebnis von 13 Punkten aus fünf Spielen, wodurch die Werkself noch in die Quialifikation zur Champions League kam).

Desweiteren ist Hyballa Autor mehrerer Fußball-Lehrbücher (gemeinsam mit Hans-Dieter te Poel) und gibt Trainerfortbildungen im In- und Ausland. Er ist Mitglied beim deutschen sowie beim niederländischen Profitrainerverband BDFL und CBV und schreibt auch für die DFB-Fachzeitschrift „fussballtraining“.

Dietrich Schulze-Marmeling sprach mit Hyballa über Defizite und neue Herausforderungen in der Nachwuchsförderung, fehlende Dribbler, den niederländischen Blick auf den deutschen Fußball und anderes mehr.

DSM: Reden wir über Konzeptfußball….

Hyballa: Ich komme ja selber auch über Konzept. Aber wir müssen aufpassen, dass die Empathie im Fußball nicht verloren geht. Empathie ist noch immer das allerwichtigste. Danach kommen Matchplan, Taktik. Aber du merkst schon, dass die NLZ-Spieler (NLZ: Nachwuchsleistungszentrum, eine Einrichtung der Profivereine) von heute genau wissen wollen, was sie zu tun haben. Als Trainer schaust du dir ein Spiel an, denkst darüber nach, mit welchem Gegengift du der Dreierkette des Gegners begegnen kannst. Und dann fällt das entscheidende Tor durch einen abgefälschten Freistoß. Dann zerkleinerst du den abgefälschten Strafstoß in ganz viele Stückchen, und schließlich wird nicht mehr über den abgefälschten Freistoß geredet, sondern darüber wie dieser Freistoß zustande kam.

Vor allem in Nachwuchsleistungszentren, aber zunehmend auch in Profimannschaften benutzt man heute die Konzeptsprache. Warum? Junge Spieler wollen von ihrem Trainer einfach wissen, ob gegen einen Gegner mit Dreierkette der 9er oder der 10er draufgehen und der 8er hochschieben soll. Der 16-Jährige wird uns selbstverständlich fragen: „Trainer, der Gegner kommt im 4-4-2, laufen wir ihn im 4-4-1-1 an und wo steuern wir hin? Spielen wir einen Chipball oder Tiki-Taka?“ Die Spieler von heute sind Experten in Raum und Zeit im Kontext von Matchplänen geworden. Und sie merken, dass ihnen neuartige Sprachbilder, häufig selbst erfunden und sogar codiert und verschlüsselt abgesprochen und dargeboten, helfen, schnell, präzise, sicher und kooperativ auf dem Spielfeld zu handeln.

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Deutschland sucht den „Neuner“

Nummer 9
Dringend gesucht: neue „Neuner“ (Procsilas Moscas, via Flickr, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:T-shirt,_9.jpg)

von Dietrich Schulze-Marmeling (unter Mitarbeit von Kieran Schulze-Marmeling)

„Es wird nun im ganzen Land nach einem Torjäger gerufen, und in manchen Medien wird Joachim Löw zumindest eine Teilschuld daran gegeben, dass er diese Entwicklung aufgehalten hätte mit seiner Erfindung der ‚falschen Neun‘ in der Nationalmannschaft. Der Vorwurf ist einigermaßen absurd. Denn Löw hat nur darauf reagiert, dass nach Miroslav Klose kein weiterer Topmann stabil zur Verfügung stand.“ Jan Christian Müller in der „Frankfurter Rundschau“

Dem ist wenig hinzuzufügen. Aber schauen wir erst einmal, was das Fußballvolk bzw. die Millionen von Bundestrainern gemeinhin unter einem „Neuner“ (bzw. klassischen Mittelstürmer) versteht: Der Spieler sollte sich vorwiegend im gegnerischen Strafraum aufhalten sowie groß und kopfballstark (und damit ein Empfänger von Flanken) und ein „Knipser“ sein.

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