Deutsch dank Özil

Robert Claus

von Robert Claus – Seit dem blamablen Ausscheiden der DFB-Auswahl in Russland werden die Gründe für den sportlichen Misserfolg intensiv diskutiert. Besonders Mesut Özil steht dabei – wieder einmal – im Fokus der Debatte. Kritiker werfen ihm ein lustloses Spiel sowie fehlende Identifikation mit Deutschland vor, was nicht zuletzt daran festgemacht wird, dass er die Nationalhymne vor Spielbeginn nicht mitsingt. Unterstützer Özils hingegen halten fest, wie viele Zweikämpfe er gewonnen und Chancen er kreiert habe. Das kann man machen, es verfehlt aber einen zentralen Punkt in der Debatte: die Funktionsweise von Rassismus.

Der britische Soziologe Stuart Hall schrieb einmal, die weißen Engländer*innen seien nicht rassistisch, weil sie die Schwarzen hassten, sondern weil sie ohne die Schwarzen gar nicht wüssten, wer sie selber sind. Hall, im Februar 2014 verstorben, hätte mit seinem Ausspruch auch die Debatte um „Integration“ in Deutschland meinen können. Beispiele gefällig?

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Anmerkungen zum deutschen Ausscheiden

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Ich gehe mal davon aus, dass das hier Geschriebene vielen zu seicht ist. Zu wenig Prügel für den Trainer. Zu wenig Prügel für die (angeblich) satten und lauffaulen Millionäre. Zu wenig Prügel für den DFB, der bei der Gündogan/Erdogan/Özil-Affäre (angeblich) versagt hat. (Die Kritik an der Haltung des DFB wurde irgendwann zum Selbstläufer – niemand musste, geschweige denn konnte, mehr erzählen, was der Verband hätte anders machen sollen.) Und vor allem: Keine Forderung nach rollenden Köpfen. Es wird jetzt also ziemlich langweilig.

Nein, mir ist wirklich nicht nach Prügel und Häme. Es waren einfach zu viele Spieler dabei, die in den letzten Jahren viel geleistet haben: Neuer, Hummels, Khedira, Özil, Kroos, Müller … Und ein Trainer, der mein Interesse an Länderspielen der Nationalmannschaft weckte, auf deren Konsum ich vorher viele Jahre bewusst verzichtet hatte. Der positiven und taktisch anspruchsvollen Fußball spielen ließ. Der den deutschen Fußball revolutionierte. Der uns vom Image befreite, wir seien eine Nation von jämmerlichen Rumpelfüßlern mit einem antiquierten Verständnis vom Spiel.

Häme und Prügel der „Fachleute“

Eigentlich darf man in diesen Tagen nicht viel Presse lesen und nicht viel Fernsehen schauen. (Bitte mehr Sendezeit für Christoph Kramer!) Ein Facebook-Kontakt schrieb mir: „Sportjournalismus verhält sich zu richtigem Journalismus wie Militärmusik zu richtiger Musik“ – manchmal ist das wirklich so, aber ich habe in den letzten Tagen auch viele angenehme Beiträge gelesen, die Hoffnung machen. Turnierpleiten sind immer die große Stunde der Fußballpopulisten und „Volks-Trainer“. Das Özil-Bashing hört nicht auf. Auch gegen Südkorea gab es wieder diesen einen Hauptschuldigen. Mit harten Fakten beschäftigen sich nur wenige.

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Özil, Gündogan und „unsere Werte“

Über deutsche und türkische Gefühlslagen

Dietrich Schulze-Marmeling, Foto: Johannes Hölker

von Dietrich Schulze-Marmeling – „AfD wirkt!“, postete Alice Weidel, als Jogi Löw gegen die Schweden auf Mesut Özil verzichtete. Natürlich glaubt auch Weidel nicht, dass Löw eingesehen hat, dass dieser „Türke“ Mesut Özil nicht in eine deutsche Nationalmannschaft gehört. Was Weidel meint, ist, dass rassistisches Mobbing funktioniert. Die Hetz- und Hasskampagne hatte möglicherweise Özils Leistungsfähigkeit in einem Ausmaß gehemmt, dass der Bundestrainer entschied, ihm lieber eine Pause zu gönnen. Der gegen die Schweden eingewechselte Ilkay Gündogan spielte spürbar mutlos, war vorrangig darauf bedacht, einen Fehlpass zu vermeiden. Das, was ihn eigentlich auszeichnet, war kaum zu sehen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wäre Ilkay Gündogan – nicht Toni Kroos – das Missgeschick beim schwedischen Führungstor unterlaufen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte Ilkay Gündogan kurz vor dem Abpfiff ein Foul begangen, mit der Folge eines Freistoßes, der im deutschen Tor landet. Vermutlich wäre es ihm noch schlimmer ergangen als dem Schweden Jimmy Durmaz, der vor Toni Kroos‘ Kunstschuss Timo Werner gelegt hatte. Durmaz, der türkische Wurzeln hat, wurde anschließend in den sozialen Netzwerken mit rassistischen Schmähungen überschüttet. Außerdem erhielten er und seine Kinder (!) Morddrohungen. Die AfD, das ist so klar wie Kloßbrühe, will das Scheitern dieser Nationalelf. Denn diese Mannschaft hat mit ihren Vorstellungen von Deutschland nichts zu tun. Bernd „das braune Brot“ Höcke fieberte mit Island. Vermutlich weil das Team so schön weiß und „reinrassig“ ist.

Deutschland ist empört. Weniger über Weidel und Höcke, sondern weil Deutschlands Deutschtürken Erdogan gewählt haben. Zweifellos hat Erdogan die Özil/Gündogan-Debatte geholfen. Angesichts des Rassismus, der anschließend durch die sozialen Netzwerke tobte, und nicht nur dort, musste er nur noch die Füße stillhalten. Der Doppelpass zwischen türkischen und deutschen Nationalisten hat funktioniert.

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Barhocker-Momente

Was bei früheren Weltmeisterschaften und vor Toni Kroos’ Freistoß besser war und was nicht

 

Sascha Theisen

von Sascha Theisen – Kurz bevor Toni Kroos am vergangenen Samstag seinen genialen rechten Fuß auspackte und den Treffer erzielte, den man sich nun in den branchenüblichen Mediatheken aus zehn verschiedenen Perspektiven anschauen kann, war es nach vielen Jahren voller Halbfinals und Endspielen plötzlich so weit: Ein ganzer Sommer stand auf dem Spiel – nicht mehr und nicht weniger. In den Kneipen der Republik quälten viel zu große Hinterteile viel zu kleine Barhocker und ließen den Rest ihres Körpers erbarmungslos vibrieren. Leinwände im ganzen Land wurden mit panikartigen Flüchen belegt, und die Entrüstung über „Die Mannschaft“ nahm kein Ende mehr.

Es war die pure Angst vor einem Turnier-Aus, die die Deutschen im ganzen Land plötzlich ergriff – ein WM-Turnier-Aus in einer Vorrunde. Bis dahin war das größte WM-Desaster das legendäre Aus in der Zwischenrunde der WM 1978 gegen Hans Krankl und Eddie Finger im argentinischen Córdoba gewesen. Ansonsten feierte man auf den Barhockern der Nation immer mindestens das Viertelfinale und selbst das galt in Jahren wie 1962, 1994 oder 1998 schon als nationale Scham. Ein Vorrunden-Aus wäre also die Mutter aller Katastrophen und passt daher schon mal gar nicht zum deutschen Selbstverständnis. Am Samstagabend schien es aber tatsächlich so weit zu sein – eine nationale Katastrophe. Und der Anfang eines „Früher-war-alles-besser-Sommers“.

Ein Glück gibt es für solche Sommer passende Umfragen, wie die Heldentaten-Umfrage, die eben schon vorher weiß, dass früher alles besser war. Gemeinsam mit den Kölner Marktforschern von respondi haben wir nämlich eine repräsentative Gruppe von 1.000 deutschen Durchschnitts-Viertelfinalisten dazu befragt, was aus ihrer Sicht die größten WM-Momente waren – negativ wie positiv. Warum haben wir das gemacht?

  • Um Momente wie den von Samstag noch etwas intensiver erleben zu können.
  • Um genau zu wissen, was früher alles besser war.
  • Um genau zu wissen, was früher alles schlechter war.
  • Um mehr Bücher des wunderbaren WM-Buchs „Heldentaten – die größten deutschen WM-Spiele“ zu verkaufen.
  • Um mehr Bücher des wunderbaren WM-Buchs „Helden – die größten deutschen WM-Legenden von Bern bis Rio“ zu verkaufen.

Und hier sind die Ergebnisse:

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