Manuel, Mesut und Uli

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Manuel Neuer beklagt einen Mangel an Nationalstolz in der Nationalmannschaft: „Wir müssen wieder die Spieler da haben, die wirklich stolz sind, für die Nationalmannschaft zu spielen und alles dafür geben, für das eigene Land zu spielen.“ Neuer erwähnt Mesut Özil nicht namentlich, aber aus dem Kontext geht hervor, dass er ihn zumindest auch meint. Dass Neuer möglicherweise nachvollziehbare Gründe hat, auf Özil sauer zu sein, dazu später. Dass er nicht ein Wort über die rassistische Hetze gegen Özil verliert, zeugt von einem Mangel an Souveränität und ist ein Armutszeugnis. Und während sich die Kollegen Jérôme Boateng, Antonio Rüdiger, die selber schon Opfer rassistischer Attacken waren, Julian Draxler und Julian Brandt bei Özil nach dessen Rücktritt bedankten oder ihn gegen überzogene Kritik in Schutz nahmen, ist Neuers Statement auffallend empathielos und eines Kapitäns unwürdig. Neuer ist kein Rechter, aber wenn er Özil unterstellt, er sei nicht stolz darauf gewesen, für Deutschland zu spielen, übernimmt er deren Erzählung. Vor der WM schrieb das rechtsextreme Magazin „Compact“ über Özil und Ilkay Gündogan, dass die beiden „‚Deutsch-Türken‘ – eigentlich sind es Türken mit nachgeschmissenem deutschen Pass – uns allen die Freude an der WM vermiesen“. Jeder wüsste, dass „solche Typen nichts mit den Traditionen eines Fritz Walter, Franz Beckenbauer oder Olli Kahn zu tun haben und auch nicht zu unseren aktuellen Hoffnungen wie Timo Werner und Manuel Neuer passen“. Für diese Vereinnahmung konnte Neuer nichts. Aber für die nächste aus dieser Ecke sehr wohl.

Weiterlesen

Hooliganprozess in Leipzig

Robert Claus

von Robert Claus – Am 11. Januar 2016, am Rande des einjährigen Bestehens von Legida, randalierten über 200 Neonazis und rechte Hooligans durch den alternativen Leipziger Stadtteil Connewitz. Dort ist auch die Fanszene der BSG Chemie Leipzig beheimatet. Es sollte ein Fanal gegen die als links geltende Fanszene sowie die staatliche Migrationspolitik werden. Im August 2018 beginnen die ersten Prozesse.

Die Gruppe organisierte ihre Aktion geheim und bestens vorbereitet. Zahlreiche Fensterscheiben lokaler Geschäfte wurden eingeworfen, Autos angezündet. Ein Schaden von 112.000 Euro entstand. Der Polizei gelang es an jenem Abend, über 200 Tatverdächtige festzunehmen: neben einer Reihe an rechter Politprominenz aus Sachsen vor allem Hooligans aus fast allen Fanszenen der Region. Szenekundige Beamte ordneten sie wie folgt zu: Lok Leipzig (41), Hallescher FC (1), Dynamo Dresden (16), Rot-Weiß Erfurt (4), Carl-Zeiss Jena (2), Chemnitzer FC (1), RB Leipzig (1). 39 von ihnen waren auch in der umstrittenen Datei „Gewalttäter Sport“ verzeichnet. Somit befindet sich die Gruppe dieses Übergriffs in einer langen Tradition der Vernetzung zwischen Neonazis und rechten Hooligans in Sachsen. Sie reicht zurück bis zu den „Skinheads Sächsische Schweiz“ (SSS) und den „Hooligans Nazis Rassisten“ (HooNaRa).

Weiterlesen

Der DFB, sein Präsident und ihre Erklärungen

Dietrich Schulze-Marmeling, Foto: Johannes Hölker

von Dietrich Schulze-Marmeling – Am Wochenende des WM-Finales forderte Reinhard Grindel in einem Interview, Özil müsse sich zu Erdogan äußern – zwei Monate nach dem Fotoshooting mit dem Autokraten. Grindel begründete dies mit einem „veränderten Resonanzboden für das Thema Integration“, benutzte somit die rassistische Stimmung im Land als Druckmittel.*

Zur rassistischen Hetze gegen Özil verlor der DFB-Boss kein Wort. (Schon bei den rassistischen Attacken gegen Özil im September 2017 während des WM-Qualifikationsspiels in Prag – aus der deutschen Kurve wurde „Özil abschieben, Ausländer raus!“ skandiert – war die Reaktion des DFB lauwarm ausgefallen. Die Verantwortlichen waren darum bemüht, das Thema herunterzuspielen.)

Weiterlesen

Kampagnen sind nicht genug

Christian Thibault

von Christian Thibault – Niemand möchte als Rassist bezeichnet werden, und doch steht jetzt in der Causa Özil der Rassismusvorwurf im Raum. Rassismus ist eine Ideologie, die wissenschaftlich widerlegt ist, es gibt keine verschiedenen Menschenrassen. Daher kann auch nicht eine Rasse mehr wert sein als die andere. Das wissen wir. Wie sollen wir da also Rassisten sein? Wir reden ja auch nur über die Kultur mancher Herkunftsländer und die mangelnde Integration der türkischen Mitbürger. Ach ja, und der Islam, wie soll der denn, bitte schön, nach Deutschland passen? Und doch steht der DFB jetzt vor dem Scherbenhaufen seiner Integrationsarbeit, und alle die schönen Fernsehkampagnen gegen Rassismus klingen nur noch hohl.

Weiterlesen

UFC in Hamburg

von Robert ClausDie Ultimate Fighting Championship (UFC), der weltweit größte Mixed-Martial-Arts-Veranstalter, gastiert einmal jährlich in Deutschland. Wie schon 2017 machte die Promotion am vergangenen Sonntag in Hamburg Halt und bot ein anspruchsvolles Kampfsportevent. Die Kommerzialisierung des MMA hat jedoch ihr Für und Wider.

Die Halle ist dunkel, auf den vier großen Videoleinwänden in der Hamburger Barclaycard Arena wird ein Trailer für kommende Events eingespielt: Zu dicken Bässen trainieren TJ Dillashaw und Cody Garbrandt in verrucht ausgeleuchteten Gyms, ihre besten Fightmoves werden wiederholt, in schnellen Schnitten inszeniert. Es ist die Ankündigung für die UFC 227, die Rivalität der beiden Kämpfer hat Geschichte. Bei der UFC 217 im November 2017 gewann Dillashaw den Titelkampf der beiden. Die UFC weiß das Rematch in Szene zu setzen, solche Kämpfe medial aufzubauen. Denn für sie ist MMA Sport und Unterhaltung im ganz großen Stil.

Und unter der Leinwand in der Hamburger Arena? Die Leute beginnen, sich zu langweilen. Der Trailer wird nicht zum ersten Mal abgespielt, er dient als Pausenfüller. Und davon gibt es genügend. Die ersten Kämpfe des Abends gingen nicht alle über die volle Distanz von drei Runden, man liegt gehörig vor dem Zeitplan. Vorziehen kann man die restlichen Kämpfe kaum. Denn alle Kämpfer haben ihr Warm-Up-Programm. Doch vor allem geht es ums Pay-per-View. Damit alle zahlenden Kunden auf ihre Kosten kommen, dürfen die Hauptkämpfe nicht vor 20 Uhr beginnen. Zum Teil sehr zähe und lange Kampfpausen sind die Folge.

Weiterlesen

„Die Arbeit auf dem Platz muss wieder im Vordergrund stehen“

Dietrich Schulze-Marmeling

Dietrich Schulze-Marmeling im Gespräch mit Lars Mrosko, ehemals u.a. Scout beim FC Bayern und VfL Wolfsburg – Das Wochenende, an dem Deutschland die Schweden in letzter Sekunde schlug, verbrachte ich in Berlin. Eigentlich stand ein Besuch der Waldbühne auf dem Programm, wo Simon Rattle sein Abschiedskonzert gab. Aber ein Infekt, den ich mir in Russland zugezogen hatte, haute mich nieder. So verbrachte ich die meiste Zeit im Bett unseres Hotels in Kreuzberg, von wo aus ich ein Geräusch vernahm, das ich kaum noch kannte: das Geräusch von auf der Straße kickenden Kindern.

In einer einigermaßen fitten Stunde schwang ich mich aufs Fahrrad und fuhr zum etwa zwei Kilometer entfernt gelegenen Platz von Türkiyemspor Berlin. Nach dieser elenden Debatte um die Deutschtürken im deutschen Nationaltrikot war mir irgendwie danach. Bei Türkiyemspor fand gerade ein Kinderturnier statt, und zwar auf einem Kunstrasenplatz, bei dem die besorgten Väter und Mütter münsterländischer Mittelstandskids ihre Kleinen in Watte eingepackt und einen Fahrradhelm mitgegeben hätten. Betonhart, schon der pure Anblick verursachte Schmerzen in den Gelenken. Umso netter und herzlicher war die Atmosphäre bei diesem Turnier, entsprechend den Botschaften, die auf einer Tafel im Vereinsheim mitgeteilt wurden:

Weiterlesen

Deutsch dank Özil

Robert Claus

von Robert Claus – Seit dem blamablen Ausscheiden der DFB-Auswahl in Russland werden die Gründe für den sportlichen Misserfolg intensiv diskutiert. Besonders Mesut Özil steht dabei – wieder einmal – im Fokus der Debatte. Kritiker werfen ihm ein lustloses Spiel sowie fehlende Identifikation mit Deutschland vor, was nicht zuletzt daran festgemacht wird, dass er die Nationalhymne vor Spielbeginn nicht mitsingt. Unterstützer Özils hingegen halten fest, wie viele Zweikämpfe er gewonnen und Chancen er kreiert habe. Das kann man machen, es verfehlt aber einen zentralen Punkt in der Debatte: die Funktionsweise von Rassismus.

Der britische Soziologe Stuart Hall schrieb einmal, die weißen Engländer*innen seien nicht rassistisch, weil sie die Schwarzen hassten, sondern weil sie ohne die Schwarzen gar nicht wüssten, wer sie selber sind. Hall, im Februar 2014 verstorben, hätte mit seinem Ausspruch auch die Debatte um „Integration“ in Deutschland meinen können. Beispiele gefällig?

Weiterlesen

Anmerkungen zum deutschen Ausscheiden

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Ich gehe mal davon aus, dass das hier Geschriebene vielen zu seicht ist. Zu wenig Prügel für den Trainer. Zu wenig Prügel für die (angeblich) satten und lauffaulen Millionäre. Zu wenig Prügel für den DFB, der bei der Gündogan/Erdogan/Özil-Affäre (angeblich) versagt hat. (Die Kritik an der Haltung des DFB wurde irgendwann zum Selbstläufer – niemand musste, geschweige denn konnte, mehr erzählen, was der Verband hätte anders machen sollen.) Und vor allem: Keine Forderung nach rollenden Köpfen. Es wird jetzt also ziemlich langweilig.

Nein, mir ist wirklich nicht nach Prügel und Häme. Es waren einfach zu viele Spieler dabei, die in den letzten Jahren viel geleistet haben: Neuer, Hummels, Khedira, Özil, Kroos, Müller … Und ein Trainer, der mein Interesse an Länderspielen der Nationalmannschaft weckte, auf deren Konsum ich vorher viele Jahre bewusst verzichtet hatte. Der positiven und taktisch anspruchsvollen Fußball spielen ließ. Der den deutschen Fußball revolutionierte. Der uns vom Image befreite, wir seien eine Nation von jämmerlichen Rumpelfüßlern mit einem antiquierten Verständnis vom Spiel.

Häme und Prügel der „Fachleute“

Eigentlich darf man in diesen Tagen nicht viel Presse lesen und nicht viel Fernsehen schauen. (Bitte mehr Sendezeit für Christoph Kramer!) Ein Facebook-Kontakt schrieb mir: „Sportjournalismus verhält sich zu richtigem Journalismus wie Militärmusik zu richtiger Musik“ – manchmal ist das wirklich so, aber ich habe in den letzten Tagen auch viele angenehme Beiträge gelesen, die Hoffnung machen. Turnierpleiten sind immer die große Stunde der Fußballpopulisten und „Volks-Trainer“. Das Özil-Bashing hört nicht auf. Auch gegen Südkorea gab es wieder diesen einen Hauptschuldigen. Mit harten Fakten beschäftigen sich nur wenige.

Weiterlesen

Özil, Gündogan und „unsere Werte“

Über deutsche und türkische Gefühlslagen

Dietrich Schulze-Marmeling, Foto: Johannes Hölker

von Dietrich Schulze-Marmeling – „AfD wirkt!“, postete Alice Weidel, als Jogi Löw gegen die Schweden auf Mesut Özil verzichtete. Natürlich glaubt auch Weidel nicht, dass Löw eingesehen hat, dass dieser „Türke“ Mesut Özil nicht in eine deutsche Nationalmannschaft gehört. Was Weidel meint, ist, dass rassistisches Mobbing funktioniert. Die Hetz- und Hasskampagne hatte möglicherweise Özils Leistungsfähigkeit in einem Ausmaß gehemmt, dass der Bundestrainer entschied, ihm lieber eine Pause zu gönnen. Der gegen die Schweden eingewechselte Ilkay Gündogan spielte spürbar mutlos, war vorrangig darauf bedacht, einen Fehlpass zu vermeiden. Das, was ihn eigentlich auszeichnet, war kaum zu sehen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wäre Ilkay Gündogan – nicht Toni Kroos – das Missgeschick beim schwedischen Führungstor unterlaufen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte Ilkay Gündogan kurz vor dem Abpfiff ein Foul begangen, mit der Folge eines Freistoßes, der im deutschen Tor landet. Vermutlich wäre es ihm noch schlimmer ergangen als dem Schweden Jimmy Durmaz, der vor Toni Kroos‘ Kunstschuss Timo Werner gelegt hatte. Durmaz, der türkische Wurzeln hat, wurde anschließend in den sozialen Netzwerken mit rassistischen Schmähungen überschüttet. Außerdem erhielten er und seine Kinder (!) Morddrohungen. Die AfD, das ist so klar wie Kloßbrühe, will das Scheitern dieser Nationalelf. Denn diese Mannschaft hat mit ihren Vorstellungen von Deutschland nichts zu tun. Bernd „das braune Brot“ Höcke fieberte mit Island. Vermutlich weil das Team so schön weiß und „reinrassig“ ist.

Deutschland ist empört. Weniger über Weidel und Höcke, sondern weil Deutschlands Deutschtürken Erdogan gewählt haben. Zweifellos hat Erdogan die Özil/Gündogan-Debatte geholfen. Angesichts des Rassismus, der anschließend durch die sozialen Netzwerke tobte, und nicht nur dort, musste er nur noch die Füße stillhalten. Der Doppelpass zwischen türkischen und deutschen Nationalisten hat funktioniert.

Weiterlesen

Barhocker-Momente

Was bei früheren Weltmeisterschaften und vor Toni Kroos’ Freistoß besser war und was nicht

 

Sascha Theisen

von Sascha Theisen – Kurz bevor Toni Kroos am vergangenen Samstag seinen genialen rechten Fuß auspackte und den Treffer erzielte, den man sich nun in den branchenüblichen Mediatheken aus zehn verschiedenen Perspektiven anschauen kann, war es nach vielen Jahren voller Halbfinals und Endspielen plötzlich so weit: Ein ganzer Sommer stand auf dem Spiel – nicht mehr und nicht weniger. In den Kneipen der Republik quälten viel zu große Hinterteile viel zu kleine Barhocker und ließen den Rest ihres Körpers erbarmungslos vibrieren. Leinwände im ganzen Land wurden mit panikartigen Flüchen belegt, und die Entrüstung über „Die Mannschaft“ nahm kein Ende mehr.

Es war die pure Angst vor einem Turnier-Aus, die die Deutschen im ganzen Land plötzlich ergriff – ein WM-Turnier-Aus in einer Vorrunde. Bis dahin war das größte WM-Desaster das legendäre Aus in der Zwischenrunde der WM 1978 gegen Hans Krankl und Eddie Finger im argentinischen Córdoba gewesen. Ansonsten feierte man auf den Barhockern der Nation immer mindestens das Viertelfinale und selbst das galt in Jahren wie 1962, 1994 oder 1998 schon als nationale Scham. Ein Vorrunden-Aus wäre also die Mutter aller Katastrophen und passt daher schon mal gar nicht zum deutschen Selbstverständnis. Am Samstagabend schien es aber tatsächlich so weit zu sein – eine nationale Katastrophe. Und der Anfang eines „Früher-war-alles-besser-Sommers“.

Ein Glück gibt es für solche Sommer passende Umfragen, wie die Heldentaten-Umfrage, die eben schon vorher weiß, dass früher alles besser war. Gemeinsam mit den Kölner Marktforschern von respondi haben wir nämlich eine repräsentative Gruppe von 1.000 deutschen Durchschnitts-Viertelfinalisten dazu befragt, was aus ihrer Sicht die größten WM-Momente waren – negativ wie positiv. Warum haben wir das gemacht?

  • Um Momente wie den von Samstag noch etwas intensiver erleben zu können.
  • Um genau zu wissen, was früher alles besser war.
  • Um genau zu wissen, was früher alles schlechter war.
  • Um mehr Bücher des wunderbaren WM-Buchs „Heldentaten – die größten deutschen WM-Spiele“ zu verkaufen.
  • Um mehr Bücher des wunderbaren WM-Buchs „Helden – die größten deutschen WM-Legenden von Bern bis Rio“ zu verkaufen.

Und hier sind die Ergebnisse:

Weiterlesen