Fußball-Derbys in Belfast

Von Dietrich Schulze-Marmeling – Am 5. Oktober spielt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Belfast gegen Nordirland. Eine kleine Gruppe, zu der u.a. die Werkstatt-Lektoren Bernd Beyer und Christoph Schottes sowie Werkstatt-Autor Gregor Schnittker gehören, wird aus diesem Anlass in Belfast eine kleine Fußballtour unternehmen. Auf dem Programm stehen u.a. Glentoran Belfast, Belfast Celtic Museum, Museum der Irish Football Association (IFA), George Best House, die Grabstätten der Legenden Elisha Scott und Charlie Tully, Wandgemälde zum Thema Fußball (und Fußball & Politik) sowie diverse Pubs, die mit dem Fußball zu tun haben.

Im Folgenden ein Überblick über die Belfaster Fußballlandschaft und Derbys. Der Beitrag erschien bereits in kürzerer Form im „Zeitspiel“-Magazin.

Belfasts Derby-Geschichte ist aus zwei Gründen kompliziert. Erstens: Es gibt gleich mehrere Derbys – einige sind „ethno-kultureller“ Art, andere nur durch sportliche und geografische Rivalität geprägt. Zweitens: Das größte Derby in der Geschichte nicht nur des Belfaster Fußballs, sondern auch des nordirischen, ja sogar des irischen überhaupt, existiert bereits seit über sechs Jahrzehnten nicht mehr, ist aber immer noch ein Thema, zu dem periodisch ausführliche Zeitungsartikel und Bücher erscheinen.

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Irland, Fußball und der Brexit

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von Dietrich Schulze-Marmeling – Bei der EM in Frankreich war die irische Insel erstmals mit zwei Teams vertreten. Beide Teams, das der nordirischen Irish Football Association (IFA) und das der südirischen Football Association of Ireland (FAI), sind im Achtelfinale ausgeschieden – einen bzw. zwei Tage nach dem britischen EU-Referendum, bei dem eine Mehrheit für den „Brexit“ votierte.

In Nordirland stimmten 55,8% der Urnengänger für einen Verbleib des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland in der EU. Katholiken/Nationalisten machten mit großer Mehrheit ihr Kreuzchen bei „remain“, eine nicht ganz so große Mehrheit der Protestanten/Unionisten bei „leave“.

Der interessanteste Aspekt war die Spaltung im unionistischen/protestantischen Lager, wo nur die Democratic Unionist Party (DUP) für den „Brexit“ mobilisierte. Allerdings ist die DUP die stärkste Partei Nordirlands. Im nordirischen Parlament besetzt sie 38 der 108 Sitze und stellt mit Arlene Foster auch den First Minister. Es folgen Sinn Féin (28), früher auch als politischer Arm der IRA bezeichnet, Ulster Unionist Party (UUP, 16), Social Democratic and Labour Party (SDLP, 12) und Alliance Party (8).

Northern_ireland_national_football_team_logoDie Spaltung des protestantischen/unionistischen Lagers wurde auch beim Achtelfinalspiel der Nordiren gegen Wales evident. Der nordirische Anhang bestand zwar zu ca. 90% aus Protestanten, die aber in Richtung des walisischen Fan-Blocks skandierten: „We voted remain, we voted remain, we aren’t stupid, we voted remain.“ (In Wales hatte eine Mehrheit für den „Brexit“ gestimmt.)

Schottland, wo sich eine noch größere Mehrheit als in Nordirland für den Verbleib in der EU aussprach, droht nun mit einem neuen Referendum über schottische Unabhängigkeit. In Nordirland fordert die republikanische „Sinn Féin“-Partei ein Referendum über die innerirische Grenze. Dass dieses das von Sinn Féin gewünschte Ergebnis bringen würde, ist ziemlich unwahrscheinlich. Viele der Protestanten, die pro „remain“ gestimmt haben, bleiben trotzdem Unionisten. Die Union ist ihnen noch wichtiger als die EU. Eine Mehrheit für einen Austritt aus dem UK und eine Vereinigung mit der Republik Irland kommt nur dann zustande, wenn nicht nur alle Katholiken dafür stimmen, sondern auch noch ein Teil der Protestanten, und die Menschen, die sich keinem der beiden Lager zugehörig fühlen. (2011 ergab ein Zensus, dass sich immerhin 25% der Katholiken nicht primär als Iren sieht, sondern als Nordiren. Und 2013 ergab eine Umfrage der BBC, dass im Falle eines Referendums nur 21% der Nordiren für die Wiedervereinigung votieren würden. Es schien so, als hätte sich die große Mehrheit Katholiken im nordirischen Staat eingerichtet – trotz des starken Stimmenanteils von Sinn Féin. Viele wählen die Partei nicht als Verfechter eines irischen Einheitsstaats, sondern als besten Vertreter ihrer politischen, sozialen und kulturellen Interessen. Allerdings dürfte nun das „Brexit“-Resultat bei Nordirlands Katholiken den Ruf nach einer Wiedervereinigung lauter werden lassen.)

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Zeitgeschichtliches zur EM: Das Team Nordirland

Northern_ireland_national_football_team_logoVon Dietrich Schulze-Marmeling – Bei der EM in Frankreich wird die DFB-Elf im letzten Gruppenspiel auf Nordirland treffen. Für die Nordiren ist es die erste Teilnahme an einem großen Turnier seit der WM 1986 in Mexiko. Seither hatte sich die europäische Fußballlandkarte erheblich verändert. War Nordirland jahrzehntelang der Größte unter den Kleinen Europas gewesen (auch bei den WM-Turnieren 1958 und 1982 spielte die Provinz mit), so wurde diesem Status nun durch die Auflösung der Sowjetunion, Jugoslawiens und der Tschechoslowakei der Boden entzogen.

Zur verschärften Konkurrenz kam die konfessionelle und politische Spaltung des Landes hinzu. Bei den Katholiken konkurrierte Soccer mit den Gaelic Games (Gaelic Football, Hurling), die unter der Obhut der gesamtirischen, steinreichen und besonders in der Republik Irland politisch einflussreichen Gaelic Athletic Association (GAA) betrieben werden. Und sofern Katholiken kickten, konnten sie häufig mit der nordirischen Auswahl wenig anfangen: zu protestantisch, zu loyalistisch – vor allem die Fans betreffend.

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