Celtic vs. The Hibs – Ein Reisebericht

von Sascha Theisen – Glasgow ist keine schöne Stadt. Um ihr zu schmeicheln, könnte man sagen: Sie lebt von ihren Menschen. Wollte man das tun, also ihr schmeicheln, müsste man allerdings die Gestalten der Nacht ausschließen. Denn die Schotten des Nachtlebens sind alles andere als schmeichelhaft: Frauen, mit Hochdruckluftpistole in ihre Kleider geschossen, laufen auf Schuhen, die selbst lettischen Pornostars zu hoch wären, durch vollgekotzte Straßen auf denen robuste Männer auf den Zeitpunkt warten, sie endlich mit nach Hause zu nehmen. Keine Frage, sollte Gottes Finger eines Tages vor Zorn die Erde berühren, das Nachtleben in britischen Metropolen wird chancenlos sein.

Ein gänzlich anderes Bild bietet Glasgow allerdings, wenn Spieltag ist. Ich durfte das am letzten Wochenende erleben, als ich den Celtic Park besuchte. Offenbar schliefen die Nachtgespenster noch. Denn plötzlich waren die bemerkenswert schnell gesäuberten Straßen Glasgows mit Vätern und Söhnen bevölkert, die in Grün und Weiß gekleidet zum Spiel ihres Teams gingen oder fuhren. Der lange Weg von der U-Bahn-Station zum Stadion mutete an wie eine heilige Prozession in den Farben der Celtics, zumal sich die Rangers offenbar in jenen Kneipen verschanzten, die sie demonstrativ mit dem „Union Jack“ markieren. Dies war der Samstag stolzer Menschen, die die „Lisbon Lions“ im Herzen tragen, jener einzigen schottischen Mannschaft, die vor genau 50 Jahren den Europapokal der Landesmeister gewann.

Der britische Fußball hat sich verändert. Kein Alkohol vor dem Stadion, keine Gesänge an den Eingangstoren und Menschen mit vollständigen Zahnreihen. Was man einerseits als Verlust der britischen Fankultur kritisieren könnte, ist für neutrale Fußballreisende im Vorruhestand wie unsereins eine durchaus schätzenswert entspannte Angelegenheit. Trotzdem sind einige Standards geblieben: enge Eingangsbereiche zum Beispiel, die erklären warum Frank Pagelsdorf, Dieter Schatzschneider oder Reiner Calmund nie nach Großbritannien wechselten, steile Ränge in den Stadien und ein inbrünstiges „You’ll never walk alone“ vor dem Spiel. Die Atmosphäre im Celtic Park hatte mich sofort gefesselt. Sie versöhnte mich mit Glasgow nach all den Nachtgestalten und all der Tristesse einer Industriestadt, in der es vorher nicht viel mehr zu entdecken gab als ein beeindruckendes Wandgemälde gleich über „Barneys Beergarden“. Celtic Glasgow gab mir viel von dem, was ich mir eigentlich von der ganzen Stadt erhofft hatte.

Come on, you Hibs!

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