Shitstorm im vordigitalen Zeitalter

Bernd-M. Beyer mit seiner gerade veröffentlichten Helmut-Schön-Biografie

Von Bernd-M. Beyer – All die absurden Hasskommentare, die heute durchs Internet geistern, bilden kein neues Phänomen ab, sondern machen nur deutlicher sichtbar, was auch im vordigitalen Zeitalter existierte. Anschauliche Beispiele dafür liefern einige prall gefüllte Ordner, die sich im DFB-Archiv finden. Sie stammen aus dem Nachlass des ehemaligen Bundestrainers Helmut Schön und datieren aus den siebziger Jahren.

Neben harmlosen Autogrammwünschen, netten Glückwünschen, besserwisserischen Vorschlägen für Mannschaftsaufstellungen und höchst widersprüchlichen Verschwörungstheorien („Wieviel zahlen Ihnen die Bayern!“ versus „Was haben Sie gegen die Bayern???“) erreichten Helmut Schön auch Zuschriften, deren Tonlage seinerzeit meist nur an rechten Stammtischen, heute aber eben im Internet zu Hause ist. Man kennt den Mechanismus: Ein frustriertes Gemüt findet endlich ein Objekt seiner Wut und tobt sich an ihm aus. Heute sind es die Flüchtlinge, Moslems, Merkel und die Lügenpresse. In den sechziger und siebziger Jahren waren es die Langhaarigen.

Wer es damals nicht selbst miterlebt hat, kann kaum nachvollziehen, welche hasserfüllten Reaktionen junge Männer mit langen Haaren provozierten. Die Neigung, das Haupthaar sprießen zu lassen, war Mitte der sechziger Jahre als Teil der neuen Popkultur nach Deutschland gelangt und signalisierte anfangs durchaus mehr als Jugendkultur und Generationenkonflikt. Man trug die langen Haare auch aus einer Protesthaltung heraus – gegen eine durch strenge Autoritäten und verstaubte Rituale strukturierte Gesellschaft, die moderne Liberalität erst noch lernen musste. Das männliche Haar hatte damals kurz, gescheitelt und in Reih und Glied gelegt zu sein, und wer davon abwich, war eben ein verdächtiger Außenseiter, ein „Gammler“, „Hippie“, ein Gefährder von Zucht, Ordnung und christlichem Abendland.

„Zugewachsene Affen“

Schon bald wurde das lange Haar zum jugendlichen Mainstream. Wer „in“ (bzw. „hip“) sein wollte, ließ es sprießen. Anfang der Siebziger kam die Mode bei den Fußballern an, und nochmals fünf Jahre später lief sogar der erzkonservative Gerhard Mayer-Vorfelder mit einer Matte herum. Eine politische Botschaft war nicht (mehr) damit verbunden, doch im Zeichen der gesellschaftlichen Polarisierung, die jene Jahre prägte, hielten sich dumpfe Vorurteile hartnäckig.

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Interview mit Peter Hyballa

Peter Hyballa gibt Anweisugnen.

Peter Hyballa (40) ist seit Sommer 2016 Cheftrainer beim niederländischen Erstligisten NEC Nijmegen. Begonnen hat er seine Trainerkarriere im Nachwuchsfußball seiner Heimatstadt Bocholt. Anschließend trainierte Hyballa Preußen Münster U17, Arminia Bielefeld U19, Ramblers Windhoek (Namibia), VfL Wolfsburg U17 und U19, Borussia Dortmund U19, Alemannia Aachen (2. Bundesliga), Red Bull Juniors Salzburg, Sturm Graz, Bayer Leverkusen U19 und für fünf Bundesligaspieltage Bayers Profis (gemeinsam mit Sascha Lewandowski – mit dem Ergebnis von 13 Punkten aus fünf Spielen, wodurch die Werkself noch in die Quialifikation zur Champions League kam).

Desweiteren ist Hyballa Autor mehrerer Fußball-Lehrbücher (gemeinsam mit Hans-Dieter te Poel) und gibt Trainerfortbildungen im In- und Ausland. Er ist Mitglied beim deutschen sowie beim niederländischen Profitrainerverband BDFL und CBV und schreibt auch für die DFB-Fachzeitschrift „fussballtraining“.

Dietrich Schulze-Marmeling sprach mit Hyballa über Defizite und neue Herausforderungen in der Nachwuchsförderung, fehlende Dribbler, den niederländischen Blick auf den deutschen Fußball und anderes mehr.

DSM: Reden wir über Konzeptfußball….

Hyballa: Ich komme ja selber auch über Konzept. Aber wir müssen aufpassen, dass die Empathie im Fußball nicht verloren geht. Empathie ist noch immer das allerwichtigste. Danach kommen Matchplan, Taktik. Aber du merkst schon, dass die NLZ-Spieler (NLZ: Nachwuchsleistungszentrum, eine Einrichtung der Profivereine) von heute genau wissen wollen, was sie zu tun haben. Als Trainer schaust du dir ein Spiel an, denkst darüber nach, mit welchem Gegengift du der Dreierkette des Gegners begegnen kannst. Und dann fällt das entscheidende Tor durch einen abgefälschten Freistoß. Dann zerkleinerst du den abgefälschten Strafstoß in ganz viele Stückchen, und schließlich wird nicht mehr über den abgefälschten Freistoß geredet, sondern darüber wie dieser Freistoß zustande kam.

Vor allem in Nachwuchsleistungszentren, aber zunehmend auch in Profimannschaften benutzt man heute die Konzeptsprache. Warum? Junge Spieler wollen von ihrem Trainer einfach wissen, ob gegen einen Gegner mit Dreierkette der 9er oder der 10er draufgehen und der 8er hochschieben soll. Der 16-Jährige wird uns selbstverständlich fragen: „Trainer, der Gegner kommt im 4-4-2, laufen wir ihn im 4-4-1-1 an und wo steuern wir hin? Spielen wir einen Chipball oder Tiki-Taka?“ Die Spieler von heute sind Experten in Raum und Zeit im Kontext von Matchplänen geworden. Und sie merken, dass ihnen neuartige Sprachbilder, häufig selbst erfunden und sogar codiert und verschlüsselt abgesprochen und dargeboten, helfen, schnell, präzise, sicher und kooperativ auf dem Spielfeld zu handeln.

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Der FC Bayern, die Nazis und Herr Herzog

von Dirk Kämper und Dietrich Schulze-Marmeling

Seit einigen Tagen befindet sich der von Dr. Markwart Herzog herausgegebene Band „Die ‚Gleichschaltung‘ des Fußballsports im nationalsozialistischen Deutschland“ auf dem Markt. Im Vorfeld hatte der Herausgeber kräftig die Werbetrommel gerührt und dabei seinen eigenen Beitrag in den Mittelpunkt gestellt: „Die drei ‚Arierparagrafen‘ des FC Bayern München. Opportunismus und Antisemitismus in den Satzungen des bayerischen Traditionsvereins“.

Startschuss zur Werbekampagne war ein vierseitiger Artikel im „Spiegel“ (Nr. 21/2016), dem Interviews auf „Spiegel online“ und auf „haGalil.com“ folgten. Hier bezichtigte Herzog speziell die Macher der FC Bayern Erlebniswelt (so nennt man heute Klubmuseen…) des „wissenschaftlichen Dilettantismus“ mit dem Ziel, dem FC Bayern eine „Heldengeschichte“ anzudichten. „De facto“ habe der Verein Juden sogar „schlechter behandelt als der nationalsozialistische Unrechtsstaat in seinen Rassengesetzen“.

Herzog verschickt nun mit der Werbung für sein Werk eine Muster-Rezension, die ein „Lew Jaschin“ für „haGalil.com“ verfasst hat. Dabei handelt es sich aber lediglich um einen reißerischen Ankündigungstext für das Buch – genauer: für Herzogs Beitrag in diesem Buch. Wer sich hinter dem Pseudonym „Lew Jaschin“ verbirgt, wissen wir nicht. „Lew Jaschin“ stellt u.a. die völlig unsinnige Behauptung auf, Dirk Kämper und Dietrich Schulze-Marmeling würden seit Jahren am Bayern-Mythos vom „liberalen ‚Judenverein‘“ stricken. An keiner Stelle haben die Autoren jemals behauptet, der FC Bayern sei ein „liberaler ‚Judenverein‘“ gewesen. Wir haben dem FC Bayern VOR 1933 eine gewisse Liberalität attestiert, weil er weltanschaulich neutral war (zu seinen Mitgliedern gehörten auch mindestens zwei später ermordete Widerstandskämpfer) und jüdische Bürger willkommen hieß. Als einen „Judenverein“ haben WIR den FC Bayern ganz sicherlich nicht bezeichnet – dies taten seine Gegner (und nun „Lew Jaschin“). Ganz abgesehen davon: Antisemitismus gab es im FC Bayern vor 1933, nach 1933 und auch noch nach 1945. Darüber kann man bei Schulze-Marmeling und Kämper lesen. Und selbst der Film „Der Präsident“ über Kurt Landauer, als fiktionaler Spielfilm weit mehr ein Kunstprodukt denn eine wissenschaftliche Aufarbeitung, behandelt im Kern das Thema des letztendlichen Scheitern Landauers an Kontinuitäten nationalsozialistischer und antisemitischer Ideen – sowohl in Deutschland als auch besonders innerhalb des FC Bayern München. Im Übrigen ist das Verdienst dieses Films die Aufklärung eines breiten Publikums über den jüdischen Beitrag im deutschen Fußball vor 1933, der bis dahin den wenigsten bewusst war.

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Geschlossene Gesellschaft?

Choreo der Bayern-Fans vor dem "Finale dahoam" 2012 gegen Chelsea. Autor: "rayand", CC-BY 2.0, https://www.flickr.com/photos/27478478@N00/7233018776
Choreo der Bayern-Fans vor dem „Finale dahoam“ 2012 gegen Chelsea.
Autor: „rayand“, CC-BY 2.0, https://www.flickr.com/photos/27478478@N00/7233018776

Von Dietrich Schulze-MarmelingIn Frankreich führt das von Katar gesponserte Paris St. Germain nach 32 Spieltagen die Tabelle mit einem Vorsprung von 25 Punkten an. Dies wusste man bereits vor Anpfiff der Saison. In der englischen Premier League gestaltet sich die Situation völlig anders. Dort führt nach 32 Spieltagen Leicester City, das nun wirklich niemand auf der Rechnung hatte. Hingegen ist für das von den Vereinigten Arabischen Emiraten gepäppelte Manchester City der Meisterschaftszug so gut wie abgefahren. City und Lokalrivale United müssen sogar um die Qualifikation zur Champions League zittern – trotz immenser Investitionen in ihre Kader. Liverpool liegt nur auf Platz neun, Roman Abramowitschs Chelsea auf Platz zehn – 25 Punkte hinter Leicester City. Ich weiß nicht, ob ich Leicesters Fußball mag. Aber darum geht es nicht. Es ist einfach eine schöne Geschichte, die dokumentiert, dass es noch einen Rest Gerechtigkeit und Überraschung im Fußball gibt.

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