Der FC Bayern, die Nazis und Herr Herzog

von Dirk Kämper und Dietrich Schulze-Marmeling

Seit einigen Tagen befindet sich der von Dr. Markwart Herzog herausgegebene Band „Die ‚Gleichschaltung‘ des Fußballsports im nationalsozialistischen Deutschland“ auf dem Markt. Im Vorfeld hatte der Herausgeber kräftig die Werbetrommel gerührt und dabei seinen eigenen Beitrag in den Mittelpunkt gestellt: „Die drei ‚Arierparagrafen‘ des FC Bayern München. Opportunismus und Antisemitismus in den Satzungen des bayerischen Traditionsvereins“.

Startschuss zur Werbekampagne war ein vierseitiger Artikel im „Spiegel“ (Nr. 21/2016), dem Interviews auf „Spiegel online“ und auf „haGalil.com“ folgten. Hier bezichtigte Herzog speziell die Macher der FC Bayern Erlebniswelt (so nennt man heute Klubmuseen…) des „wissenschaftlichen Dilettantismus“ mit dem Ziel, dem FC Bayern eine „Heldengeschichte“ anzudichten. „De facto“ habe der Verein Juden sogar „schlechter behandelt als der nationalsozialistische Unrechtsstaat in seinen Rassengesetzen“.

Herzog verschickt nun mit der Werbung für sein Werk eine Muster-Rezension, die ein „Lew Jaschin“ für „haGalil.com“ verfasst hat. Dabei handelt es sich aber lediglich um einen reißerischen Ankündigungstext für das Buch – genauer: für Herzogs Beitrag in diesem Buch. Wer sich hinter dem Pseudonym „Lew Jaschin“ verbirgt, wissen wir nicht. „Lew Jaschin“ stellt u.a. die völlig unsinnige Behauptung auf, Dirk Kämper und Dietrich Schulze-Marmeling würden seit Jahren am Bayern-Mythos vom „liberalen ‚Judenverein‘“ stricken. An keiner Stelle haben die Autoren jemals behauptet, der FC Bayern sei ein „liberaler ‚Judenverein‘“ gewesen. Wir haben dem FC Bayern VOR 1933 eine gewisse Liberalität attestiert, weil er weltanschaulich neutral war (zu seinen Mitgliedern gehörten auch mindestens zwei später ermordete Widerstandskämpfer) und jüdische Bürger willkommen hieß. Als einen „Judenverein“ haben WIR den FC Bayern ganz sicherlich nicht bezeichnet – dies taten seine Gegner (und nun „Lew Jaschin“). Ganz abgesehen davon: Antisemitismus gab es im FC Bayern vor 1933, nach 1933 und auch noch nach 1945. Darüber kann man bei Schulze-Marmeling und Kämper lesen. Und selbst der Film „Der Präsident“ über Kurt Landauer, als fiktionaler Spielfilm weit mehr ein Kunstprodukt denn eine wissenschaftliche Aufarbeitung, behandelt im Kern das Thema des letztendlichen Scheitern Landauers an Kontinuitäten nationalsozialistischer und antisemitischer Ideen – sowohl in Deutschland als auch besonders innerhalb des FC Bayern München. Im Übrigen ist das Verdienst dieses Films die Aufklärung eines breiten Publikums über den jüdischen Beitrag im deutschen Fußball vor 1933, der bis dahin den wenigsten bewusst war.

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Mein lieber Scholli – Mehmet Scholl und die Fußballtaktik

Dietrich Schulze-Marmeling
Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – TV-Experte Mehmet Scholl hat Bundestrainer Jogi Löw und seinen Stab heftig kritisiert. Die Entscheidung, gegen die Italiener mit einer Dreierkette zu spielen, sei falsch gewesen. Löw höre zu viel auf seinen Scouting-Experten Siegenthaler, der lieber morgens im Bett bleiben solle (um sich dort wund zu liegen).

Scholl ist bereits seit einiger Zeit die Generation der „Laptop-Trainer“ ein Dorn im Auge. Nur Laptop reicht auch heute ganz sicherlich nicht, um eine Mannschaft zum Erfolg zu führen. Und man kann auch nicht leugnen, dass das Pendel hier zuweilen etwas zu stark in Richtung Laptop schlägt. Manchmal wirken die Spieler etwas zu stark erzogen – auf Kosten individueller Kreativität. Aber dies ist ein anderes Thema, das mit Jogi Löw nichts zu tun hat. Ein reiner „Laptop-Trainer“ findet keinen Zugang zu seiner Mannschaft. Der Job des Trainers ist äußerst komplex. Ein guter Trainer beherrscht eine Fülle von Fähigkeiten – so wie Jogi Löw oder Pep Guardiola.

Auch ist Taktik nicht alles. Aber wenn Scholl uns glauben machen will, dass Taktik überhaupt nicht zählt, und diesen Eindruck gewinnt man bei ihm, liegt er ziemlich daneben. Dass er seinen Feldzug gegen taktische Finessen und taktische Flexibilität ausgerechnet anlässlich eines Spiels der deutschen Mannschaft gegen Italien intensiviert, ist einigermaßen absurd. Denn Italiens beeindruckende Erfolgsbilanz beruht nicht zuletzt darauf, dass in dieser Fußballnation die Taktik schon immer groß geschrieben wurde. Das EM-Viertelfinale hat uns allerdings auch gezeigt, dass Deutschland hier an Boden gewonnen hat.

Beim FC Bayern war Scholl Trainer der U23. Das hat nicht wirklich funktioniert. Eine U23 ist eine Entwicklungsmannschaft, deren Spieler u.a. in taktischer Flexibilität geschult werden sollten. Insofern war Scholls Entscheidung, den deutlich leichteren (und möglicherweise deutlich besser dotierten) Job eines TV-Experten zu wählen. Als TV-Experte hat Scholl bislang vornehmlich mit flotten Sprüchen auf sich aufmerksam gemacht. Manchmal wirkt er auch schlecht vorbereitet. Kennt er einen Spieler nicht wirklich, beispielsweise Belgiens Lukaku, belässt er es bei rätselhaften Andeutungen. Sein Partner Opdenhövel wagt es dann in der Regel nicht, mal etwas nachzubohren.

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