Interview mit Peter Hyballa

Peter Hyballa gibt Anweisugnen.

Peter Hyballa (40) ist seit Sommer 2016 Cheftrainer beim niederländischen Erstligisten NEC Nijmegen. Begonnen hat er seine Trainerkarriere im Nachwuchsfußball seiner Heimatstadt Bocholt. Anschließend trainierte Hyballa Preußen Münster U17, Arminia Bielefeld U19, Ramblers Windhoek (Namibia), VfL Wolfsburg U17 und U19, Borussia Dortmund U19, Alemannia Aachen (2. Bundesliga), Red Bull Juniors Salzburg, Sturm Graz, Bayer Leverkusen U19 und für fünf Bundesligaspieltage Bayers Profis (gemeinsam mit Sascha Lewandowski – mit dem Ergebnis von 13 Punkten aus fünf Spielen, wodurch die Werkself noch in die Quialifikation zur Champions League kam).

Desweiteren ist Hyballa Autor mehrerer Fußball-Lehrbücher (gemeinsam mit Hans-Dieter te Poel) und gibt Trainerfortbildungen im In- und Ausland. Er ist Mitglied beim deutschen sowie beim niederländischen Profitrainerverband BDFL und CBV und schreibt auch für die DFB-Fachzeitschrift „fussballtraining“.

Dietrich Schulze-Marmeling sprach mit Hyballa über Defizite und neue Herausforderungen in der Nachwuchsförderung, fehlende Dribbler, den niederländischen Blick auf den deutschen Fußball und anderes mehr.

DSM: Reden wir über Konzeptfußball….

Hyballa: Ich komme ja selber auch über Konzept. Aber wir müssen aufpassen, dass die Empathie im Fußball nicht verloren geht. Empathie ist noch immer das allerwichtigste. Danach kommen Matchplan, Taktik. Aber du merkst schon, dass die NLZ-Spieler (NLZ: Nachwuchsleistungszentrum, eine Einrichtung der Profivereine) von heute genau wissen wollen, was sie zu tun haben. Als Trainer schaust du dir ein Spiel an, denkst darüber nach, mit welchem Gegengift du der Dreierkette des Gegners begegnen kannst. Und dann fällt das entscheidende Tor durch einen abgefälschten Freistoß. Dann zerkleinerst du den abgefälschten Strafstoß in ganz viele Stückchen, und schließlich wird nicht mehr über den abgefälschten Freistoß geredet, sondern darüber wie dieser Freistoß zustande kam.

Vor allem in Nachwuchsleistungszentren, aber zunehmend auch in Profimannschaften benutzt man heute die Konzeptsprache. Warum? Junge Spieler wollen von ihrem Trainer einfach wissen, ob gegen einen Gegner mit Dreierkette der 9er oder der 10er draufgehen und der 8er hochschieben soll. Der 16-Jährige wird uns selbstverständlich fragen: „Trainer, der Gegner kommt im 4-4-2, laufen wir ihn im 4-4-1-1 an und wo steuern wir hin? Spielen wir einen Chipball oder Tiki-Taka?“ Die Spieler von heute sind Experten in Raum und Zeit im Kontext von Matchplänen geworden. Und sie merken, dass ihnen neuartige Sprachbilder, häufig selbst erfunden und sogar codiert und verschlüsselt abgesprochen und dargeboten, helfen, schnell, präzise, sicher und kooperativ auf dem Spielfeld zu handeln.

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Mein lieber Scholli – Mehmet Scholl und die Fußballtaktik

Dietrich Schulze-Marmeling
Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – TV-Experte Mehmet Scholl hat Bundestrainer Jogi Löw und seinen Stab heftig kritisiert. Die Entscheidung, gegen die Italiener mit einer Dreierkette zu spielen, sei falsch gewesen. Löw höre zu viel auf seinen Scouting-Experten Siegenthaler, der lieber morgens im Bett bleiben solle (um sich dort wund zu liegen).

Scholl ist bereits seit einiger Zeit die Generation der „Laptop-Trainer“ ein Dorn im Auge. Nur Laptop reicht auch heute ganz sicherlich nicht, um eine Mannschaft zum Erfolg zu führen. Und man kann auch nicht leugnen, dass das Pendel hier zuweilen etwas zu stark in Richtung Laptop schlägt. Manchmal wirken die Spieler etwas zu stark erzogen – auf Kosten individueller Kreativität. Aber dies ist ein anderes Thema, das mit Jogi Löw nichts zu tun hat. Ein reiner „Laptop-Trainer“ findet keinen Zugang zu seiner Mannschaft. Der Job des Trainers ist äußerst komplex. Ein guter Trainer beherrscht eine Fülle von Fähigkeiten – so wie Jogi Löw oder Pep Guardiola.

Auch ist Taktik nicht alles. Aber wenn Scholl uns glauben machen will, dass Taktik überhaupt nicht zählt, und diesen Eindruck gewinnt man bei ihm, liegt er ziemlich daneben. Dass er seinen Feldzug gegen taktische Finessen und taktische Flexibilität ausgerechnet anlässlich eines Spiels der deutschen Mannschaft gegen Italien intensiviert, ist einigermaßen absurd. Denn Italiens beeindruckende Erfolgsbilanz beruht nicht zuletzt darauf, dass in dieser Fußballnation die Taktik schon immer groß geschrieben wurde. Das EM-Viertelfinale hat uns allerdings auch gezeigt, dass Deutschland hier an Boden gewonnen hat.

Beim FC Bayern war Scholl Trainer der U23. Das hat nicht wirklich funktioniert. Eine U23 ist eine Entwicklungsmannschaft, deren Spieler u.a. in taktischer Flexibilität geschult werden sollten. Insofern war Scholls Entscheidung, den deutlich leichteren (und möglicherweise deutlich besser dotierten) Job eines TV-Experten zu wählen. Als TV-Experte hat Scholl bislang vornehmlich mit flotten Sprüchen auf sich aufmerksam gemacht. Manchmal wirkt er auch schlecht vorbereitet. Kennt er einen Spieler nicht wirklich, beispielsweise Belgiens Lukaku, belässt er es bei rätselhaften Andeutungen. Sein Partner Opdenhövel wagt es dann in der Regel nicht, mal etwas nachzubohren.

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