Celtic vs. The Hibs – Ein Reisebericht

von Sascha Theisen – Glasgow ist keine schöne Stadt. Um ihr zu schmeicheln, könnte man sagen: Sie lebt von ihren Menschen. Wollte man das tun, also ihr schmeicheln, müsste man allerdings die Gestalten der Nacht ausschließen. Denn die Schotten des Nachtlebens sind alles andere als schmeichelhaft: Frauen, mit Hochdruckluftpistole in ihre Kleider geschossen, laufen auf Schuhen, die selbst lettischen Pornostars zu hoch wären, durch vollgekotzte Straßen auf denen robuste Männer auf den Zeitpunkt warten, sie endlich mit nach Hause zu nehmen. Keine Frage, sollte Gottes Finger eines Tages vor Zorn die Erde berühren, das Nachtleben in britischen Metropolen wird chancenlos sein.

Ein gänzlich anderes Bild bietet Glasgow allerdings, wenn Spieltag ist. Ich durfte das am letzten Wochenende erleben, als ich den Celtic Park besuchte. Offenbar schliefen die Nachtgespenster noch. Denn plötzlich waren die bemerkenswert schnell gesäuberten Straßen Glasgows mit Vätern und Söhnen bevölkert, die in Grün und Weiß gekleidet zum Spiel ihres Teams gingen oder fuhren. Der lange Weg von der U-Bahn-Station zum Stadion mutete an wie eine heilige Prozession in den Farben der Celtics, zumal sich die Rangers offenbar in jenen Kneipen verschanzten, die sie demonstrativ mit dem „Union Jack“ markieren. Dies war der Samstag stolzer Menschen, die die „Lisbon Lions“ im Herzen tragen, jener einzigen schottischen Mannschaft, die vor genau 50 Jahren den Europapokal der Landesmeister gewann.

Der britische Fußball hat sich verändert. Kein Alkohol vor dem Stadion, keine Gesänge an den Eingangstoren und Menschen mit vollständigen Zahnreihen. Was man einerseits als Verlust der britischen Fankultur kritisieren könnte, ist für neutrale Fußballreisende im Vorruhestand wie unsereins eine durchaus schätzenswert entspannte Angelegenheit. Trotzdem sind einige Standards geblieben: enge Eingangsbereiche zum Beispiel, die erklären warum Frank Pagelsdorf, Dieter Schatzschneider oder Reiner Calmund nie nach Großbritannien wechselten, steile Ränge in den Stadien und ein inbrünstiges „You’ll never walk alone“ vor dem Spiel. Die Atmosphäre im Celtic Park hatte mich sofort gefesselt. Sie versöhnte mich mit Glasgow nach all den Nachtgestalten und all der Tristesse einer Industriestadt, in der es vorher nicht viel mehr zu entdecken gab als ein beeindruckendes Wandgemälde gleich über „Barneys Beergarden“. Celtic Glasgow gab mir viel von dem, was ich mir eigentlich von der ganzen Stadt erhofft hatte.

Come on, you Hibs!

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Nach 1945: der FC Bayern, seine Juden und die Nazis

Gerade erschienen: „Der FC Bayern, seine Juden und die Nazis“ von Dietrich Schulze-Marmeling

Von Dietrich Schulze-Marmeling – In diesen Tagen erscheint die dritte Auflage des Buches „Der FC Bayern und seine Juden“. Stark erweitert (um gut 120 Seiten) und mit vielen neuen Erkenntnissen. Eigentlich ein neues Buch, weshalb auch ein neuer Titel gewählt wurde: „Der FC Bayern, seine Juden und die Nazis.“ Besonders folgende Bereiche konnten auf Grund weiterer Recherchen ausgebaut und konkretisiert werden: der Prozess der Nazifizierung des FC Bayern, die Biografie des letzten „Vereinsführers“ Josef Sauter, der keineswegs, wie bislang angenommen wurde, ein überzeugter Nazi war, sondern vielmehr nach dem Krieg einer Spruchkammer in den Entnazifizierungsverfahren vorsaß (vom Autor des Buches und dieses Blog-Beitrags erstmals im Mai 2016 in der „Süddeutschen Zeitung“ angesprochen), die Biografien der jüdischen Opfer (der FC Bayern hatte mehr jüdische Mitglieder als bislang angenommen), die Rückkehr jüdischer Mitglieder nach 1945, aber auch der zunächst ausgeschlossenen ehemaligen NSDAP-Mitglieder.

Die Rückkehr der „Bayern-Juden“

Nach dem Ende des Krieges war es vornehmlich Siegfried Herrmann, in den Weimarer Jahren ein langjähriger Mitstreiter des ehemaligen jüdischen Klub-Präsidenten Kurt Landauer, der die erforderlichen Arbeiten für die Lizenzierung des FC Bayern bei der Militärregierung durchführte. Es „mußten (aus den Vereinsleitungen, Anm. d. Autors) sämtliche Parteigenossen ausscheiden. Mitglieder, die als Aktivisten angesprochen werden konnten, mußten sogar ausgeschlossen werden. Dazu war es notwendig, Berge von Fragebögen auszufüllen, Bürgen beizubringen usw., ehe man damit rechnen konnte, die Lizenz der Militärregierung in den Händen zu halten“ („50 Jahre FC Bayern“). Am 5. Juli 1946 beschloss eine Vorstandsitzung des FC Bayern den Ausschluss der ehemaligen NSDAP-Mitglieder.

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Fußball-Derbys in Belfast

Von Dietrich Schulze-Marmeling – Am 5. Oktober spielt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Belfast gegen Nordirland. Eine kleine Gruppe, zu der u.a. die Werkstatt-Lektoren Bernd Beyer und Christoph Schottes sowie Werkstatt-Autor Gregor Schnittker gehören, wird aus diesem Anlass in Belfast eine kleine Fußballtour unternehmen. Auf dem Programm stehen u.a. Glentoran Belfast, Belfast Celtic Museum, Museum der Irish Football Association (IFA), George Best House, die Grabstätten der Legenden Elisha Scott und Charlie Tully, Wandgemälde zum Thema Fußball (und Fußball & Politik) sowie diverse Pubs, die mit dem Fußball zu tun haben.

Im Folgenden ein Überblick über die Belfaster Fußballlandschaft und Derbys. Der Beitrag erschien bereits in kürzerer Form im „Zeitspiel“-Magazin.

Belfasts Derby-Geschichte ist aus zwei Gründen kompliziert. Erstens: Es gibt gleich mehrere Derbys – einige sind „ethno-kultureller“ Art, andere nur durch sportliche und geografische Rivalität geprägt. Zweitens: Das größte Derby in der Geschichte nicht nur des Belfaster Fußballs, sondern auch des nordirischen, ja sogar des irischen überhaupt, existiert bereits seit über sechs Jahrzehnten nicht mehr, ist aber immer noch ein Thema, zu dem periodisch ausführliche Zeitungsartikel und Bücher erscheinen.

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Interview mit Peter Hyballa

Peter Hyballa gibt Anweisugnen.

Peter Hyballa (40) ist seit Sommer 2016 Cheftrainer beim niederländischen Erstligisten NEC Nijmegen. Begonnen hat er seine Trainerkarriere im Nachwuchsfußball seiner Heimatstadt Bocholt. Anschließend trainierte Hyballa Preußen Münster U17, Arminia Bielefeld U19, Ramblers Windhoek (Namibia), VfL Wolfsburg U17 und U19, Borussia Dortmund U19, Alemannia Aachen (2. Bundesliga), Red Bull Juniors Salzburg, Sturm Graz, Bayer Leverkusen U19 und für fünf Bundesligaspieltage Bayers Profis (gemeinsam mit Sascha Lewandowski – mit dem Ergebnis von 13 Punkten aus fünf Spielen, wodurch die Werkself noch in die Quialifikation zur Champions League kam).

Desweiteren ist Hyballa Autor mehrerer Fußball-Lehrbücher (gemeinsam mit Hans-Dieter te Poel) und gibt Trainerfortbildungen im In- und Ausland. Er ist Mitglied beim deutschen sowie beim niederländischen Profitrainerverband BDFL und CBV und schreibt auch für die DFB-Fachzeitschrift „fussballtraining“.

Dietrich Schulze-Marmeling sprach mit Hyballa über Defizite und neue Herausforderungen in der Nachwuchsförderung, fehlende Dribbler, den niederländischen Blick auf den deutschen Fußball und anderes mehr.

DSM: Reden wir über Konzeptfußball….

Hyballa: Ich komme ja selber auch über Konzept. Aber wir müssen aufpassen, dass die Empathie im Fußball nicht verloren geht. Empathie ist noch immer das allerwichtigste. Danach kommen Matchplan, Taktik. Aber du merkst schon, dass die NLZ-Spieler (NLZ: Nachwuchsleistungszentrum, eine Einrichtung der Profivereine) von heute genau wissen wollen, was sie zu tun haben. Als Trainer schaust du dir ein Spiel an, denkst darüber nach, mit welchem Gegengift du der Dreierkette des Gegners begegnen kannst. Und dann fällt das entscheidende Tor durch einen abgefälschten Freistoß. Dann zerkleinerst du den abgefälschten Strafstoß in ganz viele Stückchen, und schließlich wird nicht mehr über den abgefälschten Freistoß geredet, sondern darüber wie dieser Freistoß zustande kam.

Vor allem in Nachwuchsleistungszentren, aber zunehmend auch in Profimannschaften benutzt man heute die Konzeptsprache. Warum? Junge Spieler wollen von ihrem Trainer einfach wissen, ob gegen einen Gegner mit Dreierkette der 9er oder der 10er draufgehen und der 8er hochschieben soll. Der 16-Jährige wird uns selbstverständlich fragen: „Trainer, der Gegner kommt im 4-4-2, laufen wir ihn im 4-4-1-1 an und wo steuern wir hin? Spielen wir einen Chipball oder Tiki-Taka?“ Die Spieler von heute sind Experten in Raum und Zeit im Kontext von Matchplänen geworden. Und sie merken, dass ihnen neuartige Sprachbilder, häufig selbst erfunden und sogar codiert und verschlüsselt abgesprochen und dargeboten, helfen, schnell, präzise, sicher und kooperativ auf dem Spielfeld zu handeln.

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Der FC Bayern, die Nazis und Herr Herzog

von Dirk Kämper und Dietrich Schulze-Marmeling

Seit einigen Tagen befindet sich der von Dr. Markwart Herzog herausgegebene Band „Die ‚Gleichschaltung‘ des Fußballsports im nationalsozialistischen Deutschland“ auf dem Markt. Im Vorfeld hatte der Herausgeber kräftig die Werbetrommel gerührt und dabei seinen eigenen Beitrag in den Mittelpunkt gestellt: „Die drei ‚Arierparagrafen‘ des FC Bayern München. Opportunismus und Antisemitismus in den Satzungen des bayerischen Traditionsvereins“.

Startschuss zur Werbekampagne war ein vierseitiger Artikel im „Spiegel“ (Nr. 21/2016), dem Interviews auf „Spiegel online“ und auf „haGalil.com“ folgten. Hier bezichtigte Herzog speziell die Macher der FC Bayern Erlebniswelt (so nennt man heute Klubmuseen…) des „wissenschaftlichen Dilettantismus“ mit dem Ziel, dem FC Bayern eine „Heldengeschichte“ anzudichten. „De facto“ habe der Verein Juden sogar „schlechter behandelt als der nationalsozialistische Unrechtsstaat in seinen Rassengesetzen“.

Herzog verschickt nun mit der Werbung für sein Werk eine Muster-Rezension, die ein „Lew Jaschin“ für „haGalil.com“ verfasst hat. Dabei handelt es sich aber lediglich um einen reißerischen Ankündigungstext für das Buch – genauer: für Herzogs Beitrag in diesem Buch. Wer sich hinter dem Pseudonym „Lew Jaschin“ verbirgt, wissen wir nicht. „Lew Jaschin“ stellt u.a. die völlig unsinnige Behauptung auf, Dirk Kämper und Dietrich Schulze-Marmeling würden seit Jahren am Bayern-Mythos vom „liberalen ‚Judenverein‘“ stricken. An keiner Stelle haben die Autoren jemals behauptet, der FC Bayern sei ein „liberaler ‚Judenverein‘“ gewesen. Wir haben dem FC Bayern VOR 1933 eine gewisse Liberalität attestiert, weil er weltanschaulich neutral war (zu seinen Mitgliedern gehörten auch mindestens zwei später ermordete Widerstandskämpfer) und jüdische Bürger willkommen hieß. Als einen „Judenverein“ haben WIR den FC Bayern ganz sicherlich nicht bezeichnet – dies taten seine Gegner (und nun „Lew Jaschin“). Ganz abgesehen davon: Antisemitismus gab es im FC Bayern vor 1933, nach 1933 und auch noch nach 1945. Darüber kann man bei Schulze-Marmeling und Kämper lesen. Und selbst der Film „Der Präsident“ über Kurt Landauer, als fiktionaler Spielfilm weit mehr ein Kunstprodukt denn eine wissenschaftliche Aufarbeitung, behandelt im Kern das Thema des letztendlichen Scheitern Landauers an Kontinuitäten nationalsozialistischer und antisemitischer Ideen – sowohl in Deutschland als auch besonders innerhalb des FC Bayern München. Im Übrigen ist das Verdienst dieses Films die Aufklärung eines breiten Publikums über den jüdischen Beitrag im deutschen Fußball vor 1933, der bis dahin den wenigsten bewusst war.

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Alles nur Neid?

Hardy Grüne

von Hardy Grüne – Nichts anderes als eine Neiddebatte sei es, wenn über die Honorare von Fußball-TV-Experten wie Memet Scholl oder Oliver Kahn gesprochen werde. Der Mediendienst „Kress“ hatte berichtet, es flössen bis zu 50.000 Euro Tagesgage.

Vorab: nichts ist bewiesen, es stehen lediglich Behauptungen im Raum. Sowohl ARD als auch Scholl und Kahn dementierten umgehend. „Die Zahl ist unwahr und meilenweit von der Wirklichkeit entfernt“, erklärte ARD-Programmdirektor Volker Herres. Ähnliches war schon vor einigen Wochen nach der Neuvergabe der TV-Rechte zu hören gewesen. Damals hieß es, die ARD müsse jedes Jahr 34 Millionen Euro mehr zahlen. „Die Zahlen sind falsch“, erklärte Herres seinerzeit.

In beiden Fällen blieben diese Aussagen beleglos im Raum stehen, lehnte Herres Forderungen nach Offenlegung kategorisch ab. „Wir haben im Sport einen gedeckelten Etat von 250 Millionen Euro pro Jahr für alles. (…) Jeder Mitbewerber könnte sofort ausrechnen: Wie viel haben die noch?“ Das ist zweifelsohne berechtigt, ebenso wie niemand erwarten darf, dass Scholl und Kahn ihre Verdienste von sich aus offen legen. Das würde niemand von uns tun, und das sollte man auch „Stars“ zugestehen.

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Eine EM ohne Holland – über die Krise des niederländischen Fußballs

von Kieran Schulze-Marmeling – „…Oranje ist eine mitleiderregende Mannschaft, die auf einem Endturnier nichts mehr zu suchen hat. Die niederländische Mannschaft anno 2015 erweckt den Eindruck eines steuerlosen Schiffs. Fußballerisch, beim Coaching, bei der Widerstandskraft, bei der Zweikampfstärke, beim technischen Vermögen und bei der Kreativität. Eigentlich bei allem.“ So Willem Vissers in der niederländischen Zeitung „De Volkskrant“ nach dem Scheitern der Elftal in der EM-Qualifikation. Die öffentlichen Reaktionen auf diesen Tiefpunkt der jüngeren niederländischen Fußballgeschichte dokumentierten ein großes Spektrum negativer Gefühle. Von Trauer, Wut und Pessimismus bezüglich der Zukunft der eigenen Nationalmannschaft bis hin zu Resignation und Häme. So titelte das Satire-Blatt „De Speld“ bereits eine mögliche Abmeldung der Elftal vom offiziellen Spielbetrieb: „De KNVB stopt met Nederlands voetbalelftal.“ Mag das für ein satirisches Magazin noch wenig ungewöhnlich sein, so erschien die Nüchternheit, mit der eine breite Öffentlichkeit das vermeintlich unerwartete Scheitern anschließend hinnahm, doch verwunderlich. „Ich sehe keine Nation in tiefer Trauer“, fasste Professor Dr. Friso Wielenga, Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, die öffentliche Stimmung zusammen. Ein verwunderlicher Zustand, betrachtet man, wie ungewöhnlich diese Situation doch eigentlich ist für die Niederlande. Um die Tragweite aufzuzeigen, sei erwähnt, dass sich die Elftal letztmals 1984 nicht für eine Europameisterschaft qualifiziert hatte. Bedenkt man nun, dass die Europameisterschaft 2016 die Erste ist, zu der 24 Mannschaften zugelassen sind und die Niederlande mit Tschechien, Island und der Türkei an Mannschaften gescheitert ist, die nicht zur Elite des europäischen Fußballs gehören, lässt dies das Ausscheiden gravierender als einen einmaligen Ausrutscher erscheinen.

Auf diesen Anblick mussten wir während der EM in Frankreich leider verzichten: Niederländische Fans beim sogenannten Public Viewing.
Auf diesen Anblick mussten wir während der EM in Frankreich leider verzichten: Niederländische Fans beim sogenannten Public Viewing. Quelle: CC BY-SA 2.0: Martin Abegglen, „Oranje auf dem Bundesplatz“, https://www.flickr.com/photos/twicepix/2584862304/

Hausgemachte Probleme

Die momentane Krise des niederländischen Fußballs ist weder plötzlich aufgetaucht, noch lässt sie sich kurzfristig lösen. Zwar ist das Potenzial der Nationalmannschaft sicher nicht so schlecht, wie es das Scheitern in der Europameisterschaftsqualifikation vermuten lässt. Dennoch ist offensichtlich, dass die Niederlande auf vielen Ebenen des Fußballs stagniert oder sich sogar zurückentwickelt. Sicher sind einige der Probleme, welche die Misere ausgelöst haben, nicht selbstverschuldet. Der Absturz des Klubfußballs lässt sich beispielsweise simpel über den finanziellen Faktor erklären. Dass die Vereine der Eredivisie international keine große Rolle mehr spielen, ist angesichts der immensen wirtschaftlichen Vorteile der Klubs aus den großen Ligen in Deutschland, England und Spanien gegenüber den Niederländern, völlig normal. Insbesondere, da bei den großen Vereinen nicht mehr nur in die besten Spieler investiert wird, sondern auch in Trainer und Strukturen. Des Weiteren haben andere Länder aufgeschlossen, indem sie ihre eigene Arbeit auf den Prüfstand gestellt und sich sogar mit Hilfe niederländischer Expertise weiterentwickelt haben. Dazu muss sich die Niederlande auch mit der Konkurrenz aufstrebender kleinerer Länder auseinandersetzen, die ihre Ausbildungsarbeit ebenfalls optimiert haben. Beispiele hierfür sind die Schweiz, Belgien oder auch Island.

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Geschichte als dritte Halbzeit – eine Replik auf Markwart Herzog

Der Religionsphilosoph Markwart Herzog hat rechtzeitig zum Pokalfinale den FC Bayern zur Aufarbeitung seiner Geschichte im Nationalsozialismus gemahnt.

Zu den entsprechenden Artikeln „Münchner Protokolle“, Spiegel Nr. 21/2016, sowie „FC Bayern sollte NS-Geschichte aufarbeiten“, SZ vom 21.5.2016, hier nun eine Entgegnung von Dirk Kämper, Autor des Buches „Kurt Landauer. Der Mann, der den FC Bayern erfand“, erschienen im Orell Füssli Verlag, Zürich 2014.

von Dirk Kämper – Mit großem Erstaunen habe ich die Erkenntnisse von Markwart Herzog in Spiegel und Süddeutscher Zeitung zur Kenntnis genommen. Mit Erstaunen deshalb, weil ich dort Dinge lese, die meinen eigenen Recherchen zu Kurt Landauer, dem mehrmaligen FC-Bayern-Präsidenten, in ganz wesentlichen Punkten widersprechen.

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„Genug ist nicht genug“

von Hardy Grüne – Sandro Wagner möchte bedauert werden. Seine „komplette Jugend“ habe er vernichtet, um für Geld Fußball spielen zu können. „Du hast kaum Freunde in der Jugend, kannst nicht einfach in die Disco abends. Da musst du fit sein, da hast du Spiele“, klagt er über die Folgen der regelmäßigen Trainings- und Übungseinheiten, die der Versuch, im Leistungssport eine Karriere hinzulegen, so mitbringen.

Klingt ein bisschen nach dem 13-jährigen Mädel aus meiner Nachbarschaft, die beim örtlichen Handballklub spielt und fast jeden Sonntagmorgen um 9 Uhr auf der Platte zu stehen hat. Mit 13 ist sie noch nicht im Disco-Alter, doch ihr künftiges Problem ist absehbar, denn sie ist ehrgeizig und will eines Tages in der Verbandsligamannschaft ihres Klubs spielen. Dazu braucht es nicht nur Ehrgeiz und Talent, sondern vor allem Bereitschaft zum Verzicht.

Ihre Sportsachen zahlt sie übrigens selbst. Wie auch den Mitgliedsbeitrag beim Verein, damit sie überhaupt spielen kann. Und wie die Mannschaft am frühen Sonntagmorgen zu den Auswärtsspielen in bis zu 50 Kilometer vom Wohnort entfernte Sporthallen kommt, ist allwöchentlich hitzig diskutierter Streitpunkt unter den Eltern der jungen Damen. Denn die leisten den entsprechenden Fahrdienst. Ehrenamtlich, auf eigene Kosten und mit persönlichem Risiko. Willkommen in der Welt des Leistungssports.

Verdienen Profifußballer genug? Sandro Wagner hat seine Meinung zu diesem Thema kundgetan. Foto: "Icetea 99" (Autor), "Sandro Wagner nach Tor", Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sandro_Wagner_im_Trikot_von_Darmstadt.jpg
Verdienen Profifußballer genug? Sandro Wagner hat seine Meinung zu diesem Thema kundgetan. Foto: „Icetea 99“ (Autor), „Sandro Wagner nach Tor“, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sandro_Wagner_im_Trikot_von_Darmstadt.jpg

Sandro Wagner meint, wenn man sich so vehement für eine Sache einsetze, wie er es getan habe, müsse man entsprechend entlohnt werden. Und dann seien selbst 12 Mio. Euro, wie sie so mancher Kollege beim FC Bayern einsackt, längst nicht genug. Mir fällt es schwer, bei diesen Aussagen nicht zynisch zu werden. Zumal in Zeiten, in denen breite Bevölkerungsschichten Sorgen um ihre Renten haben und vor allem die Jugend häufig vor der Aussicht auf eine schleppende Karriere im Prekariat steht.

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Quo vadis, Ultras?

Von Dietrich Schulze-Marmeling – In einigen Stadien macht sich mittlerweile eine Anti-Ultra-Stimmung breit. In Münster ist die Situation mal wieder eskaliert, nachdem beim Spiel Preußen Münster gegen Energie Cottbus im Bereich der Ultras ca. 60 Rauchtöpfe gezündet wurden, wodurch auch einige unbeteiligte Zuschauer in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die „Ultras raus!“-Rufe häufen sich im Preußenstadion.

1000x diskutiert – 1000x nix passiert: das renovierungsbedürftige Preußenstadion. Quelle: Groundhopping Merseburg, "Preußen Münster v Dynamo Dresden / Münster fans complaining", CC BY-NC 2.0, https://www.flickr.com/photos/fchmksfkcb/15806962673/
1000x diskutiert – 1000x nix passiert: das renovierungsbedürftige Preußenstadion. Quelle: Groundhopping Merseburg, „Preußen Münster v Dynamo Dresden / Münster fans complaining“, CC BY-NC 2.0, https://www.flickr.com/photos/fchmksfkcb/15806962673/

Bevor ich auf Münster eingehe, fasse ich mal meine Probleme mit den Ultras zusammen: 1. Die Gruppen wirken häufig wie Geheimbünde oder Kaderparteien, was mit meinen Vorstellungen von einer demokratischen und offenen Gesellschaft kollidiert. 2. Man erhebt sich über den Rest der Zuschauer, beansprucht für sich etwas Besonderes zu sein: die einzig wahren Fans, „Gralshüter“ einer „traditionellen Fankultur“ – ohne so recht zu wissen, was „traditionelle Fankultur“ eigentlich war / ist. (Zuletzt habe ich sie an der Liverpooler Anfield Road erlebt – ohne Pyros, ohne Rauchtöpfe, ohne Ultras). 3. Man hegt einen elitären Führungsanspruch, was sich mit meiner Vorstellung von einer pluralistischen Gesellschaft beißt. Und der manchmal genau das unterdrückt, was man verteidigen will: traditionelle Fankultur. Hier kann die häufig strapazierte Behauptung „Ohne uns wäre hier gar nichts los“ den Charakter einer self-fulfilling prophecy bekommen. Sind Spontanität und andere Formen der Stimmungsmache erst einmal weggedrückt, bleiben tatsächlich nur noch die Ultras als Stimmungskanonen übrig. Wir wissen nicht, wie es um die Stimmung in den Stadien bestellt wäre, hätte es die Ultras nie gegeben. 4. Die extrem starke Betonung des Lokalpatriotismus‘. Es hat etwas Lächerliches, Aufgesetztes, Archaisches, ja Reaktionäres, wenn bei einem Derby zwischen Münster und Osnabrück noch einmal der Dreißigjährige Krieg ausgefochten wird. 5. Ich verstehe nicht, warum Pyros und Rauchtöpfe (wobei dies völlig unterschiedliche Dinge sind – so wie auch Rauchtöpfe und Rauchtöpfe unterschiedliche Dinge sein können) für die eigene Identität unverzichtbar sind. Was ist das für eine Identität, die bereits zusammenbricht, wenn nicht mehr gezündelt wird? 6. Liebe zum eigenen Verein ist okay. Hass, und damit meine ich wirklich Hass, auf andere Vereine ist fragwürdig und kontraproduktiv, sofern wir ein Fußballspiel als sportliche Auseinandersetzung begreifen. Als Fan des BVB und von Preußen hasse ich Schalker, Bielefelder und Osnabrücker nicht – ich möchte lediglich, dass wir gegen sie gewinnen. 7. Ich mag keine monotonen, von einem Capo dirigierten Gesänge. „Traditionelle Fankultur“ benötigt so etwas nicht. „Traditionelle Fankultur“ bestand nicht zuletzt aus einer spontanen Interaktion mit dem Spielgeschehen.

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