Quo vadis, Juniorenfußball?

von Peter Hyballa und Dietrich Schulze-Marmeling – Gibt es eigentlich noch eine Unterscheidung zwischen Senioren- und Juniorenfußball? Oder wird der Nachwuchsfußball immer mehr zum Seniorenfußball? In der U19-Bundesliga genügen manchmal schon drei Niederlagen in Folge, damit sich auch hier das Trainerkarussell dreht. Die U19 des Profiklubs XY gewinnt in dieser Saison nicht die Meisterschaft. Aber im Gegensatz zur Meisterelf vom Vorjahr sind drei Spieler dabei, die es in die 1. Mannschaft bzw. in den Profibereich schaffen – dank guter Ausbildungsarbeit. Wovon der Klub eigentlich mehr hat als von einem Junioren-Meistertitel, der lediglich der Imagepflege dient. Aber häufig wird nur das Mannschaftsergebnis gesehen – nicht die individuelle Entwicklung von Spielern. Bereits im Nachwuchsfußball werden Trainer danach beurteilt, wie viele Titel sie eingefahren haben. Leute, die eigentlich primär ausbilden sollen, werden zu Titeltrainern, betreiben primär Titelarbeit.

Wenn es aber in erster Linie um die Mannschaftsleistung, Ligazugehörigkeit und den Tabellenplatz geht, muss man sich nicht wundern, wenn sich auch in den Juniorenklassen ein Fußball ausbreiten kann, wie er derzeit in der Bundesliga beklagt wird. Ein von Angst geprägter Fußball, der übermäßig das Spiel „gegen den Ball“ betont (anstatt das Spiel mit dem Ball), auf lange Bälle und die „zweiten Bälle“ setzt.

Sogar Trainer in den Altersklassen U11 und U13 bilden häufig nicht individuell aus, sondern betreiben in erster Linie Titeljagd. Für die Spieler aus aller Herren Länder geholt werden. Nach Möglichkeit solche, die über eine für ihr Alter beeindruckende Physis verfügen. Schließlich will man später mal die U17 oder U19 des Klubs übernehmen. Und die Empfehlung für diesen Job läuft über Titel. Den U11- und U13-Trainer kennen lediglich die Eltern und noch einige Insider. Die „großen Trainer“ sind die, die in der Junioren-Bundesliga in der Coaching-Zone stehen. Hinzu kommt, dass es für junge Trainer leichter geworden ist, in den Profibereich aufzusteigen. Siehe Julian Nagelsmann, siehe Domenico Tedesco. Was im Prinzip eine erfreuliche Entwicklung ist. Aber gemessen an der Gesamtzahl hochgradig qualifizierter Trainer handelt es sich um einen sehr geringen Prozentsatz. Heute möchte jeder Profitrainer werden. Aber auf dem Weg dorthin wird manchmal vernachlässigt, was die eigentliche Aufgabe eines Nachwuchstrainers ist.

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Zeitgeschichtliches zur EM: Das Team Nordirland

Northern_ireland_national_football_team_logoVon Dietrich Schulze-Marmeling – Bei der EM in Frankreich wird die DFB-Elf im letzten Gruppenspiel auf Nordirland treffen. Für die Nordiren ist es die erste Teilnahme an einem großen Turnier seit der WM 1986 in Mexiko. Seither hatte sich die europäische Fußballlandkarte erheblich verändert. War Nordirland jahrzehntelang der Größte unter den Kleinen Europas gewesen (auch bei den WM-Turnieren 1958 und 1982 spielte die Provinz mit), so wurde diesem Status nun durch die Auflösung der Sowjetunion, Jugoslawiens und der Tschechoslowakei der Boden entzogen.

Zur verschärften Konkurrenz kam die konfessionelle und politische Spaltung des Landes hinzu. Bei den Katholiken konkurrierte Soccer mit den Gaelic Games (Gaelic Football, Hurling), die unter der Obhut der gesamtirischen, steinreichen und besonders in der Republik Irland politisch einflussreichen Gaelic Athletic Association (GAA) betrieben werden. Und sofern Katholiken kickten, konnten sie häufig mit der nordirischen Auswahl wenig anfangen: zu protestantisch, zu loyalistisch – vor allem die Fans betreffend.

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„Jeder Nachteil hat einen Vorteil“. Was wir von Johan Cruyff für den Jugendfußball lernen können

Von Dietrich Schulze-Marmeling – Marco Henseling hat für Spielverlagerung.de einen sehr lesenswerten Beitrag zum Thema „Relative Age Effect“ (RAE) geschrieben. „Der RAE ist eines der interessantesten Phänomene im Nachwuchssport – und eines der besorgniserregendsten. Im Wesentlichen besagt er, dass innerhalb eines Jahres – oder genauer: innerhalb eines Selektionszeitraumes – früh geborene Sportler gegenüber jenen, die in einem späteren Monat geboren sind, systematisch bevorzugt werden. (…) Vom RAE sind vor allem kraft- und laufintensive Sportarten betroffen, die sich einer großen öffentlichen Beliebtheit erfreuen und in denen früh selektiert wird. All das trifft auf den Fußball zu.

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