Der Fußball und das Bier

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Die Ehe von Fußball und Bier ist fast so alt wie das moderne Spiel selbst. Der Fußball und das Bier – das ist die älteste kommerzielle Verbindung in diesem Sport. Die Aufstiege der berühmten britischen Klubs FC Liverpool, Manchester United und Celtic Glasgow waren zumindest auch das Werk von Bierbrauern und Gastwirten, die im Fußball einen großen Absatzmarkt erblickten. Aber auch in Deutschland waren diese nicht selten erste Mäzene und wirtschaftliche Profiteure des Spiels.

Ohne Bier kein FC Liverpool

Beginnen wir mit England, dem Mutterland des Fußballs. Den FC Liverpool würde es hier ohne Bier gar nicht geben. Denn der Klub wurde nicht zuletzt gegründet, um die kommerziellen Interessen eines Bierbrauers zu befriedigen.

Der FC Everton, gegründet 1878, ist der ältere der beiden Liverpooler Premier-League-Klubs. Everton spielte zunächst an der Anfield Road, vielen nur als Spielstätte der „Reds“ bekannt. Besitzer der Spielstätte war John Houlding, seit 1881 Präsident des FC Everton.

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England, der Nachwuchs und die WM 2018

Ein Interview mit Raphael Honigstein

Raphael Honigstein

Raphael Honigstein, Jahrgang 1973, lebt seit 22 Jahren als Journalist, Fernsehexperte und Autor in London. Er berichtet u.a. für Spiegel Online, ESPN und BT Sport über den englischen und deutschen Fußball. Honigstein ist auch Autor einer exzellenten Jürgen-Klopp-Biografie („Ich mag wenn’s kracht“), die im Herbst 2017 bei Ullstein erschien. Weitere sehr lesenswerte Veröffentlichungen aus seiner Feder: „Der vierte Stern: Wie sich der deutsche Fußball neu erfand“ (ebenfalls Ullstein) und „Harder, better, faster, stronger – Die geheime Geschichte des englischen Fußballs“ (Kiepenheuer & Witsch 2006, erweiterte Neuauflage März 2017).

Kieran Schulze-Marmeling (KSM) sprach mit Honigstein (RH) über die jüngsten Erfolge des englischen Fußballnachwuchses, der 2017 gleich drei Titel abräumte und die Fans der Engländer im Vorfeld der WM 2018 träumen lässt.

 

KSM: Nachdem sich die „goldene Generation“ um Steven Gerrard, David Beckham, Frank Lampard oder Paul Scholes nach und nach verabschiedete, kamen große Sorgen um den englischen Fußball auf. Wie ist die aktuelle Fülle an Talenten, die nach oben streben, zu erklären?

RH: Seit der Einführung des „Elite Player Performance Plans“ (EPPP) im Jahr 2011 hat sich die Qualität der Nachwuchsspieler stetig verbessert. Der Plan erleichterte vor allem den größeren Klubs die gezielte Förderung von Talenten und öffnet auch die Tür für Spiele der Nachwuchsmannschaften gegen professionelle Teams der unteren Ligen, zum Beispiel in der Checker Trade Trophy. Besonders bei Manchester City und Tottenham werden Riesensummen in die Nachwuchsförderung gesteckt.

„Auch in Sachen Persönlichkeitsentwicklung und schulische Ausbildung gibt es weiterhin Defizite.“

KSM: Hat es konkrete strukturelle Veränderungen in der Nachwuchsarbeit Englands gegeben, die zum momentanen Erfolg geführt haben?

RH: Abgesehen von den strukturellen Veränderungen, die (bei den Spitzenklubs) nach und nach greifen, spielen auch spezielle Faktoren eine Rolle. Bei Tottenham, die gerade eine ganze Menge guter neuer Spieler in die Liga bringen, ist mit Mauricio Pochettino ein überzeugter Jugendförderer Trainer und dazu das Geld für größere Transfers etwas knapp. Die Spurs bauen gerade ein neues Stadion.

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Eine EM ohne Holland – über die Krise des niederländischen Fußballs

von Kieran Schulze-Marmeling – „…Oranje ist eine mitleiderregende Mannschaft, die auf einem Endturnier nichts mehr zu suchen hat. Die niederländische Mannschaft anno 2015 erweckt den Eindruck eines steuerlosen Schiffs. Fußballerisch, beim Coaching, bei der Widerstandskraft, bei der Zweikampfstärke, beim technischen Vermögen und bei der Kreativität. Eigentlich bei allem.“ So Willem Vissers in der niederländischen Zeitung „De Volkskrant“ nach dem Scheitern der Elftal in der EM-Qualifikation. Die öffentlichen Reaktionen auf diesen Tiefpunkt der jüngeren niederländischen Fußballgeschichte dokumentierten ein großes Spektrum negativer Gefühle. Von Trauer, Wut und Pessimismus bezüglich der Zukunft der eigenen Nationalmannschaft bis hin zu Resignation und Häme. So titelte das Satire-Blatt „De Speld“ bereits eine mögliche Abmeldung der Elftal vom offiziellen Spielbetrieb: „De KNVB stopt met Nederlands voetbalelftal.“ Mag das für ein satirisches Magazin noch wenig ungewöhnlich sein, so erschien die Nüchternheit, mit der eine breite Öffentlichkeit das vermeintlich unerwartete Scheitern anschließend hinnahm, doch verwunderlich. „Ich sehe keine Nation in tiefer Trauer“, fasste Professor Dr. Friso Wielenga, Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, die öffentliche Stimmung zusammen. Ein verwunderlicher Zustand, betrachtet man, wie ungewöhnlich diese Situation doch eigentlich ist für die Niederlande. Um die Tragweite aufzuzeigen, sei erwähnt, dass sich die Elftal letztmals 1984 nicht für eine Europameisterschaft qualifiziert hatte. Bedenkt man nun, dass die Europameisterschaft 2016 die Erste ist, zu der 24 Mannschaften zugelassen sind und die Niederlande mit Tschechien, Island und der Türkei an Mannschaften gescheitert ist, die nicht zur Elite des europäischen Fußballs gehören, lässt dies das Ausscheiden gravierender als einen einmaligen Ausrutscher erscheinen.

Auf diesen Anblick mussten wir während der EM in Frankreich leider verzichten: Niederländische Fans beim sogenannten Public Viewing.
Auf diesen Anblick mussten wir während der EM in Frankreich leider verzichten: Niederländische Fans beim sogenannten Public Viewing. Quelle: CC BY-SA 2.0: Martin Abegglen, „Oranje auf dem Bundesplatz“, https://www.flickr.com/photos/twicepix/2584862304/

Hausgemachte Probleme

Die momentane Krise des niederländischen Fußballs ist weder plötzlich aufgetaucht, noch lässt sie sich kurzfristig lösen. Zwar ist das Potenzial der Nationalmannschaft sicher nicht so schlecht, wie es das Scheitern in der Europameisterschaftsqualifikation vermuten lässt. Dennoch ist offensichtlich, dass die Niederlande auf vielen Ebenen des Fußballs stagniert oder sich sogar zurückentwickelt. Sicher sind einige der Probleme, welche die Misere ausgelöst haben, nicht selbstverschuldet. Der Absturz des Klubfußballs lässt sich beispielsweise simpel über den finanziellen Faktor erklären. Dass die Vereine der Eredivisie international keine große Rolle mehr spielen, ist angesichts der immensen wirtschaftlichen Vorteile der Klubs aus den großen Ligen in Deutschland, England und Spanien gegenüber den Niederländern, völlig normal. Insbesondere, da bei den großen Vereinen nicht mehr nur in die besten Spieler investiert wird, sondern auch in Trainer und Strukturen. Des Weiteren haben andere Länder aufgeschlossen, indem sie ihre eigene Arbeit auf den Prüfstand gestellt und sich sogar mit Hilfe niederländischer Expertise weiterentwickelt haben. Dazu muss sich die Niederlande auch mit der Konkurrenz aufstrebender kleinerer Länder auseinandersetzen, die ihre Ausbildungsarbeit ebenfalls optimiert haben. Beispiele hierfür sind die Schweiz, Belgien oder auch Island.

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„Genug ist nicht genug“

von Hardy Grüne – Sandro Wagner möchte bedauert werden. Seine „komplette Jugend“ habe er vernichtet, um für Geld Fußball spielen zu können. „Du hast kaum Freunde in der Jugend, kannst nicht einfach in die Disco abends. Da musst du fit sein, da hast du Spiele“, klagt er über die Folgen der regelmäßigen Trainings- und Übungseinheiten, die der Versuch, im Leistungssport eine Karriere hinzulegen, so mitbringen.

Klingt ein bisschen nach dem 13-jährigen Mädel aus meiner Nachbarschaft, die beim örtlichen Handballklub spielt und fast jeden Sonntagmorgen um 9 Uhr auf der Platte zu stehen hat. Mit 13 ist sie noch nicht im Disco-Alter, doch ihr künftiges Problem ist absehbar, denn sie ist ehrgeizig und will eines Tages in der Verbandsligamannschaft ihres Klubs spielen. Dazu braucht es nicht nur Ehrgeiz und Talent, sondern vor allem Bereitschaft zum Verzicht.

Ihre Sportsachen zahlt sie übrigens selbst. Wie auch den Mitgliedsbeitrag beim Verein, damit sie überhaupt spielen kann. Und wie die Mannschaft am frühen Sonntagmorgen zu den Auswärtsspielen in bis zu 50 Kilometer vom Wohnort entfernte Sporthallen kommt, ist allwöchentlich hitzig diskutierter Streitpunkt unter den Eltern der jungen Damen. Denn die leisten den entsprechenden Fahrdienst. Ehrenamtlich, auf eigene Kosten und mit persönlichem Risiko. Willkommen in der Welt des Leistungssports.

Verdienen Profifußballer genug? Sandro Wagner hat seine Meinung zu diesem Thema kundgetan. Foto: "Icetea 99" (Autor), "Sandro Wagner nach Tor", Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sandro_Wagner_im_Trikot_von_Darmstadt.jpg
Verdienen Profifußballer genug? Sandro Wagner hat seine Meinung zu diesem Thema kundgetan. Foto: „Icetea 99“ (Autor), „Sandro Wagner nach Tor“, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sandro_Wagner_im_Trikot_von_Darmstadt.jpg

Sandro Wagner meint, wenn man sich so vehement für eine Sache einsetze, wie er es getan habe, müsse man entsprechend entlohnt werden. Und dann seien selbst 12 Mio. Euro, wie sie so mancher Kollege beim FC Bayern einsackt, längst nicht genug. Mir fällt es schwer, bei diesen Aussagen nicht zynisch zu werden. Zumal in Zeiten, in denen breite Bevölkerungsschichten Sorgen um ihre Renten haben und vor allem die Jugend häufig vor der Aussicht auf eine schleppende Karriere im Prekariat steht.

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Wie der gestrige Sieg des FC Liverpool unseren Blick auf den englischen Fußball verändern kann

von Dietrich Schulze-Marmeling – Der FC Liverpool hat den BVB nach einem extrem unterhaltsamen Spiel in einer begeisternden Atmosphäre besiegt. Das Spiel hat auch mit gewissen Mythen aufgeräumt, die bezüglich des Fußballs in England und der Premier League verbreitet werden.

Beginnen wir mit der Atmosphäre: Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet: „Es war, wie erwartet, das große Theater der Emotionen. (…) Im Stadion fand quasi ein Konzert statt. (…) Und irgendwie war es folgerichtig, dass sich dieses Spiel nicht mit einem kühlen Dortmunder Sieg zufrieden gab. (…) Die Spieler riefen, inspiriert von der flirrenden Atmosphäre, jedes Volt an Spannung ab.“

Jürgen Klopp am 25. Februar 2016
Jürgen Klopp am 25. Februar 2016; Quelle: Paul Robinson, „Juergen Klopp as manager of Liverpool FC“, CC BY-SA 2.0, https://www.flickr.com/photos/67136822@N06/24669321424/

Ich hatte auf einen Dortmunder Sieg gehofft. Aber als der BVB mit 2:0 führte, wollte ich das Liverpooler Anschlusstor – der Atmosphäre wegen. Als dies erzielt war, hoffte ich auf eine schnelle wholesale nba jerseys Antwort des BVB, um das Weiterkommen zu sichern. Dieses kam dann auch. Nun wollte ich den erneuten Anschlusstreffer. Mein Wunsch wurde erfüllt. Was dann kam, war eine unerwünschte Zugabe. Aber nach dem tragischen Schluss war ich nicht wirklich traurig. Dieses Spiel, vor allem aber die Atmosphäre im Stadion, hatte etwas geboten, was ich kaum noch für möglich gehalten hatte. Was bei mir eine viel tiefere und nachhaltigere Trauer auslöste, als es jede BVB-Niederlage könnte. Angesichts der Entwicklung, die der Fußball nimmt: Wie häufig werden wir so etwas noch erleben? Vielleicht war dies völlig ungewollt: Aber Stimme und Stil des Sport1-Kommentators weckten Erinnerungen an den alten Europapokal – irgendwie passend zu diesem Abend.

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„Jeder Nachteil hat einen Vorteil“. Was wir von Johan Cruyff für den Jugendfußball lernen können

Von Dietrich Schulze-Marmeling – Marco Henseling hat für Spielverlagerung.de einen sehr lesenswerten Beitrag zum Thema „Relative Age Effect“ (RAE) geschrieben. „Der RAE ist eines der interessantesten Phänomene im Nachwuchssport – und eines der besorgniserregendsten. Im Wesentlichen besagt er, dass innerhalb eines Jahres – oder genauer: innerhalb eines Selektionszeitraumes – früh geborene Sportler gegenüber jenen, die in einem späteren Monat geboren sind, systematisch bevorzugt werden. (…) Vom RAE sind vor allem kraft- und laufintensive Sportarten betroffen, die sich einer großen öffentlichen Beliebtheit erfreuen und in denen früh selektiert wird. All das trifft auf den Fußball zu.

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Geschlossene Gesellschaft?

Choreo der Bayern-Fans vor dem "Finale dahoam" 2012 gegen Chelsea. Autor: "rayand", CC-BY 2.0, https://www.flickr.com/photos/27478478@N00/7233018776
Choreo der Bayern-Fans vor dem „Finale dahoam“ 2012 gegen Chelsea.
Autor: „rayand“, CC-BY 2.0, https://www.flickr.com/photos/27478478@N00/7233018776

Von Dietrich Schulze-MarmelingIn Frankreich führt das von Katar gesponserte Paris St. Germain nach 32 Spieltagen die Tabelle mit einem Vorsprung von 25 Punkten an. Dies wusste man bereits vor Anpfiff der Saison. In der englischen Premier League gestaltet sich die Situation völlig anders. Dort führt nach 32 Spieltagen Leicester City, das nun wirklich niemand auf der Rechnung hatte. Hingegen ist für das von den Vereinigten Arabischen Emiraten gepäppelte Manchester City der Meisterschaftszug so gut wie abgefahren. City und Lokalrivale United müssen sogar um die Qualifikation zur Champions League zittern – trotz immenser Investitionen in ihre Kader. Liverpool liegt nur auf Platz neun, Roman Abramowitschs Chelsea auf Platz zehn – 25 Punkte hinter Leicester City. Ich weiß nicht, ob ich Leicesters Fußball mag. Aber darum geht es nicht. Es ist einfach eine schöne Geschichte, die dokumentiert, dass es noch einen Rest Gerechtigkeit und Überraschung im Fußball gibt.

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