Die Bundesliga – eine Halbzeitbilanz

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – „Verfall deutscher ‚Spitzenklasse!‘“, urteilten die Taktiknerds von spielverlagerung.de nach dem jüngsten Bundesligaduell zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund. Noch vor einigen Jahren seien diese Spiele „ein Augenschmaus“ gewesen. „Trainer bekriegten sich am Schachbrett; Spieler versuchten sich gegenseitig auszutricksen. Es ging darum, wer den Fußball hierzulande dominieren würde, wer schlauer als der andere ist.“

Als am 25. Mai 2013 im Finale der Champions League mit dem FC Bayern und dem BVB erstmals zwei deutsche Mannschaften aufeinander trafen, galt dies als Triumph des deutschen Klubfußballs über den spanischen. „El Pais“ titelte: „Adios Europa! Der Champion kommt aus Deutschland!“ Die internationale Presse dichtete Hymnen auf die Bundesliga. Schon damals wurde bezüglich der Spielstärke der Bundesliga etwas übertrieben. Dass „deutsche Finale“ kam auch zustande, weil das spanische Duo in dieser Saison schwächelte. Und der Premier League mangelte es noch an Trainern, die es verstanden, den Fußball ihrer Mannschaften auf die taktischen Anforderungen in Europa einzustellen.

In den folgenden Jahren erreichte nur noch der FC Bayern wenigstens das Halbfinale. 2015/16 war der seit dem Sommer 2013 von Pep Guardiola trainierte Rekordmeister vielleicht die beste Mannschaft Europas, scheiterte aber etwas unglücklich an Atlético Madrid.

Während seiner dreijährigen Amtszeit ließ Guardiola seine Bayern in diversen Systemen spielen, manchmal waren es in einem Spiel fünf oder sechs. Guardiolas Kollege Dieter Hecking: „Wenn ich die Bayern analysiert habe, wusste ich, wie sie anfangen. Aber ich wusste nie: Was machen sie nach 15 Minuten? Pep hat ja immer bewusst früh umgestellt, er wollte dem Gegner immer neue Aufgaben stellen.“ Laut Philipp Lahm stellte der Trainer „manchmal nur einfach so aus Spaß“ um. „Auch um zu zeigen, dass wir es können. Wenn es gut lief, wir zum Ende geführt und den Gegner an die Wand gespielt haben, stellte er eben noch einmal um. Aus Spaß am Spiel und um die Mannschaft weiterzuentwickeln.“ Möglich wurde dies, weil viele Spieler auch mal in andere Rollen als die angestammten schlüpften oder diese variantenreich interpretierten. Zumindest im Vergleich mit Real und Barça besaßen die Bayern einen schwächeren bzw. weniger mit individuellen Stars besetzten Kader. Was sie aber hatten, war ein exzellenter Trainer, der sein Ensemble auf eine spielerische und taktische Maximalhöhe trieb. Jogi Löw über die Guardiola-Bayern: „Sie haben die Champions League zwar nicht gewonnen, unter ihm aber als Verein einen Schritt nach vorne gemacht. Guardiola tat Bayern und der ganzen Liga gut.“

Ähnliches kann man auch über Thomas Tuchel sagen, der den BVB im Sommer 2015 übernahm, zu einer Vizemeisterschaft und einem Pokalsieg führte und in der Champions League Real Madrid ein Remis abtrotzte. Beim BVB war der Klopp’sche Fußball spätestens in der Saison 2014/15 an seine Grenzen gestoßen. Tuchel gelang überraschend schnell eine Reform des schwarz-gelben Spiels, das nun taktisch variabler wurde und – ähnlich wie das der Bayern – auf Dominanz und Ballbesitz setzte.

Die Bayern unter Ancelotti

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Mehmet Scholl und die „Studenten“

Dietrich Schulze-Marmeling

Von Dietrich Schulze-Marmeling – Mehmet Scholl prognostiziert den Untergang des deutschen Fußballs. Schuld seien die „Studenten“, die die Nachwuchsleistungszentren der Profiklubs übernommen hätten. Mit „Laptop-Trainern“ wie Domenico Tedesco und Hannes Wolf würde der deutsche Fußball „sein blaues Wunder erleben“. Vor allem in der Nachwuchsarbeit hätten solche Fußballlehrer nichts zu suchen: „Wir verlieren die Basis. Die Kinder müssen abspielen, sie dürfen sich nicht mehr im Dribbeln ausprobieren. Sie bekommen auch nicht mehr die richtigen Hinweise, warum ein Pass oder ein Dribbling nicht gelingt. Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärts laufen und furzen.“

Ja, es ist ein bisschen gemein. Aber bei Scholl kann ich mich nie des Eindrucks erwehren, dass hier ein Enttäuschter spricht. Jemand, der ein großer Spieler war und deshalb nicht verstehen kann, dass niemand auf die Idee kommt, ihm einen Job als Trainer- oder Ausbilder anzubieten. Scholl ist erst 47. Aber wenn er auf junge Trainer eindrischt, wirkt er häufig erstaunlich alt.

Trainer oder Spieler, das sind zwei ziemlich unterschiedliche Dinge. Eine erfolgreiche Spielerkarriere kann für den Trainerjob sehr hilfreich sein. Der Trainer sollte schon wissen, wie eine Fußballmannschaft funktioniert. Dafür muss er aber nicht auf höchstem Level gespielt haben. Viele große Ex-Spieler haben als Trainer wenig gerissen: Mario Basler und der von Scholl in höchsten Tönen gerühmte Stefan Effenberg sind nur zwei von vielen Beispielen. Der Trainer Lothar Matthäus war zwar etwas erfolgreicher als seine beiden ehemaligen Bayern-Kameraden, aber vom gleichnamigen Weltklassespieler trennt ihn trotzdem mehr als nur eine Liga. Umgekehrt waren auffallend viele erfolgreiche Trainer eher mittelmäßige Spieler: Volker Finke, Ralf Rangnick und Thomas Tuchel schafften es als Spieler nur in die dritte Liga, Jürgen Klopp kickte auch nur zweitklassig. Joachim Löw kam als Aktiver in der ersten Liga nie richtig an, wurde aber als Trainer immerhin Weltmeister. International kann man diese Liste noch u.a. durch José Mourinho und Alex Ferguson ergänzen.

Als Spieler eine Bereicherung

Mehmet Scholl hat als Spieler den deutschen Fußball bereichert. Als Trainer hinterließ er im Nachwuchsbereich des FC Bayern kaum Spuren. Finke, Rangnick, Tuchel, Klopp und Löw konnten Scholl auf dem Spielfeld nicht das Wasser reichen. Aber als Trainer haben sie dem deutschen Fußball wichtige Impulse gegeben.

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Euro 2016 – eine Turnieranalyse

018889938_30300Von Kieran und Dietrich Schulze-Marmeling – Mit Deutschland ist die vielleicht taktisch und spielerisch überzeugendste Elf der EM 2016 im Halbfinale ausgeschieden. Der Ausfall von Gomez, Hummels und Khedira – und während des Halbfinals auch noch Boateng – war einfach zu viel. Hinzu kam eine höchst unglückliche Dramaturgie. Nach einer starken französischen Anfangsphase hatten die Deutschen das Spiel komplett dominiert, aber ohne ein Tor zu erzielen, was sicherlich eine Schwäche im deutschen Auftritt war. Ein Tor fiel stattdessen auf der Gegenseite – durch einen Strafstoß in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit, den Bastian Schweinsteiger mit einem Handspiel verursacht hatte. Wenn es um ein Handspiel geht, ist das Ärgerliche an manchen Strafstößen: Es liegt ihnen nicht einmal die Verhinderung einer Torchance zu Grunde. Wilfried Sprenger (Westfälische Nachrichten) brachte die Problematik solcher Entscheidungen auf den Punkt: „So musste man die Situation nicht ahnden, aber die Maßnahme war auch nicht falsch.“ Vielleicht sollte man die Strafstoßregel mal überdenken und verfeinern. Mit der Führung im Rücken war der Rest des Halbfinals für die Franzosen leichter, wenngleich die DFB-Elf auch in diesem Spiel über weite Strecken die bessere war. Aber Frankreich war auch kein unverdienter Sieger.

Großartige, neue taktische Erkenntnisse kann man bei einer EM nicht erwarten. Hierfür sind die Teams viel zu wenig eingespielt. Hinzu kommt, dass das Turnier am Ende einer extrem strapaziösen Saison stattfand. Thomas Müller hatte in dieser Spielzeit einschließlich des EM-Halbfinals 63 Einsätze absolviert, was man ihm anmerkte. Es mangelte an mentaler Frische. Als Spieler von Bayern München, das in der Champions League in der Regel das Halbfinale erreicht, und Teilnehmer der WMs 2010 und 2014 sowie EM 2012 absolviert Müller ein solches Pensum bereits seit Jahren. In den sieben Spielzeiten 2009/10 bis 2015/16 kam Müller auf 429 Pflichtspiele, macht 61,28 pro Saison. Nicht mitgezählt: die Touren nach Asien und in die USA, um deren Märkte zu erobern.

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Anmerkungen zum Guardiola-Bashing

Pep_Guardiola_2015
Pep Guardiola bei einer Champions-League-Pressekonferenz im Jahr 2015 (Bogdan Zajaz, „Pep Guardiola as a coach of Bayern Munich 2015“, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pep_Guardiola_2015.jpg)

von Dietrich Schulze-Marmeling – Kurz vor Guardiolas Abgang nach England überschlagen sich einige Experten darin, dessen Leistungen beim FC Bayern herabzuwürdigen. Mit Felix Magath nun auch ein ehemaliger Bayern-Trainer, der in der Sendung „kicker.tv – Der Talk“ lapidar behauptete: „Ohne Champions League-Gewinn hätte das sicher auch ein anderer geschafft.“ Magath stellte sogar Guardiolas Wirken beim FC Barcelona nachträglich in Frage: „Guardiola hatte bei Barcelona die besten Spieler Europas.“ Richtig ist: Guardiola hatte einige der besten Spieler Europas. Und viele von ihnen gehörten in diese Kategorie, weil Guardiola sie ausgebildet oder weiterentwickelt hatte.

Nun, was lässt sich über Magaths Dienstzeit beim FC Bayern sagen? Als Magath im Sommer 2004 vom VfB Stuttgart zu den Bayern wechselte, machte er keinen Hehl daraus, dass es ihm primär um die Anreicherung seiner Vita um Titel ging. „Eine echte Chance, mit meiner Mannschaft Deutscher Meister zu werden, hatte ich in Stuttgart nicht.“ Schon damals konnte man Titel am ehesten mit dem FC Bayern gewinnen. Und auch damals wurde der Gewinn der Meisterschaft als Selbstverständlichkeit betrachtet.

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Wie der gestrige Sieg des FC Liverpool unseren Blick auf den englischen Fußball verändern kann

von Dietrich Schulze-Marmeling – Der FC Liverpool hat den BVB nach einem extrem unterhaltsamen Spiel in einer begeisternden Atmosphäre besiegt. Das Spiel hat auch mit gewissen Mythen aufgeräumt, die bezüglich des Fußballs in England und der Premier League verbreitet werden.

Beginnen wir mit der Atmosphäre: Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet: „Es war, wie erwartet, das große Theater der Emotionen. (…) Im Stadion fand quasi ein Konzert statt. (…) Und irgendwie war es folgerichtig, dass sich dieses Spiel nicht mit einem kühlen Dortmunder Sieg zufrieden gab. (…) Die Spieler riefen, inspiriert von der flirrenden Atmosphäre, jedes Volt an Spannung ab.“

Jürgen Klopp am 25. Februar 2016
Jürgen Klopp am 25. Februar 2016; Quelle: Paul Robinson, „Juergen Klopp as manager of Liverpool FC“, CC BY-SA 2.0, https://www.flickr.com/photos/67136822@N06/24669321424/

Ich hatte auf einen Dortmunder Sieg gehofft. Aber als der BVB mit 2:0 führte, wollte ich das Liverpooler Anschlusstor – der Atmosphäre wegen. Als dies erzielt war, hoffte ich auf eine schnelle wholesale nba jerseys Antwort des BVB, um das Weiterkommen zu sichern. Dieses kam dann auch. Nun wollte ich den erneuten Anschlusstreffer. Mein Wunsch wurde erfüllt. Was dann kam, war eine unerwünschte Zugabe. Aber nach dem tragischen Schluss war ich nicht wirklich traurig. Dieses Spiel, vor allem aber die Atmosphäre im Stadion, hatte etwas geboten, was ich kaum noch für möglich gehalten hatte. Was bei mir eine viel tiefere und nachhaltigere Trauer auslöste, als es jede BVB-Niederlage könnte. Angesichts der Entwicklung, die der Fußball nimmt: Wie häufig werden wir so etwas noch erleben? Vielleicht war dies völlig ungewollt: Aber Stimme und Stil des Sport1-Kommentators weckten Erinnerungen an den alten Europapokal – irgendwie passend zu diesem Abend.

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