40 Jahre 1978 … und kein bisschen weise

von Bernd-M. Beyer – Genau vier Jahrzehnte ist es her, dass die Fußballweltmeisterschaft in Argentinien stattfand, in einem Land, das seinerzeit von einer brutalen Militärdiktatur beherrscht wurde. In den politischen Wirren, die der Machtergreifung der Junta vorausgegangen waren, hatte die FIFA die Austragung des WM-Turniers als stark gefährdet angesehen. Und deshalb hatte sie es durchaus begrüßt, dass die Militärs nun mit eiserner Hand für „Ruhe und Ordnung“ sorgten (was rund 30.000 Oppositionelle das Leben kostete). Hermann Neuberger, DFB-Chef und WM-Organisationschef über den Verlauf der Turniervorbereitungen: „Die Wende zum Besseren trat mit der Übernehme der Macht durch die Militärs ein“, denn die FIFA habe nun „einen Partner mit Durchsetzungsvermögen“ bekommen.

Das Verhalten der FIFA und auch des DFB gegenüber den argentinischen Diktatoren ist seither zur Folie dafür geworden, wie man es nicht machen sollte – nämlich jegliche politische Kritik als sportfernes Störfeuer zu meiden und das Veranstaltungsland allein daran zu messen, ob es ihm gelingt, (egal wie) ein prima Sportereignis hinzukriegen.

Nur leider hat sich in dieser Hinsicht nicht viel verändert. WM- und Olympia-Austragungsländer wie China, Russland oder Katar mögen mit den argentinischen Faschisten von 1978 nicht direkt vergleichbar sein, doch die Herrschaftsstrukturen dieser Länder bewegen sich irgendwo zwischen autoritär und diktatorisch; die Menschenrechtslage ist katastrophal. Bei China und Russland muss man zudem von einem staatlich geförderten Dopingsystem ausgehen. Grund genug, kritische Zeichen zu setzen.

Männerfreund Putin

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Russische Randale bei der EM

von Dietrich Schulze-Marmeling – Die Anzeichen verdichten sich, dass es sich bei der Gewaltorgie russischer Hooligans um eine professionell geplante und organisierte Aktion handelte. Das waren keine „normalen Hools“, mit denen sich die Engländer prügelten. Englische Bierbäuche trafen auf durchtrainierte Burschen, die einer paramilitärischen Truppe ähnelten. Bestens ausgebildet und in der Lage, „hyper-schnelle und hyper-gewalttätige Interventionen“ durchzuführen, wie es Brice Robin, der Staatsanwalt von Marseille, formulierte.

Offensichtlich genießt diese Gruppe die Unterstützung zumindest von Teilen der russischen Politik und des russischen Fußballverbands. Igor Lebedew, stellvertretender Präsident des russischen Parlaments und Mitglied im Vorstand des russischen Fußballverbands: „Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht, Jungs! Weiter so!“ Die Hooligans hätten „die Ehre ihres Landes verteidigt und es den englischen Fans nicht gestattet, unser Land zu entweihen“. Und außerdem: In neun von zehn Fällen würden Fans zu Fußballspielen gehen, um zu kämpfen. Das sei normal.

Nicht nur Fußball

Für Lebedew geht es bei einer EM nicht nur um Fußball. Er will dem Westen vorführen, wie wehrlos, verweichlicht und schwul seine multikulturellen und liberalen Gesellschaften sind. Dazu passt auch ein Statement von Vladimir Markin, Leiter der Presseabteilung des einflussreichen Ermittlungskomitees der russischen Föderation, einer mit dem US-amerikanischen FBI vergleichbaren Behörde. Das Problem der französischen Polizisten sei, dass sie überrascht wären, wenn sie auf einen Mann träfen, der so aussieht, wie ein Mann aussehen sollte. Die Polizisten seien einfach zu sehr an schwule Mannsbilder gewöhnt – wegen der vielen Schwulen-Paraden in Frankreich.

Andrei Malosolov, Fußball-Journalist und ehemaliger Sekretär des russischen Fußballverbands, schrieb in einer Kolumne, wenn das russische Team ähnlich viel Leidenschaft zeigen würde wie seine Fans, würde es Europameister werden. Die Russen sollten stolz auf ihre Fans sein – ganz gleich, welche Konsequenzen deren Verhalten nun nach sich ziehen würde.

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Geschlossene Gesellschaft?

Choreo der Bayern-Fans vor dem "Finale dahoam" 2012 gegen Chelsea. Autor: "rayand", CC-BY 2.0, https://www.flickr.com/photos/27478478@N00/7233018776
Choreo der Bayern-Fans vor dem „Finale dahoam“ 2012 gegen Chelsea.
Autor: „rayand“, CC-BY 2.0, https://www.flickr.com/photos/27478478@N00/7233018776

Von Dietrich Schulze-MarmelingIn Frankreich führt das von Katar gesponserte Paris St. Germain nach 32 Spieltagen die Tabelle mit einem Vorsprung von 25 Punkten an. Dies wusste man bereits vor Anpfiff der Saison. In der englischen Premier League gestaltet sich die Situation völlig anders. Dort führt nach 32 Spieltagen Leicester City, das nun wirklich niemand auf der Rechnung hatte. Hingegen ist für das von den Vereinigten Arabischen Emiraten gepäppelte Manchester City der Meisterschaftszug so gut wie abgefahren. City und Lokalrivale United müssen sogar um die Qualifikation zur Champions League zittern – trotz immenser Investitionen in ihre Kader. Liverpool liegt nur auf Platz neun, Roman Abramowitschs Chelsea auf Platz zehn – 25 Punkte hinter Leicester City. Ich weiß nicht, ob ich Leicesters Fußball mag. Aber darum geht es nicht. Es ist einfach eine schöne Geschichte, die dokumentiert, dass es noch einen Rest Gerechtigkeit und Überraschung im Fußball gibt.

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