Die Bayern und die European Super League

Dietrich Schulze-Marmeling, Foto: Johannes Hölker

von Dietrich Schulze-Marmeling – Vorab: Ein bisschen ist die Debatte über die Pläne zur Etablierung einer European Super League eine „deutsche Diskussion“. In Deutschland scheint sich die Illusion, dass Sport eine moralisch blitzblanke Angelegenheit und ein Tummelfeld für Idealisten ist, besonders hartnäckig zu halten. Entsprechend groß ist nun die Empörung.

Schon bei Football Leaks Teil I, als es um den Steuerbetrug und andere schmutzige Geschäfte von Klubs, Beratern und Stars ging, dachte ich: Warum soll es hier anders zugehen als bei Banken und anderen Großunternehmen? Und in der Politik, könnte man noch hinzufügen.

Das Thema Super League ist so alt wie der Europapokal. Nein, genauer betrachtet noch älter. Von Plänen einer Europaliga (und auch einer Weltliga) konnte man gerade in den letzten Jahren immer wieder lesen.

Mit Uli Hoeneß in der Maske

1992 wurde in der Sat.1-Sendung „Talk im Turm“ zum ersten und wohl auch einzigem Male über Fußball getalked. Moderator der Sendung war Erich Böhme, der vor seinem Wechsel zum Privat-TV 17 Jahre Chefredakteur des „Spiegel“ gewesen war. Eingeladen waren Uli Hoeneß, Max Merkel, Volker Finke, Reinhold Beckmann und unsereins, der anschließend von Helmut Schümann in der „Süddeutschen Zeitung“ als neben Hoeneß „einziger Experte der Runde“ und „bislang unbekannter profunder Kenner der Szene“ vorgestellt wurde. Die Debatte war ziemlich gruselig, nach etwa einer Viertelstunde verabschiedete ich mich innerlich. Böhme hatte vom Thema keine Ahnung, stellte deshalb die falschen Fragen. Das Ganze geriet zu einem elenden Stammtisch-Gequatsche. Bis heute hat es keine TV-Anstalt verstanden, ihrem Publikum einen seriösen Fußballtalk zu servieren.

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Manuel, Mesut und Uli

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Manuel Neuer beklagt einen Mangel an Nationalstolz in der Nationalmannschaft: „Wir müssen wieder die Spieler da haben, die wirklich stolz sind, für die Nationalmannschaft zu spielen und alles dafür geben, für das eigene Land zu spielen.“ Neuer erwähnt Mesut Özil nicht namentlich, aber aus dem Kontext geht hervor, dass er ihn zumindest auch meint. Dass Neuer möglicherweise nachvollziehbare Gründe hat, auf Özil sauer zu sein, dazu später. Dass er nicht ein Wort über die rassistische Hetze gegen Özil verliert, zeugt von einem Mangel an Souveränität und ist ein Armutszeugnis. Und während sich die Kollegen Jérôme Boateng, Antonio Rüdiger, die selber schon Opfer rassistischer Attacken waren, Julian Draxler und Julian Brandt bei Özil nach dessen Rücktritt bedankten oder ihn gegen überzogene Kritik in Schutz nahmen, ist Neuers Statement auffallend empathielos und eines Kapitäns unwürdig. Neuer ist kein Rechter, aber wenn er Özil unterstellt, er sei nicht stolz darauf gewesen, für Deutschland zu spielen, übernimmt er deren Erzählung. Vor der WM schrieb das rechtsextreme Magazin „Compact“ über Özil und Ilkay Gündogan, dass die beiden „‚Deutsch-Türken‘ – eigentlich sind es Türken mit nachgeschmissenem deutschen Pass – uns allen die Freude an der WM vermiesen“. Jeder wüsste, dass „solche Typen nichts mit den Traditionen eines Fritz Walter, Franz Beckenbauer oder Olli Kahn zu tun haben und auch nicht zu unseren aktuellen Hoffnungen wie Timo Werner und Manuel Neuer passen“. Für diese Vereinnahmung konnte Neuer nichts. Aber für die nächste aus dieser Ecke sehr wohl.

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Anmerkungen zum „Fall Aubameyang“

Dietrich Schulze-Marmeling

Von Dietrich Schulze-Marmeling – Ich wundere mich immer wieder, dass Fans nicht wahrhaben wollen, dass Profifußballer tatsächlich Profifußballer sind.

Der Arbeitsplatz wird auch in anderen Berufen gewechselt – wegen eines höheren Gehalts, mehr Verantwortung und Macht, einer netteren Arbeitsatmosphäre, einer attraktiveren Stadt, dem Lebenspartner.

Wenn wir die mangelhafte Vertragstreue und Loyalität von Spielern beklagen (und dies manchmal berechtigterweise), dann sollten wir die anderen Akteure im Spiel (genauer: im Geschäft) nicht vergessen. Ein Spieler, der den Fans zu schwach ist oder ihnen auf Grund seiner Spielweise auf die Nerven geht, wird schon mal von den Rängen herunter aus der Mannschaft gemobbt. Der Spieler wird mehr oder weniger dazu gezwungen, das Weite zu suchen. Schließlich soll der Beruf auch ein bisschen Spaß bereiten. Aber es macht keinen Spaß, wenn bereits bei der Einwechselung das Murren und Pfeifen beginnt, wenn die Zuschauer deutlich demonstrieren: „Wir wollen nicht, dass du hier spielst.“ Manchmal wollen Fans sogar fast eine komplette Mannschaft wegschicken. (Im normalen Berufsleben würde dies folgender Situation entsprechen: Auf dem Flur vor dem Büro stehen 300 Leute, die lautstark fordern: „Hau ab!“ Und dabei vielleicht auch noch mit Gegenständen schmeißen.)

Auch Spieler werden ausgetauscht

Die Vereine schauen ständig nach Alternativen für einzelne Positionen. Eine ganze Armee von Scouts wird dafür beschäftigt. Und wenn sie die Alternative für die Position des linken Verteidigers gefunden haben, rückt der Spieler, der bislang die Position bekleidet hat, ins zweite Glied. Dabei spielt keine Rolle, dass er seit frühester Kindheit Fan des Vereins ist, seit dem 16. Lebensjahr in dessen Farben spielt und mit diesem zweimal Meister geworden ist.

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