Quo vadis, Ultras?

Von Dietrich Schulze-Marmeling – In einigen Stadien macht sich mittlerweile eine Anti-Ultra-Stimmung breit. In Münster ist die Situation mal wieder eskaliert, nachdem beim Spiel Preußen Münster gegen Energie Cottbus im Bereich der Ultras ca. 60 Rauchtöpfe gezündet wurden, wodurch auch einige unbeteiligte Zuschauer in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die „Ultras raus!“-Rufe häufen sich im Preußenstadion.

1000x diskutiert – 1000x nix passiert: das renovierungsbedürftige Preußenstadion. Quelle: Groundhopping Merseburg, "Preußen Münster v Dynamo Dresden / Münster fans complaining", CC BY-NC 2.0, https://www.flickr.com/photos/fchmksfkcb/15806962673/
1000x diskutiert – 1000x nix passiert: das renovierungsbedürftige Preußenstadion. Quelle: Groundhopping Merseburg, „Preußen Münster v Dynamo Dresden / Münster fans complaining“, CC BY-NC 2.0, https://www.flickr.com/photos/fchmksfkcb/15806962673/

Bevor ich auf Münster eingehe, fasse ich mal meine Probleme mit den Ultras zusammen: 1. Die Gruppen wirken häufig wie Geheimbünde oder Kaderparteien, was mit meinen Vorstellungen von einer demokratischen und offenen Gesellschaft kollidiert. 2. Man erhebt sich über den Rest der Zuschauer, beansprucht für sich etwas Besonderes zu sein: die einzig wahren Fans, „Gralshüter“ einer „traditionellen Fankultur“ – ohne so recht zu wissen, was „traditionelle Fankultur“ eigentlich war / ist. (Zuletzt habe ich sie an der Liverpooler Anfield Road erlebt – ohne Pyros, ohne Rauchtöpfe, ohne Ultras). 3. Man hegt einen elitären Führungsanspruch, was sich mit meiner Vorstellung von einer pluralistischen Gesellschaft beißt. Und der manchmal genau das unterdrückt, was man verteidigen will: traditionelle Fankultur. Hier kann die häufig strapazierte Behauptung „Ohne uns wäre hier gar nichts los“ den Charakter einer self-fulfilling prophecy bekommen. Sind Spontanität und andere Formen der Stimmungsmache erst einmal weggedrückt, bleiben tatsächlich nur noch die Ultras als Stimmungskanonen übrig. Wir wissen nicht, wie es um die Stimmung in den Stadien bestellt wäre, hätte es die Ultras nie gegeben. 4. Die extrem starke Betonung des Lokalpatriotismus‘. Es hat etwas Lächerliches, Aufgesetztes, Archaisches, ja Reaktionäres, wenn bei einem Derby zwischen Münster und Osnabrück noch einmal der Dreißigjährige Krieg ausgefochten wird. 5. Ich verstehe nicht, warum Pyros und Rauchtöpfe (wobei dies völlig unterschiedliche Dinge sind – so wie auch Rauchtöpfe und Rauchtöpfe unterschiedliche Dinge sein können) für die eigene Identität unverzichtbar sind. Was ist das für eine Identität, die bereits zusammenbricht, wenn nicht mehr gezündelt wird? 6. Liebe zum eigenen Verein ist okay. Hass, und damit meine ich wirklich Hass, auf andere Vereine ist fragwürdig und kontraproduktiv, sofern wir ein Fußballspiel als sportliche Auseinandersetzung begreifen. Als Fan des BVB und von Preußen hasse ich Schalker, Bielefelder und Osnabrücker nicht – ich möchte lediglich, dass wir gegen sie gewinnen. 7. Ich mag keine monotonen, von einem Capo dirigierten Gesänge. „Traditionelle Fankultur“ benötigt so etwas nicht. „Traditionelle Fankultur“ bestand nicht zuletzt aus einer spontanen Interaktion mit dem Spielgeschehen.

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Wie der gestrige Sieg des FC Liverpool unseren Blick auf den englischen Fußball verändern kann

von Dietrich Schulze-Marmeling – Der FC Liverpool hat den BVB nach einem extrem unterhaltsamen Spiel in einer begeisternden Atmosphäre besiegt. Das Spiel hat auch mit gewissen Mythen aufgeräumt, die bezüglich des Fußballs in England und der Premier League verbreitet werden.

Beginnen wir mit der Atmosphäre: Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet: „Es war, wie erwartet, das große Theater der Emotionen. (…) Im Stadion fand quasi ein Konzert statt. (…) Und irgendwie war es folgerichtig, dass sich dieses Spiel nicht mit einem kühlen Dortmunder Sieg zufrieden gab. (…) Die Spieler riefen, inspiriert von der flirrenden Atmosphäre, jedes Volt an Spannung ab.“

Jürgen Klopp am 25. Februar 2016
Jürgen Klopp am 25. Februar 2016; Quelle: Paul Robinson, „Juergen Klopp as manager of Liverpool FC“, CC BY-SA 2.0, https://www.flickr.com/photos/67136822@N06/24669321424/

Ich hatte auf einen Dortmunder Sieg gehofft. Aber als der BVB mit 2:0 führte, wollte ich das Liverpooler Anschlusstor – der Atmosphäre wegen. Als dies erzielt war, hoffte ich auf eine schnelle wholesale nba jerseys Antwort des BVB, um das Weiterkommen zu sichern. Dieses kam dann auch. Nun wollte ich den erneuten Anschlusstreffer. Mein Wunsch wurde erfüllt. Was dann kam, war eine unerwünschte Zugabe. Aber nach dem tragischen Schluss war ich nicht wirklich traurig. Dieses Spiel, vor allem aber die Atmosphäre im Stadion, hatte etwas geboten, was ich kaum noch für möglich gehalten hatte. Was bei mir eine viel tiefere und nachhaltigere Trauer auslöste, als es jede BVB-Niederlage könnte. Angesichts der Entwicklung, die der Fußball nimmt: Wie häufig werden wir so etwas noch erleben? Vielleicht war dies völlig ungewollt: Aber Stimme und Stil des Sport1-Kommentators weckten Erinnerungen an den alten Europapokal – irgendwie passend zu diesem Abend.

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