Wenn die Körpersprache stimmt. Oder auch nicht.

Bernd-M. Beyer: Körpersprache mangelhaft!

von Bernd-M. Beyer – Ich gebe es zu: Meine Körpersprache ist ein einziges Elend. Meine Schultern hängen nach unten und auch noch nach vorn; mein Gang ist gebeugt und schlurfend, mein Blick gesenkt. Gegen mich ist Mesut Özil ein aggressives Ausrufezeichen.

Ich weiß nicht, warum das so ist; einen Psychologen habe ich deswegen nie konsultiert. Ich bin schon als Kind so dahergelaufen, meine Oma hat vergebens versucht, es mir auszutreiben. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich seinerzeit kindliche Minderwertigkeitskomplexe geplagt hätten. Es war einfach so. Vielleicht messe ich aus diesem Grund der Körpersprache keine besondere Aussagekraft zu. Unglücklicherweise befinde ich mich damit im Gegensatz zur großen Mehrheit des deutschen Fußballvolks. Und seiner Kommentatoren im Fernsehen.

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WM-Fußball und Ballbesitz

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling Während und nach der WM wurde das Ende des Ballbesitzfußballs diagnostiziert. Dass dieses Turnier wegweisend für die weitere Entwicklung des Fußballs war, bezweifle ich. Russland 2018 war eine zweitklassige Veranstaltung, auf der Turnierfußball gespielt wurde. Folglich kann so manche Lehre auch nur auf den Turnierfußball Anwendung finden.

Die WM 2018 war einfach keine für Mannschaften, die ihre Tore erspielen wollten. Gegen defensiv gut stehende Teams fielen die Tore zu häufig nach Standards. Erspielt wurden Ecken, Freistöße und Einwürfe. Hoch aufgeschossene Innenverteidiger wurden so zur wichtigsten Angriffswaffe. Mancher erblickte darin einen neuen Trend. Aber es war eher ein Indiz für einen Mangel an spielerischer Qualität. Bei der WM fielen 45 Prozent der Tore nach Standardsituationen. In der Bundesliga waren es in der Saison 2017/18 lediglich 30,6 Prozent, in der Premier League sogar nur 26 Prozent. Je besser der Fußball, desto geringer die Zahl der Tore, die aus Standardsituationen resultieren.

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Manuel, Mesut und Uli

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Manuel Neuer beklagt einen Mangel an Nationalstolz in der Nationalmannschaft: „Wir müssen wieder die Spieler da haben, die wirklich stolz sind, für die Nationalmannschaft zu spielen und alles dafür geben, für das eigene Land zu spielen.“ Neuer erwähnt Mesut Özil nicht namentlich, aber aus dem Kontext geht hervor, dass er ihn zumindest auch meint. Dass Neuer möglicherweise nachvollziehbare Gründe hat, auf Özil sauer zu sein, dazu später. Dass er nicht ein Wort über die rassistische Hetze gegen Özil verliert, zeugt von einem Mangel an Souveränität und ist ein Armutszeugnis. Und während sich die Kollegen Jérôme Boateng, Antonio Rüdiger, die selber schon Opfer rassistischer Attacken waren, Julian Draxler und Julian Brandt bei Özil nach dessen Rücktritt bedankten oder ihn gegen überzogene Kritik in Schutz nahmen, ist Neuers Statement auffallend empathielos und eines Kapitäns unwürdig. Neuer ist kein Rechter, aber wenn er Özil unterstellt, er sei nicht stolz darauf gewesen, für Deutschland zu spielen, übernimmt er deren Erzählung. Vor der WM schrieb das rechtsextreme Magazin „Compact“ über Özil und Ilkay Gündogan, dass die beiden „‚Deutsch-Türken‘ – eigentlich sind es Türken mit nachgeschmissenem deutschen Pass – uns allen die Freude an der WM vermiesen“. Jeder wüsste, dass „solche Typen nichts mit den Traditionen eines Fritz Walter, Franz Beckenbauer oder Olli Kahn zu tun haben und auch nicht zu unseren aktuellen Hoffnungen wie Timo Werner und Manuel Neuer passen“. Für diese Vereinnahmung konnte Neuer nichts. Aber für die nächste aus dieser Ecke sehr wohl.

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Der DFB, sein Präsident und ihre Erklärungen

Dietrich Schulze-Marmeling, Foto: Johannes Hölker

von Dietrich Schulze-Marmeling – Am Wochenende des WM-Finales forderte Reinhard Grindel in einem Interview, Özil müsse sich zu Erdogan äußern – zwei Monate nach dem Fotoshooting mit dem Autokraten. Grindel begründete dies mit einem „veränderten Resonanzboden für das Thema Integration“, benutzte somit die rassistische Stimmung im Land als Druckmittel.*

Zur rassistischen Hetze gegen Özil verlor der DFB-Boss kein Wort. (Schon bei den rassistischen Attacken gegen Özil im September 2017 während des WM-Qualifikationsspiels in Prag – aus der deutschen Kurve wurde „Özil abschieben, Ausländer raus!“ skandiert – war die Reaktion des DFB lauwarm ausgefallen. Die Verantwortlichen waren darum bemüht, das Thema herunterzuspielen.)

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Kampagnen sind nicht genug

Christian Thibault

von Christian Thibault – Niemand möchte als Rassist bezeichnet werden, und doch steht jetzt in der Causa Özil der Rassismusvorwurf im Raum. Rassismus ist eine Ideologie, die wissenschaftlich widerlegt ist, es gibt keine verschiedenen Menschenrassen. Daher kann auch nicht eine Rasse mehr wert sein als die andere. Das wissen wir. Wie sollen wir da also Rassisten sein? Wir reden ja auch nur über die Kultur mancher Herkunftsländer und die mangelnde Integration der türkischen Mitbürger. Ach ja, und der Islam, wie soll der denn, bitte schön, nach Deutschland passen? Und doch steht der DFB jetzt vor dem Scherbenhaufen seiner Integrationsarbeit, und alle die schönen Fernsehkampagnen gegen Rassismus klingen nur noch hohl.

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Deutsch dank Özil

Robert Claus

von Robert Claus – Seit dem blamablen Ausscheiden der DFB-Auswahl in Russland werden die Gründe für den sportlichen Misserfolg intensiv diskutiert. Besonders Mesut Özil steht dabei – wieder einmal – im Fokus der Debatte. Kritiker werfen ihm ein lustloses Spiel sowie fehlende Identifikation mit Deutschland vor, was nicht zuletzt daran festgemacht wird, dass er die Nationalhymne vor Spielbeginn nicht mitsingt. Unterstützer Özils hingegen halten fest, wie viele Zweikämpfe er gewonnen und Chancen er kreiert habe. Das kann man machen, es verfehlt aber einen zentralen Punkt in der Debatte: die Funktionsweise von Rassismus.

Der britische Soziologe Stuart Hall schrieb einmal, die weißen Engländer*innen seien nicht rassistisch, weil sie die Schwarzen hassten, sondern weil sie ohne die Schwarzen gar nicht wüssten, wer sie selber sind. Hall, im Februar 2014 verstorben, hätte mit seinem Ausspruch auch die Debatte um „Integration“ in Deutschland meinen können. Beispiele gefällig?

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Anmerkungen zum deutschen Ausscheiden

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Ich gehe mal davon aus, dass das hier Geschriebene vielen zu seicht ist. Zu wenig Prügel für den Trainer. Zu wenig Prügel für die (angeblich) satten und lauffaulen Millionäre. Zu wenig Prügel für den DFB, der bei der Gündogan/Erdogan/Özil-Affäre (angeblich) versagt hat. (Die Kritik an der Haltung des DFB wurde irgendwann zum Selbstläufer – niemand musste, geschweige denn konnte, mehr erzählen, was der Verband hätte anders machen sollen.) Und vor allem: Keine Forderung nach rollenden Köpfen. Es wird jetzt also ziemlich langweilig.

Nein, mir ist wirklich nicht nach Prügel und Häme. Es waren einfach zu viele Spieler dabei, die in den letzten Jahren viel geleistet haben: Neuer, Hummels, Khedira, Özil, Kroos, Müller … Und ein Trainer, der mein Interesse an Länderspielen der Nationalmannschaft weckte, auf deren Konsum ich vorher viele Jahre bewusst verzichtet hatte. Der positiven und taktisch anspruchsvollen Fußball spielen ließ. Der den deutschen Fußball revolutionierte. Der uns vom Image befreite, wir seien eine Nation von jämmerlichen Rumpelfüßlern mit einem antiquierten Verständnis vom Spiel.

Häme und Prügel der „Fachleute“

Eigentlich darf man in diesen Tagen nicht viel Presse lesen und nicht viel Fernsehen schauen. (Bitte mehr Sendezeit für Christoph Kramer!) Ein Facebook-Kontakt schrieb mir: „Sportjournalismus verhält sich zu richtigem Journalismus wie Militärmusik zu richtiger Musik“ – manchmal ist das wirklich so, aber ich habe in den letzten Tagen auch viele angenehme Beiträge gelesen, die Hoffnung machen. Turnierpleiten sind immer die große Stunde der Fußballpopulisten und „Volks-Trainer“. Das Özil-Bashing hört nicht auf. Auch gegen Südkorea gab es wieder diesen einen Hauptschuldigen. Mit harten Fakten beschäftigen sich nur wenige.

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Özil, Gündogan und „unsere Werte“

Über deutsche und türkische Gefühlslagen

Dietrich Schulze-Marmeling, Foto: Johannes Hölker

von Dietrich Schulze-Marmeling – „AfD wirkt!“, postete Alice Weidel, als Jogi Löw gegen die Schweden auf Mesut Özil verzichtete. Natürlich glaubt auch Weidel nicht, dass Löw eingesehen hat, dass dieser „Türke“ Mesut Özil nicht in eine deutsche Nationalmannschaft gehört. Was Weidel meint, ist, dass rassistisches Mobbing funktioniert. Die Hetz- und Hasskampagne hatte möglicherweise Özils Leistungsfähigkeit in einem Ausmaß gehemmt, dass der Bundestrainer entschied, ihm lieber eine Pause zu gönnen. Der gegen die Schweden eingewechselte Ilkay Gündogan spielte spürbar mutlos, war vorrangig darauf bedacht, einen Fehlpass zu vermeiden. Das, was ihn eigentlich auszeichnet, war kaum zu sehen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wäre Ilkay Gündogan – nicht Toni Kroos – das Missgeschick beim schwedischen Führungstor unterlaufen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte Ilkay Gündogan kurz vor dem Abpfiff ein Foul begangen, mit der Folge eines Freistoßes, der im deutschen Tor landet. Vermutlich wäre es ihm noch schlimmer ergangen als dem Schweden Jimmy Durmaz, der vor Toni Kroos‘ Kunstschuss Timo Werner gelegt hatte. Durmaz, der türkische Wurzeln hat, wurde anschließend in den sozialen Netzwerken mit rassistischen Schmähungen überschüttet. Außerdem erhielten er und seine Kinder (!) Morddrohungen. Die AfD, das ist so klar wie Kloßbrühe, will das Scheitern dieser Nationalelf. Denn diese Mannschaft hat mit ihren Vorstellungen von Deutschland nichts zu tun. Bernd „das braune Brot“ Höcke fieberte mit Island. Vermutlich weil das Team so schön weiß und „reinrassig“ ist.

Deutschland ist empört. Weniger über Weidel und Höcke, sondern weil Deutschlands Deutschtürken Erdogan gewählt haben. Zweifellos hat Erdogan die Özil/Gündogan-Debatte geholfen. Angesichts des Rassismus, der anschließend durch die sozialen Netzwerke tobte, und nicht nur dort, musste er nur noch die Füße stillhalten. Der Doppelpass zwischen türkischen und deutschen Nationalisten hat funktioniert.

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Anmerkungen zur „Affäre“ Gündogan / Özil

Dietrich Schulze-Marmeling

von Dietrich Schulze-Marmeling – Dass unsere beiden Nationalspieler ein „fremdes“ Staatsoberhaupt als ihren Präsidenten bezeichnen, ist für mich nicht sonderlich problematisch. Als in den USA Obama gewählt wurde, war er für mich, der sich für die USA interessiert und Städte wie New York und Chicago liebt, ebenfalls „mein Präsident“. Obwohl ich kein US-Bürger bin, nicht einmal US-Wurzeln habe. Das hat mir damals niemand vorgeworfen. Und es muss ja auch die Möglichkeit bestehen, über das Oberhaupt des eigenen Staates zu sagen: „Er ist NICHT MEIN Präsident.“ Beispielsweise dann, wenn Alexander Gauland ins Schloss Bellevue einzieht.

Des Weiteren gebe ich zu bedenken, dass es eine Menge Leute in diesem Land gibt, die Problem damit haben, „unser Gündogan“, „unser Özil“ zu sagen. Wenn ein Özil im Nationaldress lethargisch wirkt, heißt es schnell: „Als Türke ist er nicht wirklich mit dem Herzen dabei.“ Der Auftritt von Gündogan und Özil mit diesem Erdogan ist vielleicht auch ein bisschen die andere Seite dieser Medaille. Wirklich problematisch ist etwas anderes: Dass sich Gündogan und Özil ohne jegliche Not vor einem Mann in den Staub werfen, der ein Despot ist, der die Opposition im eigenen Land brutal unterdrückt und tausende von Journalisten ins Gefängnis wirft. Da hilft auch Gündogans „Klarstellung“ wenig. Er spricht von einer „Geste der Höflichkeit“. Aber Erdogan „großen Respekt“ zu zollen, ist weit mehr als nur eine Geste der Höflichkeit.

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40 Jahre 1978 … und kein bisschen weise

von Bernd-M. Beyer – Genau vier Jahrzehnte ist es her, dass die Fußballweltmeisterschaft in Argentinien stattfand, in einem Land, das seinerzeit von einer brutalen Militärdiktatur beherrscht wurde. In den politischen Wirren, die der Machtergreifung der Junta vorausgegangen waren, hatte die FIFA die Austragung des WM-Turniers als stark gefährdet angesehen. Und deshalb hatte sie es durchaus begrüßt, dass die Militärs nun mit eiserner Hand für „Ruhe und Ordnung“ sorgten (was rund 30.000 Oppositionelle das Leben kostete). Hermann Neuberger, DFB-Chef und WM-Organisationschef über den Verlauf der Turniervorbereitungen: „Die Wende zum Besseren trat mit der Übernehme der Macht durch die Militärs ein“, denn die FIFA habe nun „einen Partner mit Durchsetzungsvermögen“ bekommen.

Das Verhalten der FIFA und auch des DFB gegenüber den argentinischen Diktatoren ist seither zur Folie dafür geworden, wie man es nicht machen sollte – nämlich jegliche politische Kritik als sportfernes Störfeuer zu meiden und das Veranstaltungsland allein daran zu messen, ob es ihm gelingt, (egal wie) ein prima Sportereignis hinzukriegen.

Nur leider hat sich in dieser Hinsicht nicht viel verändert. WM- und Olympia-Austragungsländer wie China, Russland oder Katar mögen mit den argentinischen Faschisten von 1978 nicht direkt vergleichbar sein, doch die Herrschaftsstrukturen dieser Länder bewegen sich irgendwo zwischen autoritär und diktatorisch; die Menschenrechtslage ist katastrophal. Bei China und Russland muss man zudem von einem staatlich geförderten Dopingsystem ausgehen. Grund genug, kritische Zeichen zu setzen.

Männerfreund Putin

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